Helmut Schön: Das letzte Spiel ist das kürzeste

aus Zeit-Lupe

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Mit Mütze und WM-Pokal: Helmut Schön. Archivfoto: imago

Das Abschiedsspiel für Bundestrainer Helmut Schön endet 1978 wegen Nebels schon nach einer Stunde.

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. Von Ulrich Gerecke

Bescheidenheit und Größe hatten die ganze Trainerlaufbahn von Helmut Schön geprägt. So nimmt der Fußballlehrer auch seinen verunglückten Abgang von der großen Bühne am 15. November 1978 mit aller gebotenen Gelassenheit hin. „Ich hätte mir einen sportlich schöneren Abschied vorgestellt. Aber da ist nun nichts zu machen“, sagt Schön. Seinem letzten Spiel hatte der Nebel schon nach einer Stunde Spielzeit ein Ende gesetzt.

Eigentlich ist Schön an diesem diesigen Herbstabend bereits im Ruhestand. Die „Schmach von Cordoba“, das 2:3 gegen Österreich bei der Weltmeisterschaft in Argentinien im Sommer, war sein letztes Spiel als Trainer der deutschen Nationalmannschaft. Weil der DFB den Weltmeistercoach von 1974 allerdings würdig und daheim verabschieden will, gibt es im Vorfeld der Partie gegen Ungarn an jenem 15. November einen großen Bahnhof. Austragungsort ist das Frankfurter Waldstadion, also quasi vor der Haustür Schöns, der seit geraumer Zeit in Wiesbaden lebt. Es gibt Reden, ein Gala-Büffet und mediale Würdigungen im Überfluss. Helmut Schön selbst wünscht sich dagegen nur „viele schöne Tore“.

Daraus allerdings wird nichts. Klaus Fischers bildhübsches Flugkopfballtor pfeift der französische Schiedsrichter Robert Wurtz in der ersten Halbzeit wegen Abseits weg. Das hätte er mit Blick auf Schöns Wunsch auch lassen können, finden viele Besucher. Mit 0:0 geht es in die Halbzeitpause, dann legt sich dichtester Nebel über das Waldstadion. Es folgt noch eine Viertelstunde Fußball nach Gehör, wie DFB-Verteidiger Rolf Rüßmann berichtet: „Alle haben gehorcht, von wo der Ball ranrauscht, und da sind wir dann alle hingerannt.“ Sehen kann niemand mehr etwas – nicht die 45.000 Zuschauer, nicht die Spieler, auch nicht Helmut Schön auf der Trainerbank.

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Nach 60 Minuten bricht Schiri Wurtz die Partie ab. „Ich konnte vom Mittelkreis keinen meiner Linienrichter sehen, die Sicht wurde immer schlechter“, erklärt der Franzose, „das ist für die Zuschauer bitter, aber es gab keine andere Wahl.“ Auch das kurzzeitige Abschalten von Rasenheizung und Flutlicht kann den Nebel nicht vertreiben. Helmut Schön trägt’s wie alles in seiner Karriere mit Fassung. Der „Mann mit der Mütze“ nimmt selbige und geht nach Hause.