Kolumne von Mara Braun: Der Kampffloh im roten Dress

aus Mainz 05

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So sehen ihn die Fans am liebsten: Wenn Pablo de Blasis auf dem Platz steht, wird es emotional. Archivfoto: Hübner  Foto:

Hektik machte sich in den vergangenen Wochen bei Mainz 05 breit: Fastnacht, neue Satzung, Kritik vom Rechnungshof und die Niederlage gegen Werder Bremen. Zeit, mal durchzuatmen,...

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MAINZ. Kinners, was’e Hektik! In der Innenstadt sind die Narren los: Es tobt die Fastnacht. Die neue Satzung des FSV Mainz 05 wurde, oh wie ist das schön, tatsächlich korrekt beim Amtsgericht angemeldet. Der Rechnungshof kritisiert den Landessportbund Rheinland-Pfalz für finanzielle Misswirtschaft, wobei die Strutzsche Anstellung alles andere als gut wegkommt. Nicht zuletzt wird am Wochenende natürlich auch Fußball gespielt, auswärts gegen Bayer Leverkusen, und da kommt natürlich der Mainzer Fastnachtsfluch ins Spiel, der den 05ern in ihrer Geschichte etliche Pleiten der Marke „schmerzhaft“ in die Chronik gepinnt hat. Durchatmen!

Lehnen wir uns doch also für ein paar Momente ganz entspannt zurück und denken an den mit Abstand positivsten Aspekt des an sich solch armen letzten Spiels in den Bretzenheimer Feldern vergangenes Wochenende. Es war dies ein menschlicher, nämlich Pablo des Blasis. Ich weiß ja nicht, wie’s Ihnen geht, aber wenn ich den kleinen Kampffloh im roten Dress der 05er sehe, dann ist mir die gegen Asteras Tripolis erlittene Blamage komplett egal. Die liegt schließlich in einer längst unabänderlichen Vergangenheit, de Blasis aber flitzt nach wie vor für uns über den Rasen – Gott sei’s gepfiffen und getrommelt.

Normalerweise stehe ich wirklich nicht im Verdacht, für seichte Sinnsprüche oder esoterisch angehauchte Kalenderweisheiten anfällig zu sein, aber Pablos Wechsel nach Mainz ist die unumstößliche Personifizierung der Erkenntnis, dass auch aus der beschissensten Situation etwas Schönes erwachsen kann. Wobei, Kalauer – immerhin ist Fastnacht –, das Wort „wachsen“ bei ihm natürlich, nun ja, Sie wissen schon.

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Jeder rannte und kämpfte um sein Leben

Es gab in den letzten Wochen immer mal wieder Momente, in denen sich bei den Spielen der 05er die Frage aufdrängte, wieso die Jungs sich nicht zerreißen. Ich bin keine Freundin davon, über Menschen zu urteilen, deren Aufgabe mir lediglich in der Theorie klar ist, und insofern möchte ich keinem Spieler unterstellen, dass er nicht „will“. Und doch gab es in Mainz schon Zeiten, da glaubte man, die Kondensstreifen vom verdampfenden Achselschweiß der sich bis zur völligen Erschöpfung aufopfernden Spieler über dem Feld schweben zu sehen. Weil jeder rannte und kämpfte, als ginge es nicht einfach nur um Punkte, sondern um alles: sein Leben. Das fehlt heute rein emotional betrachtet manchmal, was sicher einer der Gründe ist, wieso der Funke zwischen Spielern und Publikum aktuell nicht immer überspringt.

Bis dann Pablo de Blasis das Feld betritt, mit all seinem Willen und seiner Geschwindigkeit, den Rasen mit den Ellenbogen umpflügt beim Laufen, sich duckt, streckt, dreht und wendet. Und damit erst aufhört, wenn alle Spieler des Gegners komplett schwindelig gespielt sind und die eigene Mannschaft geschlossen eine Schippe draufgelegt hat, um neben ihm bestehen zu können. Das ist es, was diesen Spieler, diesen Menschen, so dermaßen wertvoll macht. Pablo mag im Kommentatorenalltag vor allem durch sein Alleinstellungsmerkmal auffallen, immer und überall der kleinste Mann auf dem Platz zu sein. Wir hier aber wissen: Wenn es um Liebe zum Spiel, Leidenschaft und Kampfgeist geht, dann ist er der Größte.

Von Mara Braun