Große Kulturvielfalt und sozialer Sprengstoff in Myanmar

Der Goldene Felsen gilt als die bedeutendstePilgerstätte des Landes.Foto: Eric Scherer  Foto: Eric Scherer

Höflich lächelnd präsentiert Hom den braunen Klecks Brei, den sie sich auf den Zeigefinger gestrichen hat. „Das sind Weberameisen, mit dem Stößel zerdrückt“, erklärt...

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. Höflich lächelnd präsentiert Hom den braunen Klecks Brei, den sie sich auf den Zeigefinger gestrichen hat. „Das sind Weberameisen, mit dem Stößel zerdrückt“, erklärt sie. „In der Pfanne geröstet schmecken sie sehr gut. Wollt Ihr mal probieren?“ Wenn sich Europäer nur nicht so überwinden müssten, Insekten zu essen. Doch in Myanmar locken viele Genüsse. Das Nationalgericht etwa, die Mohinga, eine Nudelsuppe mit Fisch. Oder alle Arten von Curry, die für umgerechnet nicht einmal fünf Euro zu haben sind. Oder der „Le-Pet Touk“, ein Salat aus fermentierten Teeblättern.

Der Goldene Felsen gilt als die bedeutendstePilgerstätte des Landes.Foto: Eric Scherer  Foto: Eric Scherer
Am Inle-See erleben Reisende die beschwerliche Arbeit der Fischer, die mit einem Bein rudern, um die Hände für die Netze freizuhaben. Foto: Eric Scherer  Foto: Eric Scherer

Die Zutaten sind auf dem Markt von Nan Pan erhältlich, dazu etliche Sorten Fisch und Fleisch, Kleidung, Elektronikartikel und sonstige Flohmarktware. Touristen sind in dem Gewusel zwar auch unterwegs, bestimmen aber nicht das Bild. Der Markt versorgt hauptsächlich Menschen aus den umliegenden Shan-Bergen.

Aus den Bergen, die sich bis ins „Goldene Dreieck“, dem Grenzgebiet zwischen Thailand, Laos und Myanmar, erstrecken, stammt auch Hom. Sie ist eine Pa-O. Insgesamt leben rund 135 Ethnien in Myanmar. Sie verleihen dem Land eine Vielfalt von Gesichtern und kulturelle Varianten, die sich mit ihren indischen, chinesischen und thailändischen Einflüssen nicht nur in der Küche wiederfinden, sich dort aber am unmittelbarsten erleben lassen.

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Schwimmende Dörfer und verschiedene Sprachen

Allerdings verstehen sich die verschiedenen Volksstämme nicht unbedingt. Sogar Fremdenführerin Hom muss sich gelegentlich übersetzen lassen, was ein Landsmann sagt, obwohl er aus einem Stamm in der Nachbarschaft kommt.

Der Inle-See am Fuß der Shan-Berge ist das Zuhause der Intha, Flüchtlinge aus dem Südosten, denen der Shan-Häuptling einst verbot, sein Land zu besiedeln. Also schlugen sie Pfähle ins Wasser und bauten Dörfer darauf, legten schwimmende Gärten an und lernten fischen, wie es niemand sonst auf der Welt tut: Mit einem Bein rudernd, um beide Hände frei zu haben fürs Kegelnetz. Sinnbild für die einzigartige Überlebenskunst, die sich hier entwickelt hat.

„Was? Am Inle-See essen sie Ameisen?“ Zhou-Zhou ist erstaunt. Im 400 Kilometer entfernten Yangon sind diese Gebräuche unbekannt. Zhou-Zhou zeigt ausländischen Touristen die ehemalige Hauptstadt, die früher Rangun hieß. Dazu gehört die 99 Meter hohe Shwedagon-Pagode, die deren Skyline dominiert: In ihr sollen acht Haare von Buddha Siddharta Gauthama eingemauert sein, dem Begründer der buddhistischen Religion.

Und er fährt mit seinen Gästen in die Berge des Mon-Staates, zum Goldenen Felsen, ein mehrere hundert Tonnen schwerer Basalt-Monolith, der jeden Moment aus 1100 Metern Höhe ins Tal zu stürzen droht. Sein Schwerpunkt ist jedoch so weit hinten gelagert, dass sein Halt fest gesichert ist. Der Legende zufolge wird der Goldfelsen allerdings von zwei Haaren Buddhas im Gleichgewicht gehalten. Er gilt als die bedeutendste Pilgerstätte des Landes.

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Religion ist der Mörtel, der die vielen Ethnien Myanmars nach wie vor zusammenhält. Und Myanmar ist der Landesname, den die Einwohner am liebsten hören, weil er alle einschließt. Als Burmesen oder Birmesen bezeichnen sich lediglich Angehörige des größten Volksstamms.

Seit 2011 bemüht sich das Land, eine Demokratie zu sein. Die über Jahrzehnte etablierte Macht des Militärs ist jedoch weiterhin präsent. Der Einfluss der buddhistischen Mönche auf die Politik ist nicht zu unterschätzen. Sie gingen beispielsweise 2010 für die Freiheitskämpferin Aung San Suu Kyi auf die Straße, als die Militärs die Friedensnobelpreisträgerin von den anberaumten Parlamentswahlen ausschlossen.

Darüber hinaus schaffen die Mönche dem Land ein soziales Netz. „Sie speisen die Armen. Hungern muss in Myanmar normalerweise niemand“, erklärt Eeb, die in der 1,6 Millionen-Stadt Mandalay Touristen betreut. Sie zeigt ihnen unter anderem Sagaing, das buddhistische Zentrum des Landes, in dessen Klöstern und Meditationszentren allein 6000 Mönche und Nonnen leben.

Außerdem besucht sie mit ihren Gästen die Werkstätten, in denen die Goldblättchen geklopft werden, die in den Tempeln als Opfergaben dargebracht werden. Und sie lässt sie einen Sonnenuntergang auf der U-Bein-Brücke erleben, der mit 1,2 Kilometern längsten Teakholz-Brücke der Welt.

In Bagan dagegen hat schon Zhou-Zhous Vater sein Geld mit Besuchern verdient, die er auf einem Pferdekarren durch die historische Königsstadt kutschierte. Rund 2000 Stupas, Pagoden und Tempel verteilen sich hier auf einer Fläche von etwa 50 Quadratkilometern. Errichtet über Jahrhunderte, in verschiedensten Baustilen, von Königen, aber auch von wohlhabenden Bürgern, als Grabmäler, zur Aufbewahrung von Reliquien, um Buddha zu ehren, zu danken oder um ein gutes Karma zu bitten. Bedeutendstes Bauwerk ist der elegante Ananda-Tempel aus dem Jahr 1105.

Bagan zu Fuß zu erkunden, dauert Wochen. Daher bieten alle Hotels Motorroller, E-Bikes und Fahrräder an. Besonders beliebt ist das Überfliegen mit dem Heißluftballon.

Klassischer Badeurlaub ist möglich

Seit der Öffnung 2010 setzt die Regierung auf Tourismus als neuen Wirtschaftsfaktor. Die Voraussetzungen sind im Grunde gut. Für den, der sich nicht nur mit Kultur beschäftigen will, ist auch ein klassischer Badeurlaub möglich: Am Golf von Bengalen, wo sich der Strand von Ngapali über sieben Kilometer erstreckt. Dass er touristisch noch nicht komplett erschlossen ist, ermöglicht Reisenden, die kargen Behausungen und die beschwerliche Arbeit der Fischer zu erleben, die sich nur wenige hundert Meter von den Strandabschnitten der Hotel Resorts entdecken lassen.

Aus dem bergigen Norden von Ngapali ist unlängst die muslimische Minderheit Rohingya vertrieben worden. Die Schreckensmeldungen haben sich auch auf die Touristenströme ausgewirkt, insbesondere auf die aus dem Westen. Und sie haben Druck auf die Regierung erzeugt. Immer wieder wird gefordert, dass Aung San Suu Kyi, die nunmehr die Nationale Liga für Demokratie (NLD) führt, ihren Friedensnobelpreis zurückgeben soll, da sie diese Gräuel nicht unterbindet. Übersehen wird dabei, dass das Militär den Handlungsspielraum der Politiker in Myanmar nach wie vor beschränkt, und das Interessengeflecht in dem Vielvölkerstaat für Außenstehende unübersichtlich ist.

Touristen spüren von alledem im Grunde nichts, nur im Gespräch mit den Fremdenführern wird die Problematik erkennbar: Eeb, Hom und Zhou-Zhou wollen sich in der nächsten Zukunft in Koreanisch, Japanisch oder Chinesisch weiterbilden. Dass ihnen Gäste aus Europa weiterhin ein Auskommen bescheren, erscheint ihnen zu unsicher.