Städtereise nach Riga

„Paris des Nordens“ wir Riga genannt. Die Stadt an der Düna ist jedoch viel grüner als die Stadt an der Seine. Ein Park reiht sich an den anderen.Foto: Claudia Diemar  Foto: Claudia Diemar

Früher Abend in der Stadt an der Düna. Möwen schreien über dem Fluss, eine salzige Brise weht von der nahen Ostsee herein. Vor dem Rathaus schwillt stimmgewaltig Carl Orffs...

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. Früher Abend in der Stadt an der Düna. Möwen schreien über dem Fluss, eine salzige Brise weht von der nahen Ostsee herein. Vor dem Rathaus schwillt stimmgewaltig Carl Orffs Carmina Burana an und legt einen symphonischen Klangteppich über die Gassen. Letten lieben Lieder. Jeder fünfte Einwohner ist Mitglied eines Chores oder einer Volkstanzgruppe. Im Schicksalsjahr 1989 verband eine singende Menschenkette die Hauptstädte des Baltikums. Die Revolution wurde in Dur und Moll angestimmt. Sie brachte Freiheit und Souveränität, aber sie forderte auch Opfer.

„Paris des Nordens“ wir Riga genannt. Die Stadt an der Düna ist jedoch viel grüner als die Stadt an der Seine. Ein Park reiht sich an den anderen.Foto: Claudia Diemar  Foto: Claudia Diemar
Letten lieben Lieder. Jeder fünfte Einwohner ist Mitglied eines Chores oder einer Volkstanzgruppe.Foto: Claudia Diemar  Foto: Claudia Diemar

Im Kronvalda Park klettert ein Kind auf einen Findling aus rosa Granit. Fünf solche Steine sind ins Rasengrün eingelassen. Jeder dieser Brocken ist ein Mahnmal für einen der Toten vom 20. Januar 1991, als sowjetische Polizeitruppen beim Sturm auf das Parlament scharf schossen. Dann war die Freiheit wieder erlangt, nach genau 50 Jahren Okkupation durch Deutsche und Sowjets.

Nichts ist mehr zu spüren von der einstigen Bedrückung. Niemand hält mehr auf der Straße den Kopf gesenkt, um nicht aufzufallen. Paare schlendern Arm in Arm über das Kopfsteinpflaster der Altstadt. Fast jede Frau trägt ein Bouquet in der Hand. Letten lieben Sträuße. Am Sakta-Blumenmarkt, an einer Flanke des Wöhrmannschen Gartens, bieten die Händlerinnen von früh bis spät die bunten Gebinde an. „Paris des Nordens“ wird Riga genannt, aber es ist viel grüner als die Stadt an der Seine. Ein Park reiht sich an den anderen.

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Als Mikael Cakste 1989 aus Schweden zurück in die Heimatstadt seiner Vorfahren kam, fand er Riga „selbst an einem strahlenden Hochsommertag nichts als trist und grau“. Jahre später erhielt die Familie das Jugendstilanwesen an der Valdemar-Straße zurück und machte ein Hotel daraus. Wer hier übernachtet, fühlt sich beinahe als Gast bei Freunden. Rund um die Uhr gibt es frisches Obst zur Stärkung, Tee oder Kaffee auf Wunsch, nachmittags kostenfreie Snacks und abends ein Gratis-Buffet für die Gäste. Selten hat man ein derart hilfsbereites und freundliches Personal erlebt. Im Zimmer steht eine Rose mit einem Kärtchen daneben: „Verschenken sie die Blume doch einfach weiter, um ein Lächeln in das Gesicht eines Fremden zu zaubern.“

Das Jugendstilviertel mit Feen, Fratzen und Drachen an den Fassaden erzählt vom Reichtum der Belle Époque. Rund 800 Gebäude des „Jugendstila“, wie es auf lettisch heißt, sind erhalten. Viele der Art-Nouveau-Prunkbauten sind vorbildlich renoviert. Michail Ossipowitsch Eisenstein, Vater des legendären Filmregisseurs Sergej Eisenstein, hat allein etwa 20 dieser herrlichen Häuser gebaut.

Natürlich sind außerhalb der Innenstadt noch viele Gebäude in desolatem Zustand. In Vierteln wie der „Moskauer Vorstadt“ gibt es jede Menge Häuser, deren Giebel und Balkone von Netzen umschlungen sind, weil die Mauern bröckeln. Aber dass ein so kleines Volk mit seinen wenig mehr als zwei Millionen Einwohnern es geschafft hat, seine Hauptstadt in gut 25 Jahren derartig aufzumöbeln, ist Wunder genug.

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Da ist zum Beispiel das Schwarzhäupter Haus, wo einst eine der einflussreichsten Gilden des Baltikums Hof hielt. Die „Firmenzentrale“ unverheirateter Hanse-Kaufleute stammt ursprünglich aus dem 14. Jahrhundert, wurde später mit einer Renaissancefassade geschmückt, im Zweiten Weltkrieg weitgehend zerstört und später von den Sowjets weggesprengt. Zum 800. Geburtstag der Stadt Riga im Jahr 2001 stand der Bau wieder in seiner ganzen Pracht da, detailgetreu noch einmal errichtet. Ein Stück weiter erhebt sich der Prunkbau der einstigen Börse, ebenfalls perfekt restauriert und inzwischen zum Kunstmuseum umgewidmet.

Rigas Ruf als „Paris des Nordens“ greift zu kurz. Die Stadt ist eine Mischung aus hanseatischer Noblesse, skandinavischer Lebensart und einem Schuss östlicher Melancholie. Letten haben einen ausgeprägten Sinn für das Schöne. Das Angebot an einheimischem Design, etwa an Leinen, Glas und Keramik, ist überaus stilvoll. Jeder Gegenstand zeugt von Geschmack. Und man kann in Riga in Gourmettempeln speisen, deren Interieurs so trendig-elegant gestaltet sind, dass man die günstigen Preise auf der Speisekarte, selbst in der neuen Euro-Währung, kaum glauben kann. Wenig später serviert der Kellner ein Stillleben aus essbaren kleinen Kunstwerken, die regional und saisonal inspiriert sind.

Das halbe Jahrhundert Sowjet-Ära hat wenige sichtbare Spuren hinterlassen. „Stalins Torte“ etwa, ein Zuckerbäckerstil-Palast, in dem heute die Akademie der Wissenschaften untergebracht ist. Oder der „Schwarze Sarg“ zwischen Düna und Altstadt, von den Sowjets als Museum für die lettischen Schützen gebaut, die bei der russischen Revolution tapfer mitkämpften. Die Rigaer haben den tiefdunklen Gebäuderiegel hintersinnig umgewidmet. Heute findet sich hier das Okkupationsmuseum, das die bedrückende Geschichte des kleinen Landes und seiner Hauptstadt darstellt, von den Gräueltaten der Nazis bis zu den Deportationen in Stalins Arbeitslagern. Stadtführerin Aija Kocina erzählt von einer Tante, die an ihrem Namenstag nur deshalb verhaftet wurde, weil die eigentlich gesuchten Nachbarn nicht daheim waren und sie wegen des Gepolters ihre Tür öffnete. In dünnem Seidenkleid und hohen Schuhen musste sie nach Sibirien. Es kam nie wieder ein Lebenszeichen von ihr. Selbst als der stalinistische Terror längst ein Ende hatte, lag die Bedrückung wie ein düsterer Schleier über der Stadt, so Aija.

Die Zeiten, in denen es verboten war, am Freiheitsdenkmal inne zu halten und Blumen niederzulegen, sind endgültig vorbei. Drei goldene Sterne reckt die weibliche Figur auf dem Obelisk in den Himmel. Der Volksmund nennt die Skulptur „Milda“. Es passt zu der gelassenen Grundstimmung, die man in Riga spürt.

Von Claudia Diemar