Litauen: Unterwegs mit dem Bernsteinfischer

Igoris Osnac geht bei Wind und Wetter in die Ostsee und sucht dort nach Bernstein. Foto: Anna Röttgers  Foto: Anna Röttgers

Wie der Professor, als der er sich bezeichnet, sieht Igoris Osnac nun wirklich nicht aus. Auf dem Kopf trägt er einen Anglerhut in Tarnfarben und die dunkelgrüne Wachsjacke...

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. Wie der Professor, als der er sich bezeichnet, sieht Igoris Osnac nun wirklich nicht aus. Auf dem Kopf trägt er einen Anglerhut in Tarnfarben und die dunkelgrüne Wachsjacke zieht er auch drinnen nicht aus. Igoris strahlt wie ein Schuljunge, als er die Hand in die Brusttasche steckt und einen gelb-bräunlich schimmernden Stein daraus hervor zieht. Nachdem alle den pflaumengroßen Bernstein in seiner Hand bewundert haben, steckt er ihn zurück in die Tasche. Dann zieht er aus der Hose ein Tütchen mit kleineren Steinen und hält sie über ein mit Salzwasser aus der Ostsee gefülltes Aquarium.

Igoris Osnac geht bei Wind und Wetter in die Ostsee und sucht dort nach Bernstein. Foto: Anna Röttgers  Foto: Anna Röttgers
Igoris Osnac geht bei Wind und Wetter in die Ostsee und sucht dort nach  Bernstein.  Foto:

„Was passiert, wenn ich die Steine ins Wasser werfe?“, fragt er in die Runde. Doch noch bevor überhaupt jemand zum Antworten Luft holen kann, sinken schon die ersten nach unten und tanzen in der Strömung des Wasserbeckens über den Sand auf dem Boden. Der leichte Bernstein sinke im relativ salzarmen Wasser der Ostsee schnell. Einmal am Boden, könne er nur durch Wellen wieder ans Tageslicht gespült werden, erklärt Igoris.

Der 55-Jährige ist Bernsteinfischer. Man trifft ihn oft schon früh morgens am Strand des Regionalparks Pajurio, wo er Sand und Kies nach Steinen absucht. Das macht er schon seit seiner Kindheit, die er im damals noch sowjetischen Litauen verbrachte. Mit Freunden versteckte er sich in den Dünen und beobachtete russische Soldaten dabei, wie sie die Ostsee mit Netzen durchkämmten.

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Die Echtheitsprobe: Riechen, beißen, brennen

Der Strand war Tabuzone – und dennoch traute er sich als Neunjähriger zum ersten Mal mit einem selbst geknüpften Netz ins Wasser. „Einmal haben die Russen mich erwischt und ich musste zur Strafe Kartoffeln schälen“, erzählt Igoris. Von der Bestrafung ließ er sich aber nicht einschüchtern, im Gegenteil. Der Bernstein ließ ihn nicht mehr los, immer und immer wieder ging er in ins Meer und fischte dort seine ersten Schätze.

Heute will er als Tourguide und „Bernsteinprofessor“ auch andere für das Gold des Meeres begeistern. Im Besucherzentrum in Karkle, wenige Kilometer von der Hafenstadt Klaipeda entfernt, weiht er Touristen in die Geheimnisse des Bernsteins ein und demonstriert zum Beispiel, woran sie einen echten Stein erkennen können: riechen, beißen, brennen.

„Wenn Sie beißen und der Zahn geht kaputt, war es ein normaler Stein. Wenn er brennt, war es ein echter Bernstein. Wenn Sie ihn reiben und es riecht nach Harz, dann haben Sie es vermutlich auch mit einem echten Stein zu tun“, erklärt er seinen Schülern, zückt ein Beutelchen mit Bernsteinstaub, zieht ein Feuerzeug aus der Hosentasche, wirft den Staub in die Luft und zündelt. Eine Stichflamme saust durch die Luft, es riecht nach Harz. Klare Sache: Der war echt.

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Auf dem Marktplatz von Klaipeda, wo Bernsteinverkäufer in Reih und Glied stehen, gestaltet sich die Feuerprobe schwierig. Igoris empfiehlt deshalb immer die Reibeprobe als Anhaltspunkt – oder alternativ den Kauf in einem der zahlreichen Geschäfte der Bernsteinhochburg. In deren Schaufensterauslagen schimmern die Steine in den unterschiedlichsten Gelb-, Braun und Grünschattierungen. Sie stammen allerdings heute nicht mehr von der litauischen Ostseeküste, sondern zum überwiegenden Teil aus Kaliningrad, wo sie industriell abgebaut werden.

Wer seine Schätze lieber vor Ort sammeln möchte, sollte an der Küste der kurischen Nehrung sein Glück versuchen und beim Strandspaziergang die Augen offen halten – oder gleich wie Igoris ins Wasser steigen und den Meeresboden mit dem Netz abfischen.

3,8 Kilo wiegt der schwerste jemals gefundene Stein

Entlang der langgezogenen feinsandig weißen Strandabschnitte, die im Sommer zum Baden einladen, finden sich hin und wieder auch Bernsteinstücke. Wer glaubt, er habe ein großes Stück gefunden, kann sich allerdings in Nida eines Besseren belehren lassen und den größten je aus der litauischen Ostsee gefischten Bernstein bewundern.

Er befindet sich im kleinen Bernsteinmuseum unweit des ehemaligen Sommersitzes von Thomas Mann und wiegt stolze 3820 Gramm. Ein Gramm Bernstein ist, abhängig von Farbe und eventuell Einschluss, rund fünf Euro wert – doch mit der Größe des Stücks steigt auch der Preis – und zwar mitunter exponentiell. Was das 3,8-Kilo-Stück wert ist, weiß niemand so genau. Aber es ist ohnehin unverkäuflich.

In Nida beginnt die nächste Unterrichtsstunde für die Touristen – diesmal in Bernsteinverarbeitung. Unter fachkundiger Aufsicht von Museumspädagogin Judita Eiciniene können Bernsteinschüler aller Altersstufen im Garten des Museums lernen, wie der einmal gefundene Stein weiterverarbeitet wird. Denn Bernstein hat meist eine Rinde, die abgeschliffen werden muss. „Früher“, erklärt Judita, „haben die Leute das einfach am Strand mit Sand gemacht. Heute nutzen wir dazu feines Schmirgelpapier.“

Aus Steinen in der Größe eines 10-Cent-Stücks entstehen kleine Talismane, die am Ende der Schulstunde mit einem Loch versehen und um den Hals gebunden werden. Sie sollen ihren Trägern Glück bringen und vor Bösem schützen.

Am nächsten Morgen ist Igoris Osnac wieder früh am Strand. In der Nacht war es windig und hat geregnet, die Ostsee ist leicht aufgewühlt. Die besten Bedingungen zum Bernsteinfischen bieten sich nach schweren Stürmen, wenn der Meeresboden komplett umgewälzt wird und die leichten Bernsteine an seine Oberfläche gespült werden. Dann geht Igoris dick angezogen hüfttief ins eiskalte, von Strömungen aufgepeitschte Meer.

„Richtig gute Bedingungen“, sagt er, „gibt es eigentlich nur ein paarmal im Jahr, hauptsächlich im Herbst und im Winter – keine gute Zeit für Ostseeurlaub.“ Doch auch heute hat er wieder einen etwa kirschgroßen Stein im Kescher gehabt. „Ich nutze jede Chance“, sagt er und präsentiert seinen Fang mit glasig-verträumtem Blick zwischen den Fingern.