Krankenkassen erhöhen Beiträge und keiner merkt es

66 der 71 für alle geöffneten Kassen haben zum neuen Jahr ihre Beiträge erhöht.

Dass auch Versicherte bei der Finanzreform der gesetzlichen Krankenkassen zur Kasse gebeten werden, ist fast unbemerkt geblieben. Wie teuer wird es?

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Wiesbaden. Viele Krankenkassen haben die Zusatzbeiträge erhöht. Allerdings hat das kaum ein gesetzlich Versicherter mitbekommen. Denn die Kassen müssen über die steigenden Beiträge aufgrund einer Sonderregelung des Bundesgesundheitsministeriums zunächst nicht mehr direkt informieren. Nach einer Übersicht des Internetportals Check24 haben inzwischen 66 Krankenkassen den individuellen Zusatzbeitrag aufgestockt. Darunter seien auch größere Anbieter wie die DAK-Gesundheit. Ein Vergleich der Beitragshöhen lohne sich. Gesetzlich Versicherte könnten jährlich unter Umständen mehr als 300 Euro sparen, wenn sie zu einer günstigeren Krankenkasse wechseln, berichtet Check24. Mit der Finanzreform der Krankenkassen im Herbst 2022 habe das Bundesgesundheitsministerium eine Erhöhung der Zusatzbeiträge um 0,3 Prozentpunkte ermöglicht. Zudem sei die Beitragsbemessungsgrenze zum Jahreswechsel von 58.050 Euro auf 59.850 Euro gestiegen.

Versicherte laufen Gefahr, Beitragserhöhungen bei ihrer Krankenkasse gar nicht zu erkennen.

DG
Daniel Güssow Managing Director gesetzliche Krankenkassen bei Check24

„Die gesetzlichen Krankenkassen müssen ihre Versicherten nicht mehr schriftlich über Beitragserhöhungen informieren”, berichtet Daniel Güssow, der bei Check24 für gesetzliche Krankenkassen zuständig ist. Die Bundesregierung hat die Informationspflicht bis Ende Juni 2023 ausgesetzt. „Versicherte laufen Gefahr, Beitragserhöhungen bei ihrer Krankenkasse gar nicht zu erkennen.” Das ist brisant, da Versicherte innerhalb eines Monats ein Sonderkündigungsrecht haben, wenn ihre Kasse den Zusatzbeitrag hochschraubt. Ansonsten sind sie an die Wahl einer neuen Krankenkasse für zwölf Monate gebunden.

Bisher mussten die Kassen ihre Mitglieder spätestens einen Monat vor der Erhöhung auf den neuen Beitragssatz und das damit verbundene Sonderkündigungsrecht hinweisen. Übersteigt der Satz den durchschnittlichen Zusatzbeitrag aller Kassen, muss zusätzlich darauf hingewiesen werden, dass ein Wechsel in eine günstigere Kasse möglich ist. Von dieser Pflicht hat Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) die Kassen vorübergehend befreit, damit sie nach der offiziellen Begründung Portokosten sparen können.

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Zusatzbeitrag ist im Schnitt auf 1,5 Prozent gestiegen

Bisher lag der Durchschnittssatz der Zusatzbeiträge bei 1,3 Prozent. Nach dem Jahreswechsel ist der Beitrag auf 1,5 Prozent im Schnitt gestiegen. Ein vollzeitbeschäftigter Arbeitnehmer verdient durchschnittlich 4100 Euro brutto im Monat. Wenn eine Kasse den Beitrag um 0,3 Prozentpunkte erhöht, wären in diesem Fall zusätzlich monatlich 12,30 Euro fällig, im Jahr summiert sich der Betrag auf 147,6 Euro. Insgesamt müssen im Schnitt bei einem Zusatzbeitrag von 1,5 Prozent monatlich 61,5 Euro und jährlich 738 Euro draufgezahlt werden.

Große Unterschiede bei Beiträgen

Die Zusatzbeiträge klaffen allerdings weit auseinander. Nach einer Übersicht des Spitzenverbands der gesetzlichen Krankenkassen vom 13. Januar reicht das Spektrum von 1,99 Prozent bis 0,4 Prozent. Allerdings sind einige günstige Betriebskrankenkassen nur für Versicherte in bestimmten Regionen oder einzelnen Unternehmen geöffnet. Große Kassen wie die AOK Rheinland-Pfalz/Saarland liegen bei 1,8 Prozent, die AOK Hessen bei 1,6 Prozent oder die Barmer bei 1,5 Prozent. Vergleichsweise günstig sind der Übersicht zufolge die bundesweit geöffnete BKK Gildemeister Seidensticker mit 0,9 Prozent oder die BKK Herkules in Hessen mit 1,09 Prozent und die BKK Pfaff in Rheinland-Pfalz mit 0,80 Prozent. Die Betriebskassen von Merck (nur für Mitarbeiter) und R+V (bundesweit offen) liegen bei 1,4 Prozent. Die bundesweit geöffnete Techniker Krankenkasse verlangt 1,2 Prozent. Der Zusatzbeitrag wird zu gleichen Teilen von Arbeitnehmern und Arbeitgebern gezahlt.

Verbraucherschützer kritisieren Beitragserhöhung

„Die Erhöhung der GKV-Zusatzbeiträge vergrößert die Belastung, die einige Menschen schon jetzt nicht mehr abfedern können”, kritisiert Michaela Schröder von der Verbraucherzentrale Bundesverband. Die Verbraucherschützer begrüßen den Ansatz, den Ausgleich des Defizits der Krankenkassen auf mehrere Schultern zu verteilen. Allerdings seien die Maßnahmen unausgewogen und nicht nachhaltig. So würden die vermeintlich niedrigen Beitragssatzsteigerungen um durchschnittlich 0,3 Prozentpunkte besonders Versicherte mit niedrigen Einkommen spürbar treffen, da die Lebenshaltungskosten weiter steigen.

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Der Gesetzgeber hätte nach Ansicht der Verbraucherschützer auf die Anhebung der Beigtragssätze verzichten können. Stattdessen wäre ein erhöhter Bundeszuschuss, eine Senkung der Umsatzsteuer auf Arzneimittel von 19 auf sieben Prozent sowie ein auskömmlicher Ausgleich der Krankenkassenausgaben für Bürgergeldbezieher durch den Bund notwendig. Das fordert auch der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen. Die Erhöhung der Zusatzbeiträge wird darüber hinaus nach Ansicht des Verbraucherzentrale Bundesverbands den Preiswettbewerb zwischen den Kassen verschärfen und dabei den Blick auf qualitative Unterschiede zwischen den Krankenkassen weiter verstellen.