Tyrala geht direkt voran

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Ende 20. Früher, vor der NLZ-Revolution, galt das mal als das beste Fußballalter – vor allem für Positionen, die strategisches Geschick erfordern. Dann kamen all die...

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MAINZ. Ende 20. Früher, vor der NLZ-Revolution, galt das mal als das beste Fußballalter – vor allem für Positionen, die strategisches Geschick erfordern. Dann kamen all die Nachwuchsleistungszentren, die Debütanten im Profifußball wurden immer jünger, der Fußball schneller, auch hektischer, die Athletik wichtiger. Sebastian Tyrala führt inmitten all der Hochbegabten bei der U 23 des FSV Mainz 05 vor Augen, welchen Wert Routine und Cleverness haben können – mit 29 Jahren, im womöglich immer noch besten Fußballalter.

Der Wechsel vom Drittligisten Rot-Weiß Erfurt, wo Tyrala Kapitän und unangefochtener Stammspieler war, zum Absteiger an den Bruchweg kam durchaus überraschend – und war somit für die 05er ein echter Coup. „Ich habe mich sehr wohl gefühlt“, sagt der 1,71-Meter-Mann. Doch sein Ansinnen, den Vertrag über das Jahr 2018 hinaus zu verlängern, stieß auf taube Ohren. Also orientierte Tyrala sich neu, unterschrieb für zwei Jahre plus Option am Bruchweg, suchte sich mit seiner Familie und seinen zwei, bald drei Kindern ein Häuschen im rheinhessischen Sörgenloch. Er möchte heimisch werden, mit Trainerscheinen die Karriere nach der Karriere vorbereiten.

Der fünfjährige Sohn kickt inzwischen beim TSV Schott Mainz, und Tyrala hat sich in Rekordzeit bei den 05ern zurechtgefunden. Trainer Dirk Kunert ernannte ihn direkt zum Kapitän – Vize ist Noah Korczowski. Marcel Costly, Benjamin Trümner und Karl-Heinz Lappe bilden den Mannschaftsrat – und der 29-Jährige marschiert von Beginn an vorne weg.

„Keine Niederlagen, keine Rückschläge, keine Verletzungen“ – schon die Vorbereitung lief wie am Schnürchen, der 3:0-Regionalligaauftakt gegen den FSV Frankfurt fiel überzeugend aus. „Gut“ fand Tyrala die Partie, „aber wir haben noch viele Fehler gemacht.“ Immer auch das große Ganze im Blick haben, die Talente führen, das ist seine Aufgabe. Zum Beispiel seinen Nebenmann Ridle Baku, dessen Debüt im Männerfußball eindrucksvoll ausfiel. „Er hat eine phantastische Schnelligkeit, ein guter Kicker, der eine Riesen-Karriere vor sich hat“, urteilt der Routinier, „nicht nur er kann noch viel von mir lernen, sondern ich auch viel von ihm.“

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So resolut und kompromisslos der Deutsch-Pole gegen die Hessen zu Werke ging, so humorvoll geht es neben dem Platz zu. „Ich bin auch ein lustiger Vogel, der über sich selber lachen kann“, erzählt Tyrala. Er wirkt mit sich im Reinen. Von der U 16 bis zur U 20 durchlief er alle deutschen Nationalmannschaften, erhielt 2005 die Fritz-Walter-Medaille, lief in der Bundesliga auf, machte 2008 sogar ein Spiel für die polnische A-Nationalmannschaft. „Das kann mir keiner mehr nehmen“, sagt er, „ich bin absolut zufrieden mit dem, was ich in meinem Leben erreicht habe.“ Auch das unnötige Foul Jan Kollers im BVB-Training, das ihm den ersten Kreuzbandriss und in der Folge einen Karriereknick bescherte, beurteilt er heute mit Milde.

In den drei Jahren bei der Spvgg. Greuther Fürth (2011 bis 2014) folgten Kreuzbandriss Nummer zwei und, im ersten Training nach sechs Monaten Reha, Nummer drei. Tyrala liebäugelte mit dem Karriereende. „Ich habe drei Monate Abstand genommen, viel zugenommen. Da hat es mich wieder gepackt.“ Fahrradfahren, Dehnen, Eistonne – Vor- und Nachbereitung von Training und Spielen sind aufwendiger als bei anderen, „aber ich kann jede Einheit mitmachen“, sagt er.

Von drei Kreuzbandrissen nicht unterkriegen lassen

Zum Abschluss der Karriere wollte er unbedingt noch einmal mit jungen Spielern arbeiten, als Führungspersönlichkeit. Da kam die Offerte der 05er wie gerufen. „Ich bin nicht mehr der Schnellste, aber die Jungs helfen mir mit ihrem Tempo“, sagt Tyrala, „ich habe ein gutes Passspiel, kann das Spiel auch mal beruhigen, ihm einen Rhythmus geben.“ Die Sechserposition passe da für den langjährigen Offensivmann „wie die Faust auf’s Auge“ – zumindest jetzt, im besten Fußballalter.