Kolumne von Wortpiratin Mara Pfeiffer: Der Verein muss...

aus Mainz 05

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Die Fans des 1. FSV Mainz 05. Foto: dpa

Mainz 05 hat eine Geschichte und als Fans sind wir Teil dieser Geschichte. Wir haben ein Recht darauf, dass neue Verantwortliche sich mit dieser Historie auseinandersetzen und...

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MAINZ. Ich weiß nicht, welche Agentur den Brief des FSV Mainz 05 an seine Fans verfasst hat, aber der Verein sollte sich dringend von diesen Leuten trennen. Wenn wirklich Verantwortliche aus dem Verein selbst ihre Finger bei der Entstehung dieses kommunikativen Desasters im Spiel hatten, sollte man denen unbedingt Nachhilfe geben in Sachen: „Wofür stehen wir als Mainz 05? Was bedeutet es, Teil dieses Vereins, dieser Gemeinschaft zu sein?“ Zuletzt habe ich von mehreren Seiten gehört, Sportvorstand Rouven Schröder nehme sich aktuell wenig bis keine Zeit für die verschiedenen Fangremien, weil der Sport im Vordergrund stehe.

Dazu ist zu sagen, ja, entscheidend ist auf dem Platz. Aber ohne seine Fans kann der Verein den Laden eben auch dichtmachen. Es hat 05 immer ausgemacht, dass die Verantwortlichen sich Zeit nehmen für die Fans und ihre Vertretungen, für einen Dialog auf Augenhöhe. Das ist in einer Phase wie der aktuellen nichts, was man sich für bessere Zeiten aufspart, sondern es ist im Gegenteil gerade jetzt besonders wichtig. Wenn derartige Gespräche nicht bald wieder stattfinden, kann man in offenen Briefen noch so laut nach einem Schulterschluss rufen. Der wird dann nicht kommen, weil man ihn nicht erzwingen kann, sondern vorleben muss.

Man kann sich nur an den Kopf greifen

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Mainz 05 hat eine Geschichte und als Fans sind wir Teil dieser Geschichte. Wir haben ein Recht darauf, dass neue Verantwortliche sich mit dieser Historie auseinandersetzen und Spieler, die unser Trikot tragen, sie ebenfalls kennen. Wenn in dem offenen Brief beklagt wird, die Fans hätten bei dem Spiel in Hoffenheim mit Hohn und Spott reagiert, kann man sich nur an den Kopf greifen. Zur Erinnerung. Wir sind ein Verein, der viele entscheidende Situationen seiner Geschichte just rund um die Fastnacht erlebt hat. Grottenhafte Spiele inklusive. Mainz ist eine Fastnachtshochburg. Diese beiden Faktoren haben eine spezielle Stimmung in den Blöcken bei den Fastnachtsspielen in den letzten Jahren oft ausgemacht.

Zur weiteren Erinnerung. Die Spieler haben am Mittwoch im Pokal auf dem Platz fast völlig kapituliert. Als Fan ist man anschließend wirklich irritiert und mutlos durch den Frankfurter Wald gestolpert. Klar, die Zeit für das Team, bis Samstag wieder aufzustehen, war kurz. Für die Fans aber auch. Und sie waren da, zahlreich, verkleidet, entschlossen. Um ein Team zu unterstützen, dass auswärts unter verschiedenen Trainern seit fast einem Jahr keinen Sieg mehr erkämpft hat. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Aber sie macht eben auch mal Pause. Und dann? Hohn. Spott. Tja, liebe Spieler und Verantwortliche. Das kann schon mal passieren. Das muss man dann eben mal aushalten können.

So, wie die Fans auswärts alle zwei Wochen die desolate Leistung auf dem Platz aushalten. Also bitte, mag der eine oder andere Verantwortliche denken. Vieles an der Leistung ist ja auch gut. Man kann den Spielern nicht absprechen, dass sie sich reinhauen. Sie wollen das natürlich, zu gewinnen. Ist doch logisch. Manchmal zerbrechen ihre Bemühung aber leider unter dem Druck, der sich im Spiel entwickelt. Gar kein Problem, entgegne ich da. Wir sind schließlich alle nur Menschen. Das gilt aber auch für die Fans im Block. Wenn die sich nach dem Auftritt am Mittwoch binnen Wochenfrist freiwillig ein zweites Spiel antun, weil sie da sein wollen für ihr Team, muss man auf dem Platz auch mal den Hohn und Spott abkönnen, wenn an sich schon wieder drei (und später sogar eine vierte) Buden fängt.

Die Kloppo-Zeiten sind vorbei

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Und noch was. Ich bin sehr dafür, einen Trainer in Ruhe arbeiten zu lassen. Auch nach einem Spiel wie am Samstag halte ich einen Wechsel auf der Position für den falschen Schritt – und stelle mich seit Wochen der Kritik, die dafür online auf mich einprasselt. Eine Bitte hätte ich allerdings auch an Sandro Schwarz: Die Kloppo-Zeiten sind vorbei. Es war wunderschön und ja, ich würde auch gerne mal in einer Zeitmaschine noch ein Spiel erleben wie damals, diese besondere Stimmung aufsaugen, Teil davon sein. Aber irgendwann muss es echt mal gut sein damit, sich so an der Vergangenheit festzuklammern. Diese Zeit verbindet die alten Hasen in Fankreisen mit dem Trainer und die Erinnerung daran sollten wir tief im Herzen behalten. Es war aber auch eine ganz besondere Zeit, die nun mal vorbei ist. Woche für Woche in der PK darüber zu reden, dass damals alles besser war zwischen Fans und Verein, wird die Situation nicht verbessern. Sorry. Ist angekommen, hat auch seine Berechtigung, sollte dann aber mal zu den Akten gelegt werden, um sich auf die jetzige Aufgabe zu konzentrieren.

Stimmt. Es hat uns als Mainz 05 immer stark gemacht, dass zwischen Verein und Fans „kein Blatt Papier“ passt, wie es gegen Ende dieses offenen Briefes so schön heißt. Das kann aber nicht heißen, dass die Fans immer nachrücken, wenn der Verein diese besondere Nähe mal wieder nicht gebacken bekommt. Man darf, wie zuletzt geschehen, die Art und Weise, wie in den sozialen Netzwerken teilweise über Menschen gerichtet wird, durchaus kritisieren. Man sollte aber nicht den Fehler machen, von den Fans einen Zusammenhalt und Schulterschluss rundheraus einzufordern, den man selbst zuletzt teilweise äußerst mangelhaft vorgelebt hat. An der Unterstützung der Fans, gerade im Stadion, hat es zuletzt sicher nicht gelegen.

Bewegung muss immer von beiden Seiten kommen. Wie in jeder guten Beziehung. Nur dann haben wir in der aktuellen Situation eine Chance, gemeinsam die Klasse zu halten. Ohne PR-Geblubber, ohne mit dem Finger aufeinander zu zeigen. Stattdessen mit einem erneuerten Verständnis dafür, was unseren Verein ausmacht, wofür Mainz steht. Dieser Moment, den wir gerade erleben, wird in der Rückschau auf die Saison entscheiden sein. Wie wollen wir ihn im Mai rückblickend lesen? Als Bruch zwischen dem Verein und den Fans? Oder als das notwendige, reinigende Gewitter*, aus dem wir gestärkt gemeinsam hervorgegangen sind? Die Antwort sollte klar sein. Nur der FSV.

(*Danke an Alex Schulz für dieses passende Bild.)

Mara Pfeiffer ist freiberufliche Journalistin und Autorin. Unter anderem von "111 Gründe, Mainz 05 zu lieben" (mit Christian Karn). Homepage: www.marapfeiffer.de Mara Pfeiffer bei Twitter: Wortpiratin

Von Mara Pfeiffer