"Zu VfB-Spielen gehe ich ab Sommer erst einmal nicht mehr"

Foto: VfB

Wenn Trainer Dennis Bingenheimer im Sommer sein Amt beim Fußball-Landesligisten VfB Bodenheim abgibt, geht er auf Distanz zur Mannschaft - aus Respekt, wie er betont.

Anzeige

BODENHEIM. Nach vier Jahren gibt Dennis Bingenheimer (37) das Trainer-Amt beim Fußball-Landesligisten VfB Bodenheim an Jürgen Collet weiter. Wir haben mit ihm gesprochen.

Herr Bingenheimer, in der E-Jugend begann Ihre Laufbahn beim VfB. Im Sommer geht eine Ära zu Ende, warum?

Die Entscheidung hatte wirklich nur eigene Beweggründe, denn ich hatte das Gefühl, dass ich gerne auch mal wieder nach Hause würde. Dass andere Dinge wie die Familie oder Freunde auf der Strecke geblieben sind, war der Hauptgrund. Ich arbeite immer viel und in Kombination mit den ganzen geblockten Fußball-Tagen war es leider so, dass viele Dinge und vor allem wichtige Menschen einfach zu kurz gekommen sind. Gerade in der Corona-Pandemie mit den vielen Spielpausen ist mir bewusst geworden, was auch noch wichtig ist im Leben.

Das klingt sehr aufgeräumt und nüchtern. Ist Ihnen dieser Schritt nicht schwergefallen?

Anzeige

Ich glaube, so wie es jetzt war, ist es super. Ich weiß die Mannschaft gut aufgehoben und bin der Meinung, dass es auch so geht. Man darf sich selbst auch einfach nicht so wichtig nehmen, das ist völliger Quatsch. Das ist nun wie in jeder Lebenslage und bei allem: Wenn einer geht, geht es danach immer weiter. Natürlich habe ich in all den Jahren so unglaublich viele tolle Menschen kennengelernt, mit denen ich immer gerne meine Freizeit verbracht habe. Wir sind vom Kopf her alle in einem Alter und voll auf einer Ebene. Das zeichnet uns aus und hat unglaublich viel Spaß gemacht. Dazu bin ich unglaublich dankbar, dass mich alle stets so genommen haben, wie ich bin. Denn eines habe ich immer gesagt: Ich ändere mich nicht wegen Fußball.

Weiter geht es ab Sommer dann mit Jürgen Collet. Eine gute Lösung?

Ich würde nie sagen, dass das eine besser ist als das andere. Beides ist gleichgut auf seine Art und Weise, wobei ich natürlich ein ganz anderer Typ als Jürgen bin. Genau aus diesem Grund wollte ich aber von Anfang an nichts mit der Suche nach einem Nachfolger zu tun haben, da mische ich mich nicht ein. Das hat für mich auch etwas mit Respekt zu tun und genau deshalb wird man mich, wenn die neue Saison losgeht, auch am Anfang nicht als Zuschauer beim VfB Bodenheim sehen. Nicht aus fehlendem Interesse, sondern weil ich es einfach nicht will. Das macht man nicht. Genauso wenig möchte ich ja auch, dass mir jetzt da keiner reinredet und da ständig rumspringt. Solche Störfeuer kann niemand gebrauchen.

Das klingt erst einmal nach Abstand nehmen?

Ja, aber für mich heißt das gleichzeitig auch nicht, und das ist mir wichtig, dass ich von vornherein jetzt alles ausschließe, was für mich interessant sein sollte. Daher lasse ich mich jetzt auch nicht dazu hinreißen zu sagen, dass ich nie mehr etwas Vergleichbares mache.

Anzeige

Wie hat sich der Trainer Dennis Bingenheimer in den letzten vier Jahren entwickelt?

Ich weiß, das ist für Außenstehende sehr schwer zu verstehen, aber es gab nie nur den Trainer Dennis Bingenheimer oder die Mannschaft oder den Co-Trainer von Dennis Bingenheimer. Ich mag diese Trennung überhaupt nicht, denn wir haben in Bodenheim von vornherein ganz klar gesagt, dass es in dem ganzen WIR, das wir hatten, kein Ich gibt.

Das müssen Sie uns näher erklären...

Damit will ich sagen, dass Oliver Hoch als Co-Trainer und Leon Porsch als spielender Co-Trainer in dieser ganzen Konstellation einfach unglaublich wichtig waren. Oli Hoch als Mastermind, das Trainingsinhalte und Taktik festgelegt hat, und Leon als jemand, der immer der war, der den Finger in die Wunde gelegt hat. Der nie mit allem zufrieden war, der immer mehr wollte und Sachen bemängelt hat. Wir haben alle Pläne zu dritt erarbeitet und uns völlig ausdiskutiert. Das war manchmal sau anstrengend, weil es unglaublich müßig und zeitaufwendig ist, aber es war schon krass gut. Ich weiß auch ehrlich gesagt gar nicht, ob ich ohne die beiden überhaupt woanders funktionieren würde. Das war einfach geil, weil jeder auf seine Weise unglaublich anstrengend ist, aber auch unglaublich gut. Und das hat es ausgemacht.

Gehen wir etwas zurück, in deine Ihre erste Trainer-Saison: Damals seid Ihr gerade so dem Abstieg entgangen. Welche Erinnerungen haben Sie noch an diese schwere Zeit?

Was glauben Sie, wie es ist, wenn man zum ersten Mal so eine Mannschaft in so einer Liga übernimmt, und es geht von Woche zu Woche bergab. Du denkst zwar, du hast den völligen Tiefpunkt erreicht, und doch wird es noch schlimmer. Das war wirklich ein krasses Jahr. Irgendwie haben wir es dann in das Relegationsspiel gegen Geinsheim geschafft, dachten, das alles sei machbar und dann liegst du in diesem Spiel, dem wichtigsten Spiel des Jahres, nach 21 Minuten 0:3 hinten. Zwar haben wir uns noch auf 2:3 rangekämpft, aber eigentlich wären wir damals abgestiegen. Nur weil Dudenhofen aufgestiegen ist und es eine Kettenreaktion gab, sind wir überhaupt in der Liga geblieben.

Die Saison drauf seid Ihr Fünfter gewesen, in der abgebrochenen Runde 2020/21 Erster und habt nun als Dritter überwintert. Was ist passiert?

Irgendwann haben wir ein bisschen umgedacht in unserer Art und Weise zu arbeiten. Ab diesem Punkt hat es wieder Spaß gemacht. Der Schlüssel zum Erfolg war für mich, dass wir alle Spieler überzeugen konnten, dass wir mit dieser Art von Fußball etwas erreichen können.

Und die lautet?

Wir wollen den Ball, egal gegen welchen Gegner. Bis ins letzte Detail haben die Spieler diese Denkweise aufgesogen. Ich finde, wir haben Leute mit sehr großem Potenzial in unseren Reihen und haben trotz der immer wiederkehrenden Rückschläge stets das Beste aus unserer Situation gemacht. Das ist schon echt krass gut.

Das Spiel gegen Ingelheim steht noch aus und entscheidet für euch darüber, ob ihr es in die Aufstiegsrunde packt. Die Zielsetzung ist klar oder?

Definitiv, wir wollen unbedingt in die Aufstiegsrunde. Wir wollen in die Pfalz fahren und geile Spiele haben und nicht in eine Abstiegsrunde, in der wir schon fast so viele Punkte hätten, dass uns nichts mehr passieren kann. Deshalb wollen wir natürlich oben dabei sein. Aber wir wissen auch, dass das noch viel Arbeit ist. Zumal Ingelheim ja einen neuen Trainer und auch neue Spieler hat, die sich beweisen wollen. Das sind schon andere Voraussetzungen, wie noch in der Hinserie, zumal sie in der Tabelle schlechter dastehen, wie sie sind.

Was wäre dann in der Aufstiegsrunde für euch noch möglich?

Erstmal müssen wir es packen, dann können wir darüber sprechen. Aber klar ist, dass wir Vollgas geben, wenn wir es schaffen. Dann werden wir alles dazu tun, aufzusteigen. Die Mannschaft und das Potenzial dazu haben wir auf jeden Fall. Und verdient hätten wir es auch, bei all dem Mist, den wir durchmachen mussten. So viele Leistungsträger sind uns über Wochen ausgefallen, und wir haben trotzdem die Chance, mit einer ganz guten Punktzahl um den Aufstieg zu spielen. Das macht mich stolz.

Zum Abschluss noch ein Blick auf die Vorbereitung. Da fällt auf, dass ihr im Vergleich zu anderen Teams deutlich weniger Testspiele ausgemacht habt. Warum?

Ich habe beim letzten Mal gemerkt, wie schnell dir Leute wegfallen durch diese lange Pause. Daher haben wir die ersten zwei Wochen kein Testspiel und trainieren nur. Aus dem einfachen Grund, dass ich Angst um meine Spieler habe und sie auch schützen muss. Ich kenne sie alle und weiß, dass ich keinem von denen vor einem Spiel sagen kann: 'bitte mach langsam'. Das können die nicht. Das sind Bekloppte, die von der Leine gelassen werden wollen. Aber genau das ist mir zu gefährlich.

Hat sich beim Personal im Winter etwas getan?

Wir haben Yannik Lorenz aus der zweiten Mannschaft hochgezogen, weil er es total verdient hat. Er hat in der Zweiten super Leistungen gezeigt und in seinen zwei Einsätzen bei uns schon zwei Scorerpunkte gesammelt. Der hilft uns bei unserer letzten Aufgabe.