"Pyrotechnik nicht erlaubt" - Neuer Mainz-05-Boss Johannes...

aus Mainz 05

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Der neue Mainz 05-Vorstandsvorsitzende Johannes Kaluza. Foto: Harald Kaster

Seit Sonntag wurde viel über ihn gesprochen, nun spricht Johannes Kaluza im Interview mit dieser Zeitung. Über seine für ihn überraschende Wahl zum Vorstandsvorsitzenden des...

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MAINZ. Seit Sonntag wurde viel über ihn gesprochen, nun spricht Johannes Kaluza im Interview mit dieser Zeitung. Über seine für ihn überraschende Wahl zum Vorstandsvorsitzenden des 1. FSV Mainz 05. Über seine Rolle. Und über Pyrotechnik.

Herr Kaluza, was waren Ihre ersten Amtshandlungen? Da meine Wahl wirklich überraschend kam, war der Montag schon lange mit anderen Dingen verplant. Am Dienstag war ich um 8 Uhr auf der Geschäftsstelle, habe mich den Mitarbeitern vorgestellt und mit der Geschäftsleitung zusammengesessen, um erste Dinge der Zusammenarbeit zu besprechen. Auch um einen Plan zu entwickeln, wie ich mich einarbeiten kann.

Sie erleben schließlich das erste Mal einen solchen Fußballverein von innen... Von außen in einen Verein zu kommen, hat Vorteile und Nachteile. Ein Vorteil ist, dass ich die Dinge unvoreingenommen bewerten kann, auf der anderen Seite muss ich natürlich jetzt auch eine Menge lernen. Ich bin kein Einzelkämpfer mehr, der Wahlkampf macht, sondern ein Teamplayer und Organ des Vereins. Während mein Wahlprogramm Ideen enthält, geht es nun an die konkrete Umsetzung von Dingen. Da stehen für mich die Mitgliederorientierung und die Einzigartigkeit des Vereinslebens im Vordergrund. Das will ich angehen, aber natürlich nicht alleine, sondern gemeinsam mit dem großen Know -How in der Geschäftsstelle.

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Kam die Wahl für Sie tatsächlich überraschend? Für Sie nicht?

Sie waren zu Beginn der große Unbekannte und haben die anderen beiden Kandidaten bis zur Mitgliederversammlung überholt... Ich empfand es als sehr unwahrscheinlich, weil ich ja nur mit der Kraft meiner Ideen überzeugen konnte. Ich hatte sonst nichts in den Wahlkampf zu werfen. Die Aussage, dass ich gegen einen übermäßigen Kommerz im Fußball bin, hat sicherlich den Nerv vieler Mitglieder getroffen. Und mit dieser Einschätzung stehe ich sicher nicht alleine da. Dieses Gefühl ist auch schon von hochrangigen Funktionären im Fußball formuliert worden.

Sehen Sie wirklich eine Chance, als Vorsitzender von Mainz 05 etwas an dieser Entwicklung zu ändern? Ich suche den Dialog mit den anderen Traditionsvereinen. Unter den Bundesligisten und Zweitligisten gibt es sicherlich genug Klubs, die unter ähnlichen Mechanismen leiden wie wir. Es gibt bisher nur eine Beschreibung, dass es Marktmechanismen gibt, die wir alle nicht mögen, es gibt aber keine Analyse, warum es so läuft. Warum sind wir nicht einmal in der Lage, die 50+1-Regel durchzusetzen? Ich möchte mit meinen Kollegen eine Diskussion anstoßen, die in die Tiefe geht. An dieser Diskussion müssen wir auch die Fans beteiligen, eine Diskussion unter Funktionären reicht nicht aus. Wir werfen an dieser Stelle einen Stein ins Wasser, um zu sehen, wie wir gemeinsam diese Probleme lösen können. Natürlich braucht man auch im Fußball Geld. Die Branche leidet nicht unter Geldmangel, aber unter einer massiven Ungleichverteilung.

Wie stark wollen Sie sich in sportliche Fragen einmischen? Spitzensport kann man nicht demokratisch organisieren. Es muss Verantwortliche geben, wie einen Sportvorstand oder einen Trainer, die die sportlichen Entscheidungen treffen. Das kann gar nicht demokratisch sein. Deshalb werde ich mich aus den rein sportlichen Bereichen natürlich raushalten. Das können Rouven Schröder und Sandro Schwarz viel besser. Ich bin ein Mann der Wirtschaft und kein Fußball-Fachmann.

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Aber ist ein Mitmachtraining für Fans nicht ein Eingriff in den sportlichen Bereich? In meinem Wahlprogramm gibt es zwei Elemente: Die Programmatik, in welche Richtung ich gehen will, und die Ideen, die ich einbringen möchte. Ich werfe auch da Steine ins Wasser, um Dinge anzustoßen. Ich bin angetreten als jemand mit frischen Ideen, der Denkblockaden aufbrechen und Inhalte diskutieren möchte – auch, wie wir eine Nähe zwischen Fans und Mannschaft herstellen können. Da ist so ein Training ein Beispiel. Vielleicht gibt es aber auch bessere.

Sie haben also nicht den Anspruch, dass alle Ideen von Ihnen umgesetzt werden? Ich muss ein Motivator und Inspirator sein. Ich habe Ziele. Unsere Heimspiele müssen etwa wieder Festtage werden. Nun müssen wir in der Geschäftsführung besprechen, wie wir diese Ziele erreichen können. Bei Mainz 05 gibt es heute schon eine Masse an Ideen. Wir müssen sie nun besprechen, um den Verein in Bewegung zu bekommen.

Wie interpretieren Sie Ihr Amt und Ihre Rolle? Meine Aufgabe ist zweierlei. Ich bin der Vereinsvorsitzende und der Vorstandsvorsitzende, also der Leiter des operativen Geschäftes.

Erheben Sie dann auch einen Anspruch auf die Besetzung? Diese Rollenverteilung ist in der Satzung ganz klar geregelt. Wir haben nun die Aufgabe, die Satzung mit Leben zu füllen, also das Wechselspiel zwischen Exekutive und Kontrollorgan zu definieren. Diese Struktur ist Neuland für alle Beteiligten. Wir müssen sensibel miteinander umgehen und mit wachen Augen in die Zukunft sehen.

Stichwort kritisch: Die Reaktion der Ultras nach Ihrer Wahl hat einige Mitglieder irritiert. Haben Sie im Vorfeld der Wahl versucht, sich die Stimmen der Ultras zu sichern? Nein, ich bin von den Ultras angesprochen worden und am Dienstag vor der Wahl zu ihnen gekommen. Sie haben mich kritisch befragt. Ich habe ihnen mein Wahlprogramm erläutert. Das ist alles. Mehr habe ich nicht getan. Ich bin weder den Ultras beigetreten, noch habe ich ihnen irgendetwas versprochen. Ich möchte gerne der Vorstandsvorsitzender des gesamten Vereins sein. Deshalb möchte ich auch das Gespräch mit den anderen Kandidaten suchen und über deren Befürchtungen sprechen. Ich möchte Gräben zuschütten.

Nicht nur über die Ultras wurde diskutiert, sondern auch über Pyrotechnik. Für Ihre fehlende Positionierung in der Mitgliederversammlung beim diesem Thema wurden Sie direkt kritisiert... Ich will klar machen, dass ich mich nicht sofort festlege, sondern erst verschiedene Seiten hören und diskutieren möchte. Diese Bereitschaft finde ich wichtig. Im Verein gilt natürlich: Pyrotechnik ist nicht erlaubt. Und das ist auch meine Position. Trotzdem muss man mit den Fangruppen diskutieren, wie wir dieses hochkomplexe Problem in den Griff bekommen können.

Wie würden Sie sich als Unternehmer beschreiben? Ich bin sicherlich jemand, der sehr zielstrebig ist und Erfolg im Leben haben will. Ich führe ein Team gerne zum Erfolg. Ich glaube, man kann heute in der Wirtschaft nur Erfolg haben, wenn man eine Verbraucherorientierung hat. Und im Verein kann man nur erfolgreich sein, wenn man seine Mitglieder mitnimmt. Diese Übertragung eines unternehmerischen Erfolgsmodells auf den Verein ist mir wichtig. Jetzt müssen wir alle Mitglieder auf diesem Weg mitnehmen.

Haben Sie sich einen Zeitrahmen gesetzt, wann man erste Ergebnisse Ihrer Arbeit sehen soll? Es wäre ein großer Wunsch der gesamten Geschäftsleitung und sicher auch von den Aufsichtsräten, dass man uns 100 Tage Zeit gibt. Man sollte nicht gleich in alles etwas Negatives hineininterpretieren, sondern uns die Chance geben, diese neue Struktur auch live zu leben. Ich bin niemandem verpflichtet. Ich bin ein völlig unabhängiger Unternehmer, der keinen Ballast hat, sondern sich mit seinen Kollegen ein eigenständiges Bild erarbeiten will.