Lust auf Luzern

Von den Stadttürmen aus eröffnet sich ein atemberaubendes Luzern-Panorama. Foto: Alexander Stein

In der Schweizer Stadt am Vierwaldstäddersee herrscht geschäftiges Treiben. Doch wer sich nach Stille sehnt, findet sich binnen kürzester Zeit in malerischer Natur wieder.

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. Die Stadt, der See, die Berge – so lautet der selbstbewusste Slogan von Luzern. Während Luzern dem Attribut „Stadt“ allein mit großer Geneigtheit gerecht wird und viel eher als ein großes, dafür überaus pittoreskes Dorf bezeichnet werden sollte, sind „der See“ und „die Berge“ unbestritten. In Luzern kommen übrigens auch Nicht-Schönwetter-Reisende voll auf ihre Kosten. Denn wenn luftige Nebelschwaden den Vierwaldstättersee wie Zuckerwatte einhüllen, wirkt der See geheimnisvoll mystisch.

Von den Stadttürmen aus eröffnet sich ein atemberaubendes Luzern-Panorama. Foto: Alexander Stein
Blick auf den Vierwaldstättersee. Foto: Alexander Stein
Die Kapellbrücke ist fast 700 Jahre alt. Foto: Alexander Stein

An diesem Vormittag herrscht geschäftiges Treiben in der Stadt, direkt an der Reuss, jenem Fluss, der durch Luzern fließt, um anschließend in den Vierwaldstättersee zu münden. Es ist Samstag, Markttag. Nicht irgendein Markt, der Luzerner Wochenmarkt „Unter der Egg“ bezeichnet sich selbst als schönster Wochenmarkt der Schweiz. Das mag tatsächlich hinkommen: Kleine, malerische Gassen längs der Reuss, eine große Vielfalt an Obst, Gemüse und Blumen – und zwischen all den kleinen Marktständen all das, was Luzern so markant macht: die barocke Jesuitenkirche, das Rathaus im Renaissancestil – die vielen, kleinen Brücken, die über die Reuss führen, allen voran die Kapellbrücke, und all die historischen Fachwerkhäuser, die die Straßen der 80 000 Einwohner Stadt prägen.

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Doch nicht nur die Fachwerkhäuser, die man in der Schweiz Riegelhäuser nennt, bestimmen das Bild der Luzerner Altstadt. Die Fassaden vieler Häuser sind hübsch bemalt. Bunte Fresken suggerieren den Gästen beinahe, sie befänden sich in einem Open-Air-Museum. Wer sich die Bemalungen genau anschaut, wird das ein oder andere bekannte Gesicht entdecken. Schon Johann Wolfgang von Goethe hat es Ende des 18. Jahrhunderts offenbar so gut in Luzern gefallen, dass er gleich mehrere Wochen blieb. Eines der bemalten Häuser, das Goethe-Haus, trägt sein Bild in Lebensgröße. Der Komponist Richard Wagner blieb sechs Jahre lang. Während seiner Zeit in Luzern hat er seine Oper „Die Meistersinger von Nürnberg“ komponiert.

Eine Straßenecke weiter wird man wieder mit der Gegenwart konfrontiert: Vieles erinnert hier an die Fastnacht in Mainz. Mitten auf dem Kapellplatz steht ein Fastnachtsbrunnen, der hier auch Fritschibrunnen genannt wird, da die imaginäre Familie Fritschi in Luzern für die Fastnacht steht. Und die Fastnacht wird hier wie in Mainz von der Guggemusik eingeläutet. Das könnte so manches närrische Herz höher schlagen lassen.

Weiter geht’s über die rund 200 Meter lange Kapellbrücke auf die andere Flussseite. Sucht man bei Instagram oder Pinterest nach #Luzern, ist dies die Sehenswürdigkeit, die am häufigsten angezeigt wird. Fragt man die Luzerner, ist die Kapellbrücke die berühmteste Europas und nach der Golden Gate Bridge gar die bekannteste der Welt. Immerhin ist die Holzbrücke fast 700 Jahre alt, 1993 ist sie bei einem Feuer allerdings fast komplett niedergebrannt und wurde binnen weniger Monate restauriert.

Besonders süß geht es bei Max Chocolatier zu. Schokoladen-Laden würde dem Ganzen keinesfalls gerecht werden. Unten Schokoladen-Boutique, oben Manufaktur, das trifft es eher. Schweizer Schokolade ist eine der besten überhaupt, und hier wird nochmal eine Schippe draufgelegt. Wer mag, kauft nicht nur die so köstlichen Pralinen und Täfelchen, sondern lässt sich durch die Manufaktur im ersten Stock führen. Wer allerdings darauf hofft, den Namensgeber Max persönlich anzutreffen, wird vermutlich enttäuscht. Max lebt in den USA. Unübersehbar der Buchstabe „X“ auf jeder einzelnen Schokolade. Er steht für das überzählige Chromoson. Max ist an Trisomie 21 erkrankt. Max’ Vater führt die Boutique, sie war ein Geschenk an seinen Schokolade liebenden, kleinen Jungen. Noch ganz gerührt von Max Geschichte geht’s zum nächsten Highlight in Luzern: dem Vierwaldstättersee. Gerade einmal ein Fünftel von der Fläche des Bodensees und damit nicht besonders riesig, schlängelt er sich mit allerhand Windungen durch die namensgebenden vier Waldstätten (heute Kantone) Uri, Schwyz, Unterwalden und Luzern.

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Am besten kann der Vierwaldstättersee natürlich mit dem Dampfschiff erkundet werden. Was bei strahlendem Sonnenschein richtig viel Spaß macht, ist auch bei Nebel ein imposantes Erlebnis. Von hauchdünnen Nebelschwaden umweht, wirkt der See ganz magisch.

Und mit dem Schiff kann man sich gleich zu einer weiteren Attraktion in der Luzerner Region bringen lassen. Gute 2000 Meter ist er hoch und ganz schön spektakulär: Luzerns Hausberg, der Pilatus. Kaum vom Schiff gegangen, wartet bereits eine Gondel darauf, die Menschen auf den Gipfel zu bringen. Auffahrt mit der steilsten Zahnradbahn der Welt, vorbei wahlweise an blühenden oder schneebedeckten Wiesen, an markanten Felsen und durch Felsen hindurch. Bis zu 48 Grad Steigung, aber eben auf der Schiene, nicht freischwingend. Wer dennoch ein mulmiges Gefühl beim Gedanken an die Auffahrt hat, kann den Berg auch zu Fuß erklimmen. Vier Stunden Wanderzeit sind realistisch, besonders sportliche Menschen brauchen vielleicht zwei. Mit der Bahn oder zu Fuß, wer es nach oben geschafft hat, wird – bei klarer Sicht – mit einem unvergesslichen Ausblick belohnt. Die Landschaft erinnert an Neuseeland: große und kleine Berge in der Ferne, dazwischen der See. Die Aussicht ist so magisch, man könnte stundenlang in die Ferne schauen. Aber das Wetter in den Bergen ändert sich oft schlagartig. Wenn’s zugezogen ist und einem der Ausblick verwehrt bleibt, dann trösten vielleicht zwei Dinge. Erstens: eines der besten Desserts der Welt, die es im Restaurant auf dem Berg bei jeder Witterung gibt – Coupe Nesselrode, bestehend aus Vanilleeis, pürierten Edelkastanien, schaumigen Meringues, geschlagenem Rahm und damit etwa 200 000 Kalorien pro Portion. Trotzdem in jedem Fall eine Sünde wert. Zweitens: Wenn man den Pilatus auf der anderen Seite mit der Luftseilbahn „Dragon Ride“ im dichten Nebel wieder verlässt und plötzlich nach einer kurzen Fahrt ins Nirgendwo die Wolken aufbrechen und sich ein unglaubliches Panorama auf den Vierwaldstättersee offenbart, spätestens dann ist jedem klar: Luzern, wir sehen uns bald wieder!

Von Alexander Stein