Mehr als Messer

Die Müngstener Brücke ist die höchste Eisenbahnbrücke Deutschlands. Foto: Horst Ossinger/dpa

Solingen ist bekannt für hochwertige Messer und Scheren. Doch die „Klingenstadt“ ist nicht nur deshalb eine Reise wert. Wir haben sieben Tipps für Besucher.

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. München, Köln oder Berlin brauchen keine Werbung. Andere Städte dagegen sind kaum bekannt, obwohl sie nicht weniger reizvoll sind. In einer losen Folge stellen wir solche unterschätzten Orte vor – Orte wie Solingen.

Die Müngstener Brücke ist die höchste Eisenbahnbrücke Deutschlands.
Das Solinger Zentrum für verfolgte Künste ist ein Museum, das Malern, Bildhauern, Autoren und Musikern gewidmet ist, deren Werke als „entartet“ eingestuft wurden oder die wegen ihrer kritischen Haltung gegenüber einem Regime verfolgt werden.
Der Stadtteil Gräfrath wurde, anders als die mittelalterliche Altstadt von Solingen, im Zweiten Weltkrieg nicht zerstört.
In der Manufaktur Güde schleift ein Mitarbeiter eine Klinge.
Der Lichtturm war früher ein Wasserreservoir. Heute ist er ein lichtdurchfluteter Glaskuppelsaal, von dem aus der Blick weit übers Bergische Land geht.
Schloss oder Burg? Das Schloss Burg zählt zu den größten Burganlagen Westdeutschlands.
Der 70 Kilometer lange Klingenpfad führt einmal rund um Solingen.

Als „Klingenstadt“ ist sie über die Grenzen Deutschlands hinaus berühmt. Seit 1988 ist der Name Solingen sogar als Marke anerkannt. Das ist weltweit einmalig für eine Stadt. Solingen, knapp 30 Kilometer nordöstlich von Köln gelegen, hat aber weit mehr zu bieten als qualitativ hochwertige Messer und Scheren.

1. Die Müngstener Brücke

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Auf Solinger Stadtgebiet steht zum Beispiel die höchste Eisenbahnbrücke Deutschlands. Die Müngstener Brücke überspannt in einer Höhe von 107 Metern das Tal der Wupper. Bei ihrer Eröffnung 1897 wurde sie als „Meisterwerk deutscher Ingenieurskunst“ gefeiert. Sie besteht aus 5000 Tonnen schweren Stahlträgern und wird von knapp einer Million Nieten zusammengehalten. Einen besonders schönen Blick auf die Konstruktion mit dem imposanten parabelförmigen Bogen hat man vom Fluss aus. Das Gelände ist parkähnlich angelegt. Es gibt Liegewiesen, einen Abenteuerspielplatz und ein Gasthaus mit Biergarten – das Haus Müngsten. Eine Besonderheit im Brückenpark ist eine Schwebefähre, die die Passagiere ähnlich einer Draisine mechanisch antreiben müssen, wenn sie trockenen Fußes die Wupper überqueren wollen.

2. Zentrum für verfolgte Künste

Stolz sind die Solinger auch auf ihr Zentrum für verfolgte Künste, ein Museum, das Malern, Bildhauern, Autoren und Musikern gewidmet ist, deren Werke als „entartet“ eingestuft wurden oder die wegen ihrer kritischen Haltung gegenüber einem Regime verfolgt werden. Betroffen waren und sind davon weltweit viele Künstler, etwa der iranische Autor Salman Rushdie. In Europa ist das Solinger Zentrum für verfolgte Künste übrigens einzigartig. Vergleichbare Institutionen gibt es nur in den USA und Brasilien. Die britische Tageszeitung „The Guardian“ kürte es nach seiner Eröffnung 2015 prompt zu einem der zehn besten Museen der Welt. Untergebracht sind die Exponate im ehemaligen Rathaus von Gräfrath, das auch das Kunstmuseum der Stadt Solingen beherbergt: www.verfolgte-kuenste.com.

3. Marktplatz in Gräfrath

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Durch Bombenangriffe während des Zweiten Weltkriegs wurde die mittelalterliche Altstadt von Solingen völlig zerstört. Auf historisches Ambiente müssen Besucher trotzdem nicht verzichten. Denn wie durch ein Wunder blieb der Stadtteil Gräfrath weitgehend verschont. Ein Bummel durch die engen Gassen, die von restaurierten bergischen Fachwerkhäusern flankiert werden, ist auf jeden Fall ein Muss. Die Klosterkirche St. Maria Himmelfahrt mit ihrer „Laterne“, einem türmchenartigen Aufsatz, ist nicht zu übersehen. Sie wurde 1195 erbaut und ist damit das älteste Gebäude im Ort. Unterhalb der Kirche liegt der pittoreske Marktplatz. Hier laden Cafés, Restaurants, Ateliers und Galerien zu einem Besuch ein. Bei einem Kaffee oder Eis kann man heute das historische Ambiente des Platzes wunderbar auf sich wirken lassen.

4. Werksverkauf „Made in Solingen“

„Made in Solingen“ ist nicht nur eine international geschützte Herkunftsangabe, sondern auch ein verlässliches Qualitätsmerkmal. Die meisten Gäste nutzen daher die Gelegenheit, sich mit Besteck, Messern und Scheren einzudecken, die vor Ort im Werksverkauf günstig zu haben sind. Solingen hat in Sachen Werksverkauf einiges zu bieten. Messer und andere Schneidwaren (zum Beispiel Zwilling, Güde, Mertens, Böker) stehen natürlich im Fokus, aber Outlets für Markengeräte von Krups, Moulinex, Rowenta, Tefal, für Kleidung (Walbusch) und Süßigkeiten (Haribo) gibt es ebenfalls. Beliebt bei Besuchern ist der sogenannte Solinger Schneidwarensamstag. An diesem Tag gewähren Solinger Unternehmen ihren Kunden exklusive Einblicke in die Produktion. 2020 findet die Veranstaltung am 5. September statt: www.solinger-schneidwaren-samstag.com.

5. Lichtturm

In Solingen gibt es ein innovatives Projekt: den Lichtturm. Der ehemalige Wasserturm stand fast 80 Jahre lang im Dienste der Trinkwasserversorgung – dann drohte dem Bauwerk der Abriss. 1993 entdeckte der international bekannte Lichtkünstler Johannes Dinnebier das Potenzial, das in dieser historischen Landmarke steckte, und eine außergewöhnliche Metamorphose begann: Das einstige Wasserreservoir ist heute ein lichtdurchfluteter Glaskuppelsaal, von dem aus der Blick weit übers Bergische Land geht. Die unteren Etagen dienen als Showroom einer Firma. Führungen sind nach Vereinbarung möglich: www.lichtturm-solingen.de.

6. Schloss Burg

Das wohl bekannteste Wahrzeichen Solingens ist Schloss Burg. Es thront 110 Meter hoch über der Wupper. Der trutzige Bergfried ist weithin zu sehen, und die Aussicht von oben wunderbar. Die Anlage war seit dem 12. Jahrhundert die Stammburg der Grafen und späteren Herzöge von Berg. Die Gegend, über die sie im Mittelalter herrschten, wird bis heute Bergisches Land genannt. Ihr „Haus“, das Schloss Burg, zählt zu den größten Burganlagen Westdeutschlands. Allerdings sind der Palas, die Wehrgänge und Türme, so wie sie heute zu besichtigen sind, die Rekonstruktion der ursprünglichen Anlage, an der seit über 100 Jahren gebaut und getüftelt wird: www.schlossburg.de.

7. Klingenpfad

Als Auswärtiger ist man angenehm überrascht, wie grün sich diese Industriestadt präsentiert. Das liegt mitunter an der Lage von Solingen, das auf einem Höhenrücken thront, der von zahlreichen Bachtälern und riesigen Waldgebieten umgeben ist. Solingen ist daher bei Wanderern und Mountainbikern beliebt. Rund um die Stadt führt zum Beispiel der 70 Kilometer lange Klingenpfad, der mit einem „S“ auf schwarzem Grund markiert ist. Er bietet eine abwechslungsreiche Mischung aus Industriekultur, Fluss- und Bachläufen, Wäldern sowie Wiesen und Feldern und kann auch in Etappen bewältigt werden – oder beim nächsten Besuch.

Von Christiane Neubauer