Stadtspaziergang mit „Marseille Greetern“

Die Schönheiten von Marseille erschließen sich erst auf den zweiten Blick.Foto: Helge Sobik  Foto: Helge Sobik

Es ist keine Stadt, die einen auf Anhieb willkommen heißt. Keine, die einen anlacht und die man ab sofort nicht mehr loslassen will. Mediterran ist sie nur am alten Hafen,...

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. Es ist keine Stadt, die einen auf Anhieb willkommen heißt. Keine, die einen anlacht und die man ab sofort nicht mehr loslassen will. Mediterran ist sie nur am alten Hafen, französisch überall ein bisschen, afrikanisch und arabisch vielerorts.

Die Schönheiten von Marseille erschließen sich erst auf den zweiten Blick.Foto: Helge Sobik  Foto: Helge Sobik
Die Französin Ann-Claude zeigt Fremden kostenlos ihre Stadt.Foto: Helge Sobik  Foto: Helge Sobik

Marseille ist herb und wirkt abweisend. Diese Stadt scheint so unentschlossen – irgendwie zwischen allen Stühlen: mit Fassaden wie an den Champs-Élysées in Paris. Mit Märkten, deren Waren auf der Straße ausgebreitet liegen wie in Afrika – Gemüse auf Plastikplanen, Kleidung in Folie direkt aus dem Pappkarton. Marseille fehlt jede Lieblichkeit, Marseille ist geschäftig, laut, temporeich. Marseille ist kriminell – nicht mehr als anderswo, was Taschendiebstahl und Rempeleien angeht. Dafür gibt es umso mehr organisierte Verbrechen. Eine Zeit lang war es ruhiger geworden, doch dann erschossen sich die Gangster wieder gegenseitig von fahrenden Motorrädern aus. Sie konterkarierten die ersten Schlagzeilen vom neuen, vom friedlichen Marseille, aus dem alles Böse rechtzeitig zum Jahr als europäische Kulturhauptstadt herausrenoviert sein sollte. Das war 2013. Es ist Geschichte. Und Marseille zeigt sich wie eh und je – nur mit ein bisschen mehr Farbe.

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Da ist es schön, dass es Leute wie Ann-Claude gibt, die für diese Stadt zusammen mit ein paar Dutzend Gleichgesinnten das Lächeln übernommen hat. Sie führen Fremde an diesen Moloch heran und zeigen den weichen Kern hinter der rauen Schale. Es sind Menschen, die die Berührungsängste mit dieser Stadt nehmen wollen. Nirgendwo passt ihre Idee besser hin als hierher: Sie nennen sich „Marseille Greeter“, weil die französische Version jener „Begrüßer“ viel zu kompliziert auszusprechen wäre.

Ihre Aufgabe ist es, Fremden auf zweistündigen Spaziergängen durch ihr Lieblingsviertel ihre Heimatstadt nahezubringen. Dabei gilt: Die Führungen kosten nichts. Die Greeter arbeiten nicht nur ehrenamtlich, sie müssen für ihr Tun sogar eine – wenn auch geringe – Jahresgebühr an ihre hiesige Dachorganisation „Marseille Provence Greeter“ zahlen. Trinkgelder anzunehmen ist verpönt, allenfalls Spenden für die Organisation sind okay.

60 Freiwillige aus den unterschiedlichsten Berufen sind dabei. Sie führen ganz nach Wahl durch die hauptsächlich von Nord- und Westafrikanern bewohnten Banlieus, die Problemvororte mit ihren hässlichen Hochhäusern. Oder durchs Zentrum, durch das ehemalige Schmugglerviertel Panier am alten Hafen oder durch den Szene-Stadtteil mit dem Cours Julien in der Mitte. Je nach dem, wo sie selbst zuhause sind – oder sich besonders wohlfühlen. Und wo sie führen, dort lächeln sie. Denn wer dabei ist, macht diese Aufgabe mit Begeisterung und das mindestens ein- bis zweimal im Monat.

Wer mitgehen will, muss sich per Mail melden, sein Wunschthema oder -viertel benennen und ein Zeitfenster angeben. Dann bekommt er seinen Greeter zugeteilt, mit dem dann alles Weitere direkt zu besprechen ist.

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Jede Führung wird erst für denjenigen ins Leben gerufen, der anfragt. Er kann mitbringen, wen er will, sofern er es seinen Greeter vorher wissen lässt. Die Greeter-Organisation verschiebt keine weiteren Gäste in seine Gruppe. Manchmal führt Ann-Claude Einzelpersonen, manchmal Paare oder Familien, ab und zu kleine Gruppen aus Freunden.

Wenn sie zum Zug kommt, dann geht es immer ins Panier und zum Cours Julien, weil sie zeigen will, wie lebendig diese Stadt ist. Noch vor zehn Jahren galt das Panier als Ecke, die man meiden sollte: zu viele Ganoven, viel zu viel Kleinkriminalität, viele Schmuggler in den kleinen, engen Gassen oberhalb des alten Hafens. Inzwischen hat nicht nur die Stadt viel getan, um die Lebensqualität in dem Viertel zu verbessern. Vieles geschah auch aus Eigeninitiative der Bewohner. Das Panier hat sein Gesicht gewandelt, und inzwischen haben dort etliche Geschäfte neu aufgemacht, originelle Boutiquen, schräge Läden, sogar Pensionen und Cafés. Die Menschen gehen nun gerne ins Panier. „Der Wandel hat nicht nur Vorteile,“ erzählt Ann-Claude: „Die Mieten sind inzwischen gewaltig gestiegen. Menschen, die hier ihr halbes Leben verbracht haben, sind weggezogen, andere eingezogen.“ Spekulanten haben nach dem Viertel gegriffen. Gerade erst ist am Rande des Paniers in einem ehemaligen Krankenhaus ein Luxushotel entstanden.

Warum Ann-Claude solche Führungen als Greeter macht? Sie lacht und fährt sich mit der rechten Hand durch die dunklen Locken: „Weil ich mir Jahreszahlen nicht merken kann und deshalb für herkömmliche Führungen gänzlich ungeeignet bin. Ich habe aber eine Erinnerung für Gefühle. Und hier zeige ich das Gefühl meines Viertels. Das liegt mir, daran habe ich Freude.“ Sie umarmt kurz die Kellnerin ihres Lieblingscafés, winkt dem Postboten zu, sagt der Verkäuferin in dem kleinen Laden an der Straßenecke „Hallo“ und winkt ihre Gruppe zu sich, um die Besucher vorzustellen. Die Teilnehmer spüren dabei, dass dieses schroffe Marseille Herz haben muss, weil die Menschen es haben. Und zwei Stunden später fühlt sich diese Stadt ganz anders an. Plötzlich ist eine düstere Straße nicht mehr dunkel, sondern Heimat der Anwohner. Enorm laute Musik ist nicht mehr etwas, um das man einen Bogen macht. Sie ist plötzlich der Lebensrhythmus dieser Stadt. Und auch ein afrikanischer Markt gehört plötzlich hierher. Die herbe, abweisende Großstadt hat eine Seele bekommen. Im Vorbeigehen. Weil jemand zum Hingucken angeleitet und weil er das mit Herzblut getan hat.

Ist Marseille dennoch so etwas wie die Schattenseite der Côte d’Azur? Marseille ist gänzlich anders, aber im Schatten steht diese Stadt deshalb nicht. Wo hört die Côte d’Azur eigentlich auf, wo beginnt sie? Und gehört Marseille überhaupt noch dazu? Darüber herrscht Uneinigkeit. Die Antworten reichen vom entschiedenen „Selbstverständlich!“ bis zum empörten „Natürlich nicht!“. Dazwischen gibt es wenig. Ann-Claude sagt dazu: „Ist es nicht egal?“

Von Helge Sobik