Kolumne von Mara Braun: Im Pyro-Streit muss bei Mainz 05 der...

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Verboten und gefährlich: Teile der 05-Ultras zündeten beim Auswärtsspiel in Darmstadt im Gästeblock Feuerwerkskörper an. Foto: Guido Schiek   Foto: Guido Schiek

Die Diskussion nach den Pyro-Vorfällen in Damstadt hält Mainz 05 in Atem. Unsere Kolumnistin Mara Braun meint: "Wir kommen nicht weiter damit, dass einer nur mit dem Finger...

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MAINZ. Das Auswärtsspiel in Darmstadt habe ich mit meinen Zauberneffen und seinem Cousin, dem Nummereinsneffen, besucht. Als im Block nicht sehr weit von uns das vielfach beschriebene Gefackel begann, wollte ich den Kleinen instinktiv schützen: „Halt deinen Schal vors Gesicht, komm näher zu mir, du musst keine Angst haben.“ Um uns herum Kopfschütteln ebenso wie Anfeuerungsrufe. Er nahm achtsam wahr, dass etwas passierte, was auf gemischte Reaktionen stieß. Als von dem ganzen Spuk nur dichter, bunter Nebel übrig war, fragte er strahlend: „Wo kann ich denn diese Pyrotechnik kaufen?“ Anschließend verkündete der Zwerg, er wolle nun ein Ultra werden und zum nächsten Spiel müssten wir definitiv Feuerwerk mitbringen.

Warum erzähle ich Ihnen das?

Weil es zu einfach ist, nach derlei Ereignissen „Ultras raus“ zu fordern, die aktive Szene (zum wiederholten Male) kollektiv an den Pranger zu stellen und ihr den Ausgang des Spiels gleich mit anzuhängen, weil zuletzt keines der „Pyrospiele“ gewonnen wurde. Und für den Fall, dass dieser Satz Sie scharf nach Luft schnappen lässt: Bitte, atmen Sie tief durch und lesen Sie erst mal weiter. Vielleicht kommen wir am Ende sogar auf einen Nenner.

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Es ist absolut unstrittig, dass Pyrotechnik im Stadion verboten ist, und alleine deswegen war es bescheuert, was da am Samstag passiert ist. Solche Aktionen schaden dem Verein finanziell, sie schaden aber auch seinem Image, Letzteres ist gerade in der aktuellen Situation komplett kontraproduktiv.

Dortmunder Süd als bitteres Symbol

Und doch gibt es ein „aber“ in dieser komplizierten Gemengelage, mit dem wir uns befassen müssen: Es darf keine kollektive Kriminalisierung geben. Die teilweise wüsten Beschimpfungen gen „aktive Szene“ treffen in der Mehrzahl Leute, die mit dem Feuerwerk nichts zu tun haben. Die Dortmunder Süd steht als bitteres Symbol dafür, dass eine ganze Tribüne für die Missetaten ein paar Einzelner bezahlen muss. Das kann keine Lösung sein, passiert im Umfeld des Fußballs aber permanent. Das hat nun auch unser Verein bewiesen. Damit werden jene, die sich in der Diskussion als Opfer von vermeintlich unnötigen Verboten sehen, leider gestärkt.

Der zweite wichtige Punkt ist, dem Reflex zu widerstehen, alles über Strafen und Paragrafen zu lösen. Natürlich kann dieses Verhalten nicht ohne Konsequenzen bleiben, wichtig ist aber, dabei nicht ganze Gruppen reflexhaft in einem Topf zu versenken. Auch das passiert leider. Im Umgang miteinander gilt: Wir kommen nicht weiter damit, dass einer nur mit dem Finger auf andere zeigt. Der Dialog muss weitergehen, und dabei darf keine Gruppe ausgeklammert werden. Auch dann nicht, wenn einige ihrer Mitglieder beratungsresistent sind. Wenn es uns um echte Lösungen geht, dürfen wir nicht die vermeintlich einfachen Wege gehen.

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Damit schließt sich der Kreis zum Zauberneffen, der auch nach wortreichen Erklärungen über Verbote und Gefahren von Pyro Ultra werden möchte. Weil von den Jungs eine Faszination ausgeht, die ich ihm gar nicht ausreden will. Ich will vielmehr, dass er die Dinge differenziert betrachtet. Er soll verstehen, dass nicht alles erlaubt ist, was Spaß macht, aber auch, was seinen Cousin und mich an Polizisten ärgert, die vor dem Stadion nicht gerade zimperlich mit Fans umgehen. Er soll die einen nicht nach den Fahnen, die anderen nicht nach der Uniform beurteilen, sondern jeden Menschen als das Individuum betrachten, das er ist: offen und ohne Vorurteile. Wenn er das mit seinen zehn Jahren hinkriegt, schaffen wir es auch.

Mara Braun ist freiberufliche Journalistin und Autorin. Unter anderem von "111 Gründe, Mainz 05 zu lieben" (mit Christian Karn). Homepage: www.marabraun.de Mara Braun bei Twitter: Wortpiratin

Von Mara Braun