Karneval in Montevideo

Die Murga La Clave, ein Sängerensemble aus der Provinzstadt San Carlos, rockt mit ihrem Chorgesang den Saal. Foto: Marc Vorsatz

Anders als beim Nachbarn Brasilien ist der Karneval in Uruguay kein Jahrmarkt der Eitelkeiten. Gefeiert wird mit Trommlern, Sängergruppen und jeder Menge Satire.

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. Wenn die Abendsonne Montevideo in ein glutrotes Licht taucht und der treibende Rhythmus unzähliger Trommeln durch die Gassen schallt, dann geht Alvaro Rabasquiño das Herz auf. Der Stress der vergangenen Monate ist nun endlich vorbei. Jetzt heißt es Abschalten, Freunde treffen, Feiern. Und dem treibenden Beat der hereinbrechenden Karnevalsnacht lauschen.

Die Murga La Clave, ein Sängerensemble aus der Provinzstadt San Carlos, rockt mit ihrem Chorgesang den Saal. Foto: Marc Vorsatz
La-Clava-Chef Martin Sousa. Foto: Marc Vorsatz
Murga-Finalisten beim Karneval in Montevideo. Foto: Marc Vorsatz
Ein Kostümierter mit Teufelsmaske. Foto: Marc Vorsatz

Kaum jemand hat wohl ein feineres Ohr dafür als Alvaro. Denn unzählige Trommeln hat er mit seinen eigenen Händen erschaffen. Er gilt als der Beste seines Fachs in Montevideo, wenn nicht gar in ganz Uruguay. Der Herr der Trommeln, der Trommel-Gott. So ist es nicht verwunderlich, dass sich in letzter Zeit etliche Candombe-Drummer die Klinke seiner bescheidenen Werkstatt am Stadtrand in die Hand gaben.

Denn das alles beherrschende Instrument des Candombe sind die Trommeln. Aber was ist eigentlich Candombe? „Candombe bezeichnet im eigentlichen Sinn den Rhythmus Uruguays, den afrikanische Sklaven ab 1750 in das winzige Land zwischen den beiden Riesennachbarn Argentinien und Brasilien brachten“, erklärt der Maestro. „Candombe hat sich, genau wie Tango und Samba, über zwei Jahrhunderte zu einem völlig eignen Musikstil entwickelte.“

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Zu Zeiten der Sklaverei war er ein Ventil der geschundenen Seelen, eine nächtliche Auszeit am Stadtrand Montevideos. Eine explosive Mischung aus Rhythmus und Tanz, um für wenigstens ein paar Stunden in eine andere Realität zu tauchen. Zu gefährlich, befand 1808 die spanische Kolonialmacht und verbot Candombe kurzerhand. Vergebens. Heute ist Candombe ein integraler Bestandteil der uruguayischen Kultur, gar ein immaterielles Erbe der Weltkultur. Das befand auch die Unesco im Jahre 2009.

Kein Jahrmarkt der Eitelkeiten

Das ganze Jahr über ziehen die Trommler und Tänzerinnen am Wochenende durch die Straßen der Barrios Sur und Palermo. Die wohlhabendsten Stadtteile sind das sicher nicht von Montevideo. Die Häuser sind hier kleiner, die Schlaglöcher größer, der Putz bröckelt an jeder Ecke. Doch das scheint hier niemand wirklich zu stören.

Tänzerin Maria lässt sich von ihrer Schwester in einer Lagerhalle im Barrio Sur schminken. Nicht wirklich schön, aber stark die Maskerade. Die Schwester ist sicher kein Make-up-Artist und auch Maria würde vermutlich keinen Schönheitswettbewerb gewinnen. Müssen beide auch nicht. Selbst die Kostüme wirken bei näherer Betrachtung recht improvisiert. Spätestens hier wird klar, dass der Karneval in Uruguay kein Jahrmarkt der Eitelkeiten ist. Ganz anders als beim großen Bruder Brasilien. Auch barbusige Tänzerinnen wären unvorstellbar am Río de la Plata, dem Silberfluss.

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Als Maria und ihre Freunde wenig später trommelnd und tanzend durch die Straßen ihres Kiezes ziehen und von freudigen Passanten angefeuert werden, sprühen sie nur so vor Lebensfreude, sind alle Widrigkeiten des Alltags längst vergessen. Doch der Umzug ist ja eigentlich nur ein bescheidenes Vorglühen für die großen Karnevalsparaden „Desfile Inaugural“ Ende Januar und „Las Llamadas“ Anfang Februar, bei denen bis zu 2000 Trommler Montevideo in den karnevalistischen Ausnahmezustand versetzen.

Der Höhepunkt des längsten Karnevals der Welt war das dann aber noch lange nicht. Denn nun übernehmen die Murgas die Regie. Das sind kleine, 17-köpfige Ensembles, bestehend aus 13 Sängern, drei Perkussionisten und dem künstlerischen Leiter, der als eine Art Dirigent seine Mannen zu Höchstleistungen peitscht. Ihnen gehört der feuchtheiße Februar, sie sind die eigentlichen Stars. Denn die satirischen Ensembles besingen auf humorvolle Art und Weise, wo dem Volk der Schuh am meisten drückt, welche Politiker die tiefsten Taschen haben und was alles sonst noch so verkehrt läuft im Land.

Diese karnevalistische Kunstform schwappte mit spanischen Auswanderern zu Beginn des 20. Jahrhunderts aus Cádiz nach Uruguay und durchlief in über 100 Jahren zahlreiche Transformationen.

Manche Vorstellungen weichen von dem klassischen Murga-Konzept ab, erinnern mit ihren Büttenreden gar an den Kölner Karneval. Kein Wunder, zog es doch ab 1850 vermehrt auch Rheinländer an den Rio de la Plata.

Zwei Religionen: Karneval und Fußball

Aus dem ganzen Land sind die Freizeitmusiker jetzt mit Kind und Kegel angereist. Sie schlafen bei Freunden, in Turnhallen oder sonst wo. Die Murga La Clave aus dem Provinzstädtchen San Carlos ja sogar in den Katakomben des legendären Estadio Centenario, des einzigen offiziellen Weltfußballmonuments. Ein Heiligtum für jeden Uruguayer. Denn das kleine Land kennt genau zwei Religionen: den Karneval und den Fußball. Hier besiegte Uruguay 1930 den großen Bruder, Argentinien, im ersten Endspiel der Fußballweltmeisterschaft und wurde Weltmeister.

Die Konkurrenz ist hart. Die besten Ensembles, die sich in den Vorrunden qualifiziert hatten, treten nun Abend für Abend in der Hauptstadt gegeneinander an. „Es gilt, eine unerbittliche Jury, vor allem aber das Publikum, mit dem quasi A-Capella-Gesang zu begeistern“, sagt La-Clave-Chef Martin Sousa. Denn begleitet wird der kraftvolle Chorus lediglich von einem Becken, einer kleinen Parade- und einer großen Basstrommel.

Wie das geht, beweisen die Männer dann am Abend par excellence. Sie rocken in einer einstündigen Performance das restlos ausverkaufte Teatro de Verano. Mit ihren clownesken Kostümen, viel Charme und Mutterwitz und einer gehörigen Portion Satire und vor allem aber durch einen überwältigenden Chorgesang haben sie schließlich auch den müdesten Zuschauer vom Hocker gerissen. Am Ende des Tages gehört La Clave eines der Sehnsuchtstickets fürs Finale am Donnerstag nach Aschermittwoch. Am Aschermittwoch ist alles vorbei, sagt man – nicht in Montevideo.

Von Marc Vorsatz