Wortpiratin: And I miss you like craaahayzeeeee!

aus Mainz 05

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05-Schals wird man beim Bundesliga-Auftakt in Leipzig nicht sehen. Archivfoto: dpa

Ist Fußball systemrelevant? Nein. Aber dennoch vermissen wir das Erlebnis im Stadion. Warum wir Sehnsucht nach einem Ort haben, der systemrelevante Erlebnisse schaffen kann.

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MAINZ. Kennen Sie den schon, was machen 80 Millionen deutsche Bundestrainer in der Corona-Krise? Schulen um auf Fußballvirologie und Systemrelevanz. Gut, können Sie nicht kennen, habe ich mir gerade ausgedacht. Beschreibt ein Phänomen, das nicht nur den Fußball betrifft, hier aber besonders intensiv verbreitet ist: Alle wissen immer alles – und das auch besser. Dabei gilt die Gleichung, je weniger Ahnung, umso mehr Meinung. Deswegen äußern sich aktuell besonders gerne auch jene, die bislang nicht mehr über den Sport wussten, als dass ein Spiel 90 Minuten dauert. Jesses! Ob Fußball gespielt werden darf oder nicht, dürfen zum Glück weder Sie, noch ich, noch jene, die ihren Abschluss in systemrelevanter Sportvirologie im Schnellstudium auf dem heimischen Sofa gemacht haben, entscheiden.

Fest steht, 05-Coach Achim Beierlorzer hat Recht, wenn er sagt, man dürfe den Fußball nicht über die Gesellschaft stellen. Gedankenspiel über zigfaches Durchtesten der Spieler, die bei einigen Vereinen angeblich bereits in die Realität umgesetzt werden, verbieten sich. Das sagen auch die organisierten Fans – und zwar schon eine ganze Weile. Richtig ist, Fußball ist nicht systemrelevant. Das heißt aber nicht, er hat keine Bedeutung. Wer sowas sagt, versteht nicht, dass an diesem Sport nicht nur Spieler*innen, die Funktionär*innen und Mitarbeiter*innen in Clubs, Gremien und Verbänden hängen, sondern eben auch und vor allem Fans, ob organisiert oder nicht. Das gilt übrigens nicht nur im Profifußball, sondern bis in die untersten Ligen, die in der Krise teils ähnlich und völlig anders getroffen sind, aber nicht vergessen werden dürfen. Weder von der Gesellschaft, noch von den besser betuchten Profivereinen.

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Diesen Fans ständig zu sagen, ihr Lieblingshobby sei von allen kackegalen Dingen momentan so ziemlich am kackegalsten und könne ruhig über Monate ausfallen, weil Fußballmillionäre und blabla, ist ziemlich unfair. Zumal die Fans, anders als manches Klischee über diese enorm heterogene Gruppe es vermuten lässt, ja nicht doof sind, sondern sich durchaus darüber im Klaren, dass im Fußball nicht alles immer nur total dufte ist. Wer genau hinhört, könnte sogar wissen, wie regelmäßig und intensiv Fans gegen vielfach kritisierte Zustände in ihrem liebsten Sport, dessen Organisation und Verbänden protestieren und wo sie ihn positiv verändern.

Aber Schwamm drüber. Auch ohne das zu wissen wäre es nett, wenn Fußball nicht ständig als Beispiel dafür herhalten müsste, was gerade wirklich überhaupt niemand braucht. In dieser „Argumentation“ wird nämlich vergessen, dass das Geschehen auf dem Rasen bloß ein Aspekt dessen ist, was Leute jedes Wochenende ins Stadion treibt. Ein anderer sind die Menschen, denen sie begegnen. Manchen seit Jahren, Jahrzehnten.

Die in den Kurven ihre Gefährt*innen geworden sind, mit denen sie Erfolg bejubelt, Abseitsentscheidungen verflucht, Spieler*innen angefeuert oder verabschiedet und Abstiege beweint haben. Es ist eine ganz besondere Gemeinschaft, die Fans in ihren Blöcken miteinander verbindet. Ob stehend oder sitzend, ob Hintertor und Gegengerade, Ultra oder VIP. Diese Verbindungen sind zwar nicht identisch, etwas in ihnen aber gleicht sich doch, was aus den intensiv emotionalen Momenten erwächst, die an diesem besonderen Ort miteinander geteilt werden. Ich mag um mich herum nicht jeden Namen kennen – und kenne doch jedes Gesicht. Das des jungen Kerls, der immer etwas lauter singt als alle anderen. Das der Kollegin, die ich aus dem Verlag schon so lange kenne. Jenes des Mannes, der längst zu krank und eingeschränkt ist, um die Spiele im Stehblock zu verfolgen, der aber dennoch immer noch kommt, weil er nicht anders kann.

Andere kenne ich intensiver, ihre Namen, ihre Geschichten. Sie zaubern mir ein Lächeln ins Gesicht, wenn ich sie vor Anpfiff dort begrüße. Wir wissen nicht alles voneinander und kennen uns doch auf eine Weise, die besonders ist und nah. Ich habe in verweinte Augen geblickt, als der Klassenerhalt auf der Kippe stand, habe Trost gespendet über kurz vor Anpfiff verstorbene Eltern und Umarmungen empfangen, wenn es mir selbst beschissen ging.

Ich habe über Tore gejubelt, kalte Pommes geteilt und für andere in der Bierschlange gestanden. Das Stadion ist ein Stück Heimat für mich und so wie mir geht es vielen, vielen Menschen, die den Fußball und das, was zu ihm gehört, lieben. Wir alle wissen, aktuell ist eine Rückkehr an diesen magischen Ort, unser Stadion, nicht möglich – und vielleicht wird das lange so bleiben. Aber wir verspüren Sehnsucht nach dem Tag, wenn wir uns alle dort wiedersehen. Mag Fußball auch als solches nicht systemrelevant sein, so sind die Momente der Begegnung, die er uns beschert, doch sehr relevant für unsere Systeme. Und deswegen vermissen wir sie aktuell ziemlich heftig.

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Von Mara Pfeiffer