Irlands Wilder Westen: Zu Besuch auf den Aran-Inseln

Pause mit Blick auf die Steilklippen: Von Liscannor aus führt ein wenig begangener Wanderweg zu den Cliffs of Moher, der immer wieder traumhafte Ausblicke bietet. Foto: Volker Stavenow  Foto: Volker Stavenow

Christin sitzt fast am Abgrund und schwenkt begeistert die irische Flagge, die sich im starken Wind an der Steilküste nur widerwillig entfaltet. Das Hamburger Aupair-Mädchen...

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. Christin sitzt fast am Abgrund und schwenkt begeistert die irische Flagge, die sich im starken Wind an der Steilküste nur widerwillig entfaltet. Das Hamburger Aupair-Mädchen hat frei und ist mit zwei Freundinnen an die Westküste gefahren, nach Inishmore, die größte der drei Aran-Inseln in der Galway-Bucht. Hinter Inishmore kommt nur noch Wasser – und dann irgendwann Amerika.

Pause mit Blick auf die Steilklippen: Von Liscannor aus führt ein wenig begangener Wanderweg zu den Cliffs of Moher, der immer wieder traumhafte Ausblicke bietet. Foto: Volker Stavenow  Foto: Volker Stavenow
Die Fähre bringt Besucher auf die Aran-Inseln. Foto: Volker Stavenow  Foto: Volker Stavenow

Daran denken Christin und Hunderte andere Besucher im Fort Dun Angus auf Inishmore in diesem Moment aber nicht. Stattdessen bestaunen sie die noch sehr gut erhaltene halbrunde Festung aus dem zweiten Jahrhundert vor Christus und wagen sich auf dem Bauch robbend oder sogar stehend bis an den Rand der mehr als 100 Meter hohen Steilklippe, die das Fort von dieser Seite uneinnehmbar macht. Niemand weiß, warum ausgerechnet auf Inishmore, am damaligen Ende der bekannten Welt, diese Festung gebaut wurde, vor wem die Bewohner der kargen Insel so viel Angst hatten, dass sie Hunderttausende Steine zu mächtigen Mauern auftürmten, die noch heute den heulenden Winden trotzen.

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Einen kleinen Einblick in die Geschichte der Aran-Inseln und ihrer Denkmäler gibt das Informationszentrum am Fuß des Hügels, auf dem die Wälle thronen. Vor ein paar Jahren konnten Wanderer und Radfahrer, die vom kleinen Hauptort Kilronan aus die Insel erkundeten, unbehelligt zu Dun Angus hochlaufen. Heute kostet der Besuch. Das Geld kommt den gut 824 Einwohnern von Inishmore zugute, die sich mit dem Tourismus angefreundet und die Fremden als Einnahmequelle entdeckt haben. Früher lebten fast alle Bewohner von Inishmore vom Fischfang.

Auf den Inseln wird noch Gälisch gesprochen

Das Leben auf den Aran-Inseln ist immer noch hart. „Im Winter ist es fast wie in der Hölle“, sagt Sue, die der Liebe wegen in diese Abgeschiedenheit gezogen ist. Die Frau mit irisch-amerikanischen Wurzeln zapft Guinness in einem Pub in Kilronan. Im Notfall entflieht sie der Wintertristesse in die USA: „Wenn es sehr schlimm wird, fliege ich nach New Jersey.“

Von Tristesse ist im Sommer nichts zu spüren. Die kleinen Schiffe, die in gut eineinhalb Stunden von Doolin nach Inishmore fahren – Zwischenstopps in Inisheer und Inishman, den kleinen Schwestern von Inishmore inklusive – bringen viele erwartungsfrohe Abenteurer mit sich, die sich in Windeseile daran machen, die Aran-Inseln zu erobern. Wer nicht wandern oder Rad fahren möchte, lässt sich mit Kleinbussen oder in Pferdekutschen von den Insulanern über die Insel fahren.

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Einer der Kleinbus-Fahrer ist Steven, ein echter Inishmorer. „Meine Vorfahren haben hier schon gelebt und jetzt meine Familie und ich.“ Begeistert wirbt er für sein steiniges Eiland und zeigt seinen Fahrgästen während der Fahrt, wo junge Iren heute noch die gälische Sprache studieren. Die Aran-Inseln liegen im Gaeltacht-Gebiet, also in einer Region, in der Gälisch die vorherrschende Sprache ist. Davon gibt es nur noch wenige. Immerhin: Steven spricht perfekt gälisch. „Die Kinder müssen es in der Schule lernen. Das ist ein Teil unserer Kultur“, erklärt er den Touristen – auf Englisch natürlich. Dann zeigt er den einzigen Supermarkt, die Gedenktafel für die auf See gebliebenen Aran-Fischer und die kleine Inselschule. Während der Kleinbus in Richtung Hafen von Kilronan schaukelt, dreht eine Propeller-Maschine der Aer Aran von Galway kommend auf den winzigen Inselflughafen ein.

In Kilronan ist alles vorhanden, was ein Irlandfan braucht: Hostel, Bed & Breakfast, Shops und Pubs. Dort können die Touristen sich nach der langen Wanderung zu Dun Angus mit Blick auf den Hafen von den Strapazen erholen. Pünktlich um 16 Uhr aber müssen alle Besucher wieder am Hafen sein. Denn die Schiffe aus Doolin, die die Inseln morgens ansteuern, fahren nachmittags zurück zum Festland. So auch die „Happy Hooker“. Je näher das kleine Schiff dem Küstenort Doolin und den Cliffs of Moher kommt, desto höher werden die Wellen. Egal, ob man drinnen sitzt oder an der Reling Wind, Wetter und Seegang trotzt, kräftig durchgeschüttelt werden alle Fahrgäste.

Hat man wieder festen Boden unter den Beinen, sollte man Doolin nicht sofort verlassen. In dem Dörfchen lohnt ein Besuch in einem der berühmtesten Pubs Irlands, dem O’Connors. Dort ist zwar inzwischen Massenbetrieb eingekehrt, aber dafür spielen die Musiker im schummrigen Licht schon ab 17 Uhr. Die Stimmung ist prima, das Guinness läuft durch hunderte Kehlen, draußen regnet es, aber keinen kümmert es – ist halt Irland.

Mit dem Auto gelangen Besucher zu einer weiteren sehr bekannten Attraktion in der Grafschaft Clare, den Cliffs of Moher. Inzwischen sind auch an diesen bombastischen Steilklippen überall Souvenirshops zu finden. Den Reiz hat ein Besuch aber nicht verloren. Man kann von Doolin aus auch zu den Klippen wandern, immer am Abhang entlang, natürlich mit respektvollem Abstand. Man muss diesen von Hunderten Wanderern gleichzeitig genutzten Weg aber nicht gehen. Patricia McMahon, die das noble Greenlawn Lodge Bed & Breakfast im nahen Lisdoonvarna betreibt, hat einen Alternativtipp: „Fahren Sie nach Liscannor, dort gibt es beim Rockhouse eine Abzweigung zu einem Parkplatz. Und wandern Sie von dort zu den Cliffs. Das ist viel schöner, entspannter und ruhiger. Unterwegs können Sie ja mal Picknick machen.“

Sie hat recht: Der leicht zu gehende und wenig frequentierte Weg verläuft oberhalb der Klippen mit fantastischen Ausblicken auf die Cliffs, das Meer und die reichhaltige Vogelwelt. Da lohnt es sich, sich einfach mal ins Gras zu setzen, sich den Wind um die Nase wehen zu lassen und das Naturwunder zu bestaunen. Geradezu majestätisch liegen die drei Aran-Inseln in Sichtweite.

An den Steilklippen selbst ist viel los. Nicht wenige Touristen laufen in Sandalen, Schläppchen oder sogar Flipflops am ungesicherten Klippenrand entlang und schauen in ihre Handykameras. Nur ein paar Schilder weisen auf die Gefahr an den Abgründen hin.

Wer mit Pausen gut zweieinhalb Stunden gewandert und nun zu müde für den Rückweg ist, muss nicht verzweifeln: Shuttlebusse bringen erschöpfte Touristen wieder zum Ausgangspunkt zurück. Wer noch gut auf den Beinen ist, läuft nach dem Zwischenstopp im Besucherzentrum am Klippenrand weiter bis Doolin – und lässt sich erst dann vom Kleinbus wieder zum Parkplatz bringen, wo er gestartet ist.