Wo man an der Algarve Ruhe findet

Ausblick auf die Küste bei Cacela. Foto: Claudia Diemar

Die Sand-Algarve bildet den östlichen Teil von Portugals Südküste. Der Küstenstreifen bis zur Grenze Spaniens ist weitaus stiller als die turbulenten Urlaubszentren rund um Faro.

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. Vormittag auf der Insel Culatra: Die Fischer sind bereits zurück im Hafen, der Fang ist ausgeladen und die Möwen streiten als wild flatterndes Geschwader um die Fischreste auf dem gelben Sand. Im Café sitzen die Seebären und wickeln ihre Langleinen auf. Katzen streunen in friedfertiger Eintracht entlang der sandigen Pfade zwischen den flachen Katen. Culatra zählt rund 1 000 Einwohner, davon etwa 100 Berufsfischer. Das Eiland hat eine Grundschule, eine Kapelle, ein paar Kneipen, aber keine einzige Straße. Und auch keine Gästeunterkünfte. Im südwestlichen Teil nahe des Leuchtturmes Farol haben Einheimische aus Faro oder Olhão ihre Sommerhäuser gebaut und verwirren Fremde damit, dass sie diesen Teil als eigenständige Ilha do Farol (Leuchtturminsel) bezeichnen. Vielleicht deshalb, weil es hierhin eine eigene Fährlinie gibt. Die Linienboote vom Festland kosten nur ein paar Euro.

Ausblick auf die Küste bei Cacela. Foto: Claudia Diemar
Weiße Häuser, wie Castro Marim, sind typisch für die Algarve. Foto: Claudia Diemar
Der Leuchtturm Farol auf der Ilha de Culatra. Foto: Claudia Diemar
Ausblick auf die Küste bei Cacela (oben). Musiker spielen in Tavira. Weiße Häuser, wie Castro Marim, sind typisch für die Algarve. Der Leuchtturm Farol auf der Ilha de Culatra (unten von links). Fotos: Claudia Diemar

Man kann die „Barriereinseln“ vor Portugals Südküste aber auch auf exklusivere Art erleben. Der junge Marinebiologe Alfredo Rodriges steuert eines der komfortablen Ausflugsboote ab Faro oder Olhão. Die Touren lohnen sich, denn Guides wie Alfredo erzählen unterwegs in perfektem Englisch vom Ökosystem des Parque Natural da Ria Formosa. Der „Naturpark Schönes Haff“ besteht seit 1987 und umfasst mehr als 18 000 Hektar. „Naturpark meint zwar ein geschütztes Gebiet, aber nicht etwa ‚Natur pur‘, denn in der Ria Formosa wird gefischt, werden Muscheln geerntet und Austernbänke gepflegt“, erklärt Alfredo. Hinter der Barriere aus vorgelagerten Inseln und Dünen erstreckt sich die Lagune mit einem Labyrinth aus Salzwiesen, Kanälen, Wattflächen und Sandbänken. Das Ökosystem ist ein Paradies für die Vogelwelt. Es dient als Rastplatz für viele Zugvögel ebenso wie als Heimat für seltene heimische Arten. Der Wechsel von Ebbe und Flut bietet optimale Lebensbedingungen für viele Fische und Schalentiere.

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Die Algarve ist längst kein Geheimtipp mehr. Im Minutentakt landen Jets mit sonnenhungrigen Urlaubern auf dem Flughafen von Faro. Die meisten Feriengäste wollen in die weiter westlich gelegenen Küstenorte, wo malerische Felsen die Buchten säumen. Genau dort aber sind auch die meisten Bausünden zu finden. Die weitaus stillere sogenannte Sand-Algarve zieht sich dagegen von Faro bis zur Grenze nach Spanien.

Vom Flughafen ist man schnell auf der Autobahn A 22 und rollt in östlicher Richtung. Die kostenpflichtige schnelle Piste ist fast leer, das Fahren ein Genuss. Nach nicht einmal einer Stunde nimmt man die letzte Ausfahrt auf portugiesischer Seite. Über dem charmanten Dorf Castro Marim thront ein riesiges Kastell, das seinerseits eine weitere, bis auf die Mauren zurückgehende Burg umschließt. Von ihren Zinnen ergibt sich ein grandioses Panorama über unzählige Salinenbecken bis zum benachbarten Vila Real de Santo António.

Die „Königliche Stadt des Heiligen Antonius“ liegt direkt an der Mündung des Grenzflusses Guadiana. Alle Straßenzüge sind rechtwinklig angelegt. Die Siedlung wurde einst komplett „auf die grüne Wiese“ gesetzt. Ihr Schöpfer war jener Marques de Pombal, der auch die Lissaboner Unterstadt nach dem großen Erdbeben von 1755 neu erbauen ließ. Vila Real ist beschaulich und geschäftig zugleich. In jedem zweiten Laden werden Handtücher sowie Bett- und Tischwäsche angeboten, die hier billiger als im Nachbarland sind. Die Aussteuer spanischer Brautleute wird daher traditionell gern in Portugal gekauft.

Pinienwälder erstrecken sich entlang der Küste. Monte Gordo mit seinen hoch aufragenden Apartmentanlagen ist wenig anheimelnd, das nahe gelegene Praia Verde dagegen angenehm. Der mit Muscheln übersäte endlose Strand zieht sich hinter den bewachsenen Dünen entlang.

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In Cacela beginnt die Ria Formosa, die sich von hier aus 60 Kilometer lang nach Westen zieht. Im nahen Cabanas findet man die ersten Ausflugsboote, die Touren durch das Haff mit Stopps an den Stränden anbieten. Eine der Routen führt nach Santa Luzia mit seinem geschäftigen Fischerhafen. Vorgelagert ist hier die Ilha de Tavira. Am Ortsende ist der Sund so schmal, dass man über einen Steg auf die Insel gelangen kann und von dort mit einer kleinen Schienenbahn bequem bis zur Praia de Barril ruckelt. Auch hier ist der Strand schier endlos. In den Dünen hinter dem Saum der See liegt eine historische Ansiedlung für Thunfischfänger. Heute sind hier kleine Läden, Kneipen und Cafés eingezogen. Davor sind Hunderte von uralten Ankern, die einst die Stellnetze hielten, wie Skulpturen in den Sand gesetzt.

Tavira ist die wohl schönste Stadt der Algarve. In blendender Helligkeit leuchten die weiß geschlämmten Häuser mit den typischen Walmdächern. Über den Rio Gilão, der sich unweit in den Atlantik ergießt, führt eine historische Brücke für Fußgänger. Eine Jazzband spielt gerade auf, Passanten bleiben stehen und wippen den Takt mit. Im einstigen Wasserturm am höchsten Punkt des Häusergewürfels ist seit 2004 eine Camera obscura installiert. Clive Jackson, ein ehemaliger britischer Marineingenieur mit herrlich trockenem Humor, betreibt die faszinierende optische Installation zusammen mit seiner Frau Gloria. Mit großen Linsen wird die Umgebung Stück für Stück auf eine schüsselförmige Leinwand projiziert. Wie Spione verfolgen die Besucher das Leben und Treiben in der Stadt: Flaneure am Flussufer, Katzen auf Streifzügen über die Dächer und Autos auf Parkplatzsuche.

Nach einer kurzen Fahrt auf der belebten N 125 ist Faro erreicht. Die Algarve-Hauptstadt beschattet ihre Flaneure mit weißen Sonnensegeln über den Gassen. Der Boden ist mit ornamental gemustertem Kopfsteinpflaster belegt. Auf dem Turm der Kathedrale wacht ein Storch. Direkt vor einem der Altstadttore liegt die Anlegestelle der Fähren. Eine der Linien führt zur Ilha Deserta, auch Ilha da Barreta genannt. Fischer Fernando Manuel Alves ist der einzige feste Bewohner der Insel. Zwei Leuchttürme flankieren den Durchbruch zum offenen Meer an der südlichsten Stelle der Algarve. Das einzige Inselrestaurant serviert fangfrischen Fisch. Der Strand zur brandungsreichen Atlantikseite dehnt sich soweit das Auge reicht. Die Buchten zum Festland hin bieten glasklares ruhiges Wasser. Im Sommer wird es badewannenwarm.

Von Claudia Diemar