Zu Fuß durch Dublin, die Stadt mit zwei Geischtern

Zapfen will gelernt sein – lernen können die Besucher es direkt in der Brauerei. Foto: Armin Möller  Foto: Armin Möller

Leopold Bloom ist nicht tot! Der traurige Held aus James Joyces Roman „Ulysses“, der am 16. Juni 1904 durch Dublin zog, wird allabendlich zum Leben erweckt. Am Lincoln Place...

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. Leopold Bloom ist nicht tot! Der traurige Held aus James Joyces Roman „Ulysses“, der am 16. Juni 1904 durch Dublin zog, wird allabendlich zum Leben erweckt. Am Lincoln Place zitieren Joyce-Liebhaber in einer Apotheke Ulysses-Texte – und das gleich in mehreren Sprachen. Mit dem Verkauf von „original zitronenduftender Seife“, wie sie im Roman beschrieben wird, und von Joyce-Büchern finanziert sich „Sweney’s, the Chemist and Druggist“.

Zapfen will gelernt sein – lernen können die Besucher es direkt in der Brauerei. Foto: Armin Möller  Foto: Armin Möller
Zapfen will gelernt sein – üben können die Besucher es direkt in der Brauerei.  Foto:
Als er seinen Job verlor, gründete Gerrit Fitzgerals das Café Brother Hubbard – und hat damit großen Erfolg. Foto: Armin Möller  Foto: Armin Möller

Die irische Hauptstadt Dublin kann man problemlos zu Fuß erkunden. Alles liegt nahe beieinander. Entsprechend sind die „Walking Tours“ bei Touristen beliebt. Man wandert dabei mit einem John, Patrick, Paddy oder einer Jane durch die City, schart sich bei jeder Sehenswürdigkeit um den jeweiligen Stadtführer und folgt seinen Erklärungen. Für manche Touren muss man bezahlen, einige der Guides setzen auf Trinkgeld. Auch davon könne man existieren, wird versichert.

Ohne das General Post Office ist keine Stadtbesichtigung denkbar. Die alte Dubliner Hauptpost ist für Iren ein wichtiger Ort und Symbol für den Unabhängigkeitskampf. An dieser Stelle wurde 1916 die Republik Irland ausgerufen. 16 Anführer der Freiheitskämpfer wurden von den Briten festgenommen und alsbald erschossen. Einer von ihnen war Daniel O’Connell, Namensgeber der Prachtstraße vor dem Postamt.

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Die O’Connell Street liegt für Dubliner eigentlich auf der falschen Seite der Stadt – in Nord-Dublin. Hier wohnen die einfachen Leute. Ins vornehme, reiche Dublin geht es über den Liffey-Fluss nach Süden. Dort siedelten sich ab 1714 ein Jahrhundert lang gut betuchte Geschäftsleute und Adelige vom Land an. An diese Zeit erinnern die Straßenzüge mit den georgianischen Häusern mitten im Stadtzentrum. Dass sich die Bauten ähneln, ist kein Zufall. Der Baustil wurde den Bauherren vorgeschrieben. Da sie sich dennoch etwas von den Nachbarn links und rechts unterscheiden wollten, kamen sie auf die Idee, wenigstens die Haustüren farbenfroh anstreichen zu lassen. Auch die Oberlichter darüber sind wahre Kunstwerke. Manche Besucher verbringen ganze Tage damit, die „Doors of Dublin“ eine nach der anderen anzuschauen. Kenner achten neben Farbe und Licht auf die massiven Türklopfer aus Metall und die gusseisernen Gitter vor den Häusern. Sie wurden nach den Vorgaben der Hauseigentümer gegossen.

Von den bunten Türen sind es nur ein paar Schritte zum Trinity College, der altehrwürdigen Universität, die bereits 1592 von der englischen Königin Elizabeth I. gegründet wurde. Der weitläufige Campus ist einer der schönsten der Welt, davon sind nicht nur die Iren überzeugt. Dazu trägt vor allem die Bibliothek von 1732 bei. Auch wenn sie bisweilen lange warten müssen, bis sie eingelassen werden, der Bibliotheksbesuch ist für Touristen ein Muss. Der 64 Meter lange Saal mit seinen 200 000 in Schweinsleder gebundenen Bänden verfehlt seine Wirkung nicht. Vor den Regalen stehen Marmorbüsten, die an berühmte Denker und Wissenschaftler erinnern, die hier gearbeitet haben. Dazu beherbergt die Bücherei das über tausend Jahre alte „Book of Kells“, in dem das Neue Testament reich bebildert erzählt wird. Auch die älteste Harfe Irlands wird hier ausgestellt.

Dass genau auf der Rückseite des Trinity College, Ecke Suffolk- und Grafton Street, ein für irische Verhältnisse recht offenherziges Denkmal an Molly Malone erinnert, erstaunt im eher prüden Irland. Hier aber wird eine Ausnahme gemacht. Molly, eine Muschelverkäuferin, war der Legende nach außergewöhnlich schön, und sie liebte viele Männer. Dafür bezahlte sie mit einem Fieber, an dem sie im 17. Jahrhundert starb. Ihre Geschichte erzählt das bekannte gleichnamige Volkslied aus dem 19. Jahrhundert. Molly ist Volksheldin, wenngleich nicht bekannt ist, ob sie wirklich lebte. Eine irische Musikgruppe, die nicht voller Inbrunst die Molly-Ballade singen kann, braucht ihre Instrumente gar nicht erst auszupacken.

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Die Musiker, die jeder „Publican“ – das ist ein Pub-Wirt – anheuern muss, um viele Gäste in seine Kneipe zu locken, spielen bevorzugt traditionelle Lieder. Für ein paar zugesteckte Euros stimmen sie etwa den Spottgesang: „If I had a face like you, I would join the English army“ an. Die Pubs in Dublin sind im Vergleich zum übrigen Irland riesig. Sie brauchen viel Platz, denn es gibt auch Ecken, in denen TV-Sportübertragungen laufen. Die langen Theken teilen den Raum. Manche Tische sind für die „Buddies“ reserviert, die Kumpels, die sich nach Feierabend im Pub treffen. Denn für manchen Dubliner ist sein Stammlokal wichtiger als das heimische Wohnzimmer.

Auf dem Weg vom Kneipenbezirk Temple Bar etwas oberhalb des Liffey und unterhalb von Dublin Castle in den Stadtkern empfiehlt sich ein kleiner Umweg über die Westmoreland Street. In Haus Nr. 13 führt eine Treppe ins Untergeschoss. „Da unten gibt es mit den besten Kaffee von ganz Dublin“, behaupten wartende Männer mit der Kaffeetasse in der Hand, die sich im Waldorf Astoria Barbershop die Haare schneiden lassen wollen. Der Kaffee ist Teil des Services. Die Einrichtung des Herrensalons ist 88 Jahre alt. Das Friseurgeschäft wurde 1929 von einem heimwehkranken irischen Figaro gegründet. Er hatte zuvor im Waldorf-Astoria-Hotel in New York gearbeitet, und sein Salon sollte den gleichen Komfort wie das amerikanische Original bieten. Zur Freude seiner Nachfahren, die heute an den alten Friseurstühlen arbeiten, sind gegenwärtig Schnitte aus Uropas Zeiten wieder aktuell. Deshalb können die Plakate mit den Frisuren von damals erneut verwendet werden.

Süd-Dublin und Nord-Dublin sind auch in puncto Getränke unterschiedliche Welten. Im Süden – einen Kilometer westlich von Sweney’s – ist die Guinness-Brauerei zuhause, im Norden wurden Whiskey (irisch mit „ey“ geschrieben) und Härteres destilliert. In der Brauerei kann man ein Zertifikat erwerben, das bescheinigt, dass sein Inhaber ein perfektes Guinness zapfen kann, im Norden kann man sich in der Old Jameson Distillery als Irish Whiskey-Kenner qualifizieren und erhält auch dafür eine Urkunde. Für die Besuche bei Guinness und im Jameson-Museum sollte man jeweils mindestens zwei Stunden einplanen – wenn möglich vielleicht an verschiedenen Tagen.

Die Finanzkrise von 2008 hat Irland und vor allem Dublin verändert. Dazu gehört auch die Geschichte eines Cafés, fünf Minuten entfernt von der historischen Halfpenny-Fußgängerbrücke (so genannt nach dem früheren Brückenzoll) über den Liffey. Als Gerrit Fitzgerald und James Bowland krisenbedingt ihre Jobs verloren, holten sie kurz entschlossen Rezepte, die sie von früheren Reisen in arabische und asiatische Länder mitgebracht hatten, aus der Schublade und mieteten eine ehemalige Bäckerei in der Capel Street. Ihr Tagescafé „Brother Hubbard“, benannt nach einem vierbeinigen Helden eines irischen Volksliedes, wurde ein Erfolg. Das ermutigte sie, in der Harrington Street, mitten in Süd-Dublin, das „Brother Hubbard South“ aufzumachen. Zunächst war es eine Kopie des Originals im Norden. Gerrit und James stellten aber bald fest, dass Dublin-South und Dublin-North sich auch in den Essgewohnheiten unterscheiden. Im Süden wird heute mehr Vegetarisches und Gesundes als im Norden angeboten. Jetzt brummt auch der neue Laden.

Der Liffey ist nicht nur ein Fluss. Er ist in Dublin die unübersehbare Nord-Süd-Grenze. Leopold Bloom aus Dublins Norden war auf beiden Seiten des Flusses unterwegs, seine Fans folgen ihm etwa zum Customs House, dem repräsentativen Zollhaus als Fixpunkt im Norden, oder kehren im Pub Davy Byrne’s in der Duke Street im Süden ein. Dafür wird allgemein der 16. Juni empfohlen. Dann – und immer nur an diesem Bloomsday – gibt es hier ein ganz spezielles Bloom-Gericht: Gorgonzolabrot mit einem Glas Burgunder. Danach kann man aber auch noch nach irischer Art ein Guinness genießen.

Von Armin Möller