Tief in der Kreide Dänemarks

Dänische Landidylle: Auf den Schwesterninseln Møn und Falster finden Touristen zahlreiche hyggelige Ferienwohnungen. Foto: Marc Vorsatz

Kreidefelsen und Fossilien, exotische Tiere zum Anfassen: Die Schwesterninseln Møn und Falster bieten bestes Edutainment für die ganze Familie.

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. Das geht schnell: Wie ein Pfeil schießt der Wanderfalke aus dem stahlblauen Himmel fast senkrecht in die Tiefe. Die weiße Möwe hat keine Chance. Die messerscharfen Krallen packen ihr Opfer und werfen es jäh aus der Bahn. Mit schwerer Last kämpft sich der Falke sogleich zurück zu seinem Horst, denn im Kreidefelsen wird er schon sehnsüchtig kreischend erwartet. Drei hungrige Nestlinge buhlen mit weit aufgerissenen Schnäbeln um eine ordentliche Portion Fleisch.

Dänische Landidylle: Auf den Schwesterninseln Møn und Falster finden Touristen zahlreiche hyggelige Ferienwohnungen. Foto: Marc Vorsatz
Møns Klint, die Kreidefelsen der Insel Møn, gelten als spektakulärste Landschaft Dänemarks. Fotos: Marc Vorsatz

Die weißen Klippen von Møn gehören zu den bevorzugten Nistplätzen der schnellsten Vögel der Welt. Sie bieten alles, was so ein Falkenherz begehrt: Schutz vor Fuchs und Mensch, reichlich Beutevögel, klare Luft und eine endlose Sicht auf die blaue Ostsee. Møns Klint, wie die Klippen auf Dänisch heißen, gilt als die spektakulärste Landschaft von ganz Dänemark und als das ultimative Ausflugsziel auf der Insel mit den sanften Hügeln und reetgedeckten Häusern. Zurecht. Auf zwölf Kilometern Länge verleihen sie dem Unesco-Biosphärenreservat ein unverwechselbares Gesicht.

Der Thron einer Königin

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Und das sollte man am besten bei einem ausgedehnten Strandspaziergang oder einer Bootstour bestaunen. 500 schweißtreibende Stufen führen hinunter zum Wasser und später wieder hinauf. Doch die Mühe lohnt. Das fand schon der deutsche Literaturnobelpreisträger Günter Grass: „Wir sind Sommer für Sommer Touristen, legen den Kopf in den Nacken und sehen hoch zu den Kuppen der Kreidefelsen, die Klinten heißen und dänische Namen tragen.“ Dronningestolen, der sagenumwobene Thron der Königin, ist der höchste von allen. 128 Meter reckt er sich vom Feuersteinstrand aufrecht in die Höhe. Damit ist er genau zehn Meter höher als der nur 80 Kilometer entfernte Königsstuhl auf Rügen. Ein schönes baltisches Paar, seit 70 Millionen Jahren vereint, als an Menschen noch ewig nicht zu denken war. Und noch viel früher, als das heutige Dänemark und Nordeuropa von der 20 Grad warmen Kreidesee bedeckt waren, machten gewaltige Schlangensaurier, mächtige Haie und Riesentintenfische die Gewässer unsicher. Bis heute schlummern ihre versteinerten Überreste tief in der Kreide. Wind und Wetter bringen sie gelegentlich wieder ans Tageslicht. Ein Haizahn hier, ein Donnerkeil dort. Oder wie sagte schon Günter Grass? „Nur selten und immer seltener, wenn Glück uns wie Möwenflug streift, finden wir Getier, das zu Stein wurde, einen Seeigel etwa.“

Auf der Suche nach den Schätzen der Vergangenheit

Ganze Schulklassen gehen auf geologische Exkursionen und Eltern mit ihren Kindern auf fossile Schatzsuche. Mit kleinen Hämmerchen machen sich die Nachwuchsforscher an der porösen Kreide mit ihren stummen Zeugen zu schaffen. Die Schäden gelten als vernachlässigbar. Das klingt einleuchtend, bedenkt man, dass Starkregen und Frost immer wieder ganze Klippen abbrechen und mit einem Schlag viele tausend Tonnen Kreide in die Tiefe stürzen lassen. Und so neue Fenster in eine längst vergangene Zeit aufstoßen.

Aber woher kommt eigentlich die ganze Kreide? Die Antwort überrascht. Neben all dem Getier bevölkerten auch winzige kalkhaltige Algen die See. Wenn sie abstarben, lagerte sich ihr Calcit am Boden ab. Über die Jahrmillionen wuchsen so mächtige Kreideschichten und konservierten das vielfältige Leben bis in die Gegenwart.

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Wer noch mehr über die Entstehungsgeschichte der spektakulären Landschaft und seiner Bewohner erfahren will, kann im Møns Klint Geo-Center interaktiv bis zurück in die Kreidezeit reisen. Viele Exponate sind selbst für Dreijährige selbsterklärend und spielerisch zu steuern. Ein Heidenspaß für Groß und Klein. Lernen kann so schön sein.

Ein Schwein namens Lady Gaga

Tiere streicheln auch. Nicht virtuell, nein. Ganz real. Durch Klinteskoven, den märchenhaften Klippenwald mit seinen 400 Jahre alten Buchen, geht es über sich sanft im Wind wiegende Getreidefelder zum Bauernhof von Mette Rosa Dahl. Mette Rosa ist eine selbsterklärte Tiernärrin und die neuseeländischen Kune-Kune-Schweine liegen ihr ganz besonders am Herzen. Allen voran Lady Gaga. „Warum wir sie Lady Gaga getauft haben? Weil sie echt verrückt ist und immer ihren ganz eigene Willen hat. Als kleines Ferkel schon“, lacht Mette Rosa. „Ganz anders als ihre Schwester Lille Skil oder Mama Mauda. Die sind so besonnen. Naja, außer wenn es ans Fressen geht.“ Aber egal ob ein bisschen durchgeknallt oder vernunftbegabt, die drei Borstentiere lieben Kinder. Kein Wunder, denn im Besøgsbondegården dürfen die Kleinsten ganz Großes tun, nämlich Tiere füttern und streicheln. Vor den schwergewichtigen Kune-Kune-Schweinen haben die Stadtindianer jedoch ordentlich Respekt. Bei einem zwei Tage alten Ziegenbaby legen sie schon eher mal Hand an. Wie flauschig weich sich doch das Fell von Lui anfühlt. Und wie wäre es mit einem frischen Bündel Gras für Ziegenmama Luna? Gleich aus der Hand? Luna lässt sich nicht zweimal bitten, braucht sie doch jetzt reichlich Energie. Lui hängt ihr ständig an den Zitzen.

Ein Baby-Krokodil zum Anfassen

Viele Einheimische, die in liebevoll herausgeputzten, traditionell dänischen Landhäusern gemütlich, sprich „hyggelig“, wohnen, scheinen ein ausgesprochenes Faible für exotische Tiere zu haben. Allen voran Reptilien-Freak René Hedegaard. Nur eine halbe Autostunde von Mettes Streichelzoo entfernt betreibt er auf der Schwesterinsel Falster den Krokodille Zoo. Es ist der einzige Ort der Welt, der alle 23 noch lebenden Arten von Krokodilen, Kaimanen, Gavialen und Alligatoren beherbergt. Mehr noch, der Enthusiast züchtet gezielt bedrohte Arten und wildert sie im Rahmen von Naturschutzprojekten in ihren natürlichen Habitaten aus. Zum Beispiel das Orinoko-Krokodil in Venezuela. „Leider stoßen wir immer wieder auf Widerstand der lokalen Bevölkerung, die die potentiell gefährlichen Reptilien und Fressfeinde jagen“, weiß René zu berichten. „Dabei sind wir Menschen es, die immer tiefer in den Lebensraum der Tiere eindringen, natürliche Gleichgewichte zerstören und so die Konflikte erst heraufbeschwören.“ Grade deshalb dürfen in seinem Zoo Kinder Krokodile streicheln. Oder besser gesagt Krokodilbabys, sicher gehalten mit versierter Hand. Fast immer sind die Kinder überrascht, wie angenehm sich eine kleine Panzerechse anfühlt. So sollen sie lernen, dass Reptilien im Speziellen und Raubtiere im Allgemeinen keine Feinde des Menschen sind und der Mensch ihren bedrohten Lebensraum respektieren und erhalten muss. Das gilt für das Orinoko-Krokodil genau wie für den Wanderfalken, der hoch über den Kreidefelsen von Møns Klint majestätisch seine Kreise zieht.

Von Marc Vorsatz