Brille vom Optiker vor Ort oder aus dem Internet?

Die Brille muss sitzen und gut aussehen: Bei Sabrina Will von S. Adler in Darmstadt wird Design großgeschrieben. Foto: Guido Schiek

Der Augenoptik-Markt ist durch E-Commerce und Preisdruck in Bewegung. So reagieren Anbieter in Südhessen darauf.

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DARMSTADT/SÜDHESSEN. Viele Jahre war Christoph Mayer (Name geändert) Kunde eines großen Optikers, der Filialen im gesamten Bundesgebiet betreibt. Doch mit der Qualität des Materials war er nicht zufrieden. Einige Wochen nach dem Kauf waren die Gläser durchs Putzen leicht beschädigt. Da schnell Ersatz her musste, bestellte er zur Auswahl einige Brillen im Internet – die Werte hatte er noch vom Augenarzt. „Eine hat sofort gepasst und sah gut aus“, sagt Mayer. Er würde deshalb auch die nächste Brille übers Internet kaufen.

Rund zehn Prozent der Brillen-Käufe werden heute übers Internet abgewickelt. Nach einer Studie im Auftrag des Branchenverbands ZVA sind davon neun Prozent sogenannte Multichannel-Käufe, wenn der Kunde beispielsweise im Netz bestellt und die Ware im Geschäft abholt. Knapp 90 Prozent der Käufe werden stationär getätigt, also nur im Laden. Doch der E-Commerce nimmt zu und ist oft verbunden mit einem scharfen Preiswettbewerb. Zudem bietet die Digitalisierung auch Optikern neue Möglichkeiten. Fielmann bewirbt auf seiner Webseite etwa Sonnenbrillen mit virtueller 3D-Anprobe, und wer einen Termin möchte, kann diesen auch online buchen. Ähnliche Konzepte fahren andere große Anbieter wie Apollo Optik. Für inhabergeführte Optik-Geschäfte ist das eine Herausforderung.

„Als Mittelständler muss man ein Konzept haben, um am Markt zu bestehen“, sagt Ralf Hurlin, der mit seinem Bruder Jochen acht Filialen zwischen Nauheim und Flörsheim unterhält. Beide haben das Unternehmen übernommen, das die Eltern 1970 gegründet haben, und seitdem einige Trends beobachtet. Einige Kollegen hätten versucht, von billig bis teuer alles abzudecken, „doch das hat meist nicht funktioniert“. Hurlin ist vor allem im mittleren Segment stark, Alltagsbrillen sind hier zwischen 150 bis 350 Euro zu haben. Hurlin macht auch Hörgeräte-Akustik und bietet in vier Filialen sogar beides an. „Das schafft Synergien“, sagt der Optikermeister. Im Mittelpunkt stehe die Beratung, „dafür haben wir natürlich getrennte Teams“.

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Neuen Technologien gegenüber ist man aufgeschlossen. „Ab 2001 haben wir selbst ein Portal für E-Commerce aufgebaut und es nach acht Jahren wieder eingestellt.“ Das Angebot habe nicht zum Kerngeschäft gepasst, in dem Beratung Dreh- und Angelpunkt sei. Auch einen 3D-Scanner habe man ausprobiert. Damit wird der Kopf des Kunden automatisch vermessen und die Brille kommt maßgeschneidert aus dem 3D-Drucker. Die Technologie sei aber in den Kinderschuhen, sodass man das noch nicht forciere. „Die Haptik beim Kunststoff stimmt noch nicht.“ Mit Preisen ab 300 Euro aufwärts seien die Produkte zudem recht teuer.

Dass man auch im hochpreisigen Segment erfolgreich sein kann, zeigen zwei Beispiele aus Darmstadt. Unternehmerin Sabrina Will hat vor eineinhalb Jahren das Optikergeschäft S. Adler übernommen. Die meisten Brillen gehen hier für 300 bis 600 Euro über den Ladentisch. Auf der E-Commerce-Welle mitschwimmen, das kann sich Will nicht vorstellen. Da die Brillen von Onlineanbietern wie brille.de oder Mister Spex oft nicht passen, arbeiteten diese vermehrt mit stationären Optikern zusammen. „Dort wird die Brille dann angepasst“, sagt Will. Auch eine solche Kooperation ist für sie undenkbar.

Bei S. Adler setze man auf Qualität, „wir haben nichts auch China“. Will beschäftigt eine Meisterin und ist selbst Quereinsteigerin. Früher hat sie bei Armani gearbeitet und legt von Haus aus Wert auf gutes Design. Dafür brauche es „den richtigen Blick“ und den gebe es nur vor Ort. Unter anderem setzt sie sich mit einigen Independent-Labels von der Konkurrenz ab, die sie hessenweit exklusiv verkauft.

Auch Claudia Thierbach will vom Internethandel nichts wissen. Ihre Philosophie: „Bei mir bekommen Sie nur das Beste.“ Das gelte für die Fassung genauso wie für Gläser oder die UV-Beschichtung. Die Optikermeisterin hat in ihrer Filiale spezielle Geräte, mit denen sie ein Netzhautscreening vornehmen kann und Augenkrankheiten wie den „Grünen Star“ erkennen kann. „Das bieten andere nicht.“ Seit Kurzem beschäftigt sie wieder eine Auszubildende, „denn das gute Handwerk muss weiterleben“. Das schätzen ihre Stammkunden. Einer ist Markus Vogel (Name geändert). Nach einem langen Arbeitstag am Bildschirm schmerzten ihm früher die Augen. Thierbach sei die erste Optikerin gewesen, die ihm helfen konnte. „Sie hat mir die Gläser anders geschliffen und seitdem habe ich keine Schmerzen mehr.“ Auch so kann Kundenbindung funktionieren.

Von Anja Ingelmann