Club-Fans bedrohen Meister-Macher

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Herbert Widmayer (links), der Stratege: Beim Schach tüftelte der Trainer die Rasentaktik aus.  Archivfoto: imago

Nürnberg entlässt als erster Verein in der Fußball-Bundesliga seinen Trainer – um Herbert Widmayer zu schützen.

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. Von Björn-Christian Schüßler

In der Regel stellen sich Trainer vor ihre Spieler, wenn es mal nicht so läuft. Beim 1. FC Nürnberg war das vor 55 Jahren überraschend anders. Als Herbert Widmayer am 30. Oktober 1963 als erster Trainer der noch jungen Bundesliga-Geschichte freigestellt wird, schütteln die Fußballer der Franken nicht nur ungläubig mit dem Kopf. Sie entschuldigen sich sogar beim damals 49-Jährigen. „Uns ist das peinlich. Wir haben Achtung vor Ihnen und danken Ihnen mit Wehmut im Herzen“, wird Club-Kapitän Ferdinand Wenauer im Gespräch mit dem Ex-Coach später zitiert.

0:5 hatte das Team vier Tage zuvor gegen den 1. FC Kaiserslautern verloren. Nicht die einzige Pleite, die Widmayer im Oktober 1963 verantworten musste. Die unter dem gebürtigen Kieler 1961 deutscher Meister gewordenen Nürnberger, die 1962 den DFB-Pokal nachlegten und 1963 erst im Halbfinale des Europapokals der Pokalsieger an Atlético Madrid scheiterten, konnten in der neu gegründeten Bundesliga ihrem eigenen Anspruch nicht gerecht werden. Was letztlich dem Trainer angekreidet wurde. „Was heute und hier geschehen ist, ist eine riesige Sauerei. Dieses Leben ist wirklich ein Scheißspiel“, war Heinz Strehl stellvertretend für viele Clubberer auf dem Rasen aber überhaupt nicht einverstanden mit der Entscheidung des Vorstandes.

Heutzutage entziehen Vereinsvorstände Trainern das Vertrauen wegen Erfolglosigkeit. Der hochangesehene Widmayer, der den Traditionsverein zunächst auf die Erfolgsspur zurückführte, um dann ein Augenmerk auf die Förderung der Talente im fränkischen Umfeld zu legen, stolperte jedoch über die Club-Fans. Die hatten gegen den FCK in der heimischen Kurve Club-Fahnen verbrannt, den unter Bundestrainer Sepp Herberger ausgebildeten Widmayer, ein Taktiktüftler mit leidenschaftlicher Ansprache, als „Dreckschwein“ beschimpft, bespuckt, sein Auto beschädigt und seiner Ehefrau Gewalt angedroht. Der Vorstand wollte ihn mit der Freistellung schützen.

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„Wir wollten durch die Bundesliga das Spielniveau heben, gesteigert aber wurde nur der Vereinsfanatismus“, bewertete Widmayer seine Entlassung. In der Saison 1963/64 wurde mit Georg Gawliczek (Schalke 04) ein weiterer Trainer gefeuert. Die beiden Absteiger Preußen Münster und 1. FC Saarbrücken hatten dagegen mehr Geduld mit ihren Übungsleitern.