Wortpiratin: "Arsch retten first, Fans second"

aus Mainz 05

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Die Fans des 1. FSV Mainz 05. Foto: dpa

Bei der Fortsetzung der Bundesliga ist es legitim, auf die Sonderrolle der Profiligen hinzuweisen. Aber die DFL sollte dabei nicht die Fans für blöd verkaufen.

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MAINZ. Nach langem hin und her ist nun klar, die 1. und die 2. Bundesliga werden zumindest wieder anlaufen. Ob es tatsächlich gelingt, die Saison zu Ende zu spielen, wird sich zeigen. An dieser Entscheidung ist vor allem positiv, dass die leidige Diskussion beendet ist, doch andere werden folgen. Eine davon muss sein, wie in der Debatte das Bild der Fußballanhänger*innen geprägt wurde, denn das war oft unerträglich, sogar über das bereits gewohnte Maß hinaus. Die Leute, die da diskutier(t)en, halten Fans offenbar wahlweise für Idioten und Aggressor*innen – oder wollen sie schlicht für dumm verkaufen. Beides ist, unabhängig von der eigentlichen Debatte, ermüdend, nervig und übrigens auch alles andere als fair.

Es ist ja nachvollziehbar, dass an der Wiederaufnahme ein wirtschaftliches Interesse besteht. Schön wäre es, das dann auch so zu Protokoll zu geben, statt sich ständig als Retter der Welt vor dem Kollaps zu gerieren, der ihr vermeintlich durch den diffusen aktuellen Mix aus Sorge, Langeweile und dem Unmut über die Veränderung der Lebensumstände droht. Dem Fußball gilt in der Krise weiter die alte Frage: Habt ihr es vielleicht auch eine Nummer kleiner?

Die Wiederaufnahme der Profiligen solle, so die Theorie, den Menschen ein Stück Normalität zurückgeben. Diese Behauptung ist so arrogant wie falsch. Für die Mehrzahl der Menschen, in deren Leben der Fußball eine besondere Bedeutung hat, sind Geisterspiele in den Profiligen denkbar weit von Normalität entfernt. Zu der gehört es, die Wochenenden mit den Menschen zu verbringen, in deren Gemeinschaft Fußball erst seine ganz besondere Bedeutung bekommt. Das passiert in den Kurven, die aber bekanntlich auf unbestimmte Zeit geschlossen bleiben. Es geschieht außerdem ganz intensiv auf den Plätzen in den Ligen fern der Profispiele, deren hohe soziale Bedeutung aktuell permanent kleingeredet oder weggeschrieben wird. Es ist die eine Sache, dass derlei Begegnungen aktuell nicht möglich sind, eine andere ist es aber, quasi als Ersatz das reine Spiel vor leeren Rängen derart als Heilsversprechen zu propagieren.

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Akzeptanzverlust bei den Fans droht nach Corona

Natürlich ist es legitim, wenn Verantwortliche auf die Sonderrolle der Profiligen hinsichtlich des Berufssports hinweisen. Aber dann bitte auch darüber hinaus bei den Fakten bleiben, also ehrlich benennen: Es geht um Kohle. Stattdessen permanent zu suggerieren, da würden etwa Konzepte erarbeitet, um jenen gerecht zu werden, die den Fußball lieben und leben, ist eine Farce. Die spielen in diesen Überlegungen sehr offensichtlich keine Rolle und es wäre nur fair, das wenigstens zuzugeben: „He, tut uns leid, Arsch retten first, Fans second.“ Die aber für blöd zu verkaufen, steigert nicht gerade die Akzeptanz für die Zeiten ohne Stadionerlebnisse. Will man Fans postcorona wieder in den Kurven sehen, sollte man daran schon jetzt den einen oder anderen Gedanken verschwenden. Oder gleich ehrlich sagen: Waren schöne Jahre, aber wir brauchen euch nicht mehr, die zahlende Fernsehkundschaft reicht uns vollkommen.

Stattdessen stellen die Akteur*innen der DFL in Puncto Fans auf Durchzug und behandeln sie mit unsäglichem „Ihr wollt es doch auch“-Duktus wie ein Kind, das nicht wissen kann, was es will. Während die Anhänger*innen wieder und wieder erklären, welche Probleme sie mit einer Sonderrolle des Profisports sehen, nicken die DFL-Verantwortlichen, geben zwischendurch ein Wohlfühl-Interview über Verantwortung und Veränderung in einer nicht näher bezeichneten Zukunft – und machen dann einfach weiter. Wie früher die unangenehme Großtante, die nach einem leidenschaftlichen Referat über die üble Haltung von industriellen Milchkühen „Schön, schön“ gemurmelt und dann den nächsten Schlag Sahne auf sämtliche Kuchenteller geklatscht hat. Muss ja irgendwie weitergehen. Arsch retten first, echte Veränderungen second.

"Die ganz normale Aggression mit Fußball kompensieren"

Derweil erklären Psycholog*innen, mit Geisterspielen ließen sich Aggressionen abbauen. Der Österreicher Reinhard Haller glaubt zum Beispiel: „Das hohe Aggressionspotenzial, das sich in den Menschen während der Corona-Krise aufgestaut hat, muss irgendwie abgeführt werden.“ Dafür eignen sich Geisterspiele seiner Meinung nach gut, worin ihn

Aggressionsforscher Jens Weidner bestärkt: „Wir können die ganz normale Aggression, die in jedem steckt und die 99% der Menschen kontrollieren können, wenn sie wollen, mit Fußball kompensieren.“ Kennt man ja, Fußballanhänger*innen landauf, landab haben Samstag, 15.30 Uhr Aggressionen abbauen im Kalender stehen. Bei Spielen vor dem heimischen TV bekommt dann halt – in dem Klischee weitergedacht – nicht der gegnerische Fan, sondern der Dackel aufs Maul. Und man fällt beim Tor nicht Nebenmenschen in die Arme, sondern wirft das Sofakissen in die Luft und boxt es im Landeanflug euphorisch gen Empfangsgerät. Das wird echt super, versprochen.

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Fan-Stereotype lassen sich nicht ausrotten

Das Bild vom proletigen, männlichen Fan, der sich gern auf dem Weg zum Stadion prügelt oder während der TV-Übertragung am Sack kratzt, ist offenbar eh nicht auszurotten. Diese üblen Typen bleiben auch die gedankliche Gefahr bei Geisterspielen, weil sie die ja nutzen könnten, um Massenaufläufe in Stadionnähe zu produzieren. Hunderttausende, die jedes Wochenende friedlich zum Fußball zusammenkommen, können angesichts dieser Stereotype bloß den Kopf schütteln. Weibliche Fans oder die vielen fußballliebenden Kinder und Teenager*innen gibt es in diesen Gedankenwelten nicht, zumindest kommen sie in den Meinungsäußerungen zum Thema selten vor. Was letztlich konsequent ist, schließlich werden sie auch ausgeklammert oder müssen sich hintenanstellen, wenn es darum geht, Fußball wieder aktiv zu betreiben. Unmöglich, so viel Stadionrasen zu fressen, wie frau angesichts von so viel Fehlzuschreibung und Heuchelei kotzen möchte.

Von Mara Pfeiffer