Die Inselwelt im Westen Estlands

Das winzige Eiland Vilsandi wurde wegen seiner reichen Vogelwelt zum Nationalpark deklariert.Foto: Estonian Tourism  Foto: Estonian Tourism

Hiiumaa, Muhu, Saaremaa sowie die Winzlinge Abruka, Vilsandi und Vormsi: Mit der Frage, wo um alles in der Welt dieser Archipel zu finden sei, könnte Günther Jauch seine...

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. Hiiumaa, Muhu, Saaremaa sowie die Winzlinge Abruka, Vilsandi und Vormsi: Mit der Frage, wo um alles in der Welt dieser Archipel zu finden sei, könnte Günther Jauch seine Kandidaten schön ins Schwitzen bringen. Knapp zehn Prozent Estlands bestehen aus Inseln. Rund 1 500 Eilande erheben sich aus der Baltischen See. Die meisten Inseln liegen im Westteil des Landes, wo der Rigaer Golf endet und in die offene Ostsee übergeht, bevor diese weiter nordöstlich zum Finnischen Meerbusen wird.

Das winzige Eiland Vilsandi wurde wegen seiner reichen Vogelwelt zum Nationalpark deklariert.Foto: Estonian Tourism  Foto: Estonian Tourism

Wer den westestnischen Archipel erreichen will, nimmt eine der häufig verkehrenden Fähren vom Festland, etwa von Virtsu aus. Schon nach kurzer Fahrt liegt die Insel Muhu voraus. Bunte Holzhäuser wachen am Hafen von Kuivastu. Die blendend weiße Katharinenkirche aus dem 13. Jahrhundert ist nur einen Katzensprung entfernt. Im Hauptdorf Liiva wurde eine alte Feuerwache in ein Kunsthandwerkszentrum umgewandelt, wo man Frauen beim Weben zusehen kann und sich mit einheimischen Spezialitäten, wie bunten Strickwaren, getrockneten Pilzen oder Konfitüren aus Waldbeeren, eindecken kann.

Großen Komfort bietet das nahe gelegene Herrenhaus Pädaste, wo man nicht nur gediegen absteigen kann. Die Küche gilt als beste Gourmet-Adresse von ganz Estland. Fisch und Wild wechseln sich in spannendem Kontrast ab, das Dessert ist eine Deklination von Wacholder-Aromen in Eiskrem und Biskuits. Und weil das an Verwöhnung nicht genug ist, gibt es einen Bootssteg mit Heißwasser-Holzzuber und ein Spa mit Sauna, Dampfbad und Massagetherapeuten mit Zauberkräften in den Händen.

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Wer es rustikaler mag, kann im Landgasthof Vanatoa einen mit Kartoffel-Käse-Haube überbackenen Elchgulasch probieren oder eines der wunderbar duftenden, dunklen Brote frisch aus dem Ofen erstehen. Das Haus hat das ganze Jahr über geöffnet und ist vor allem bei Radtouristen sehr beliebt. „Selbst wenn ein einziger Gast eintrifft, feuern wir den Herd an, damit er eine warme Mahlzeit bekommt“, sagt Wirtin Janaa Palu. Ihr Hof liegt mitten im idyllischen Dorf Koguva, dessen ganzer Stolz das Heimatmuseum ist. Museumsdirektor Meelis Meretäär trägt seine orange leuchtende Trachtenkappe ebenso selbstverständlich, wie die Frauen die mit Blumen bestickten traditionellen Schuhe. Auch wenn das Dorf wie eine verträumte Szenerie von anno dazumal erscheint: Den Anschluss an die große weite Welt haben sich die Insulaner genau wie alle Esten gesichert. Überall im Land ist der Zugang zum Internet gratis.

Von Muhu geht es auf einem Damm bequem nach Saaremaa, der größten Insel Estlands mit einem riesigen Meteoritenkrater als Sehenswürdigkeit. Weite Teile Saaremaas sind mit Wäldern aus Föhren und Wacholder bedeckt. Besonders im Morgengrauen oder während der Dämmerung muss man hier mit Querverkehr von Elchen rechnen. Im Sommer begeistern Orchideenarten wie Frauenschuh, Knabenkraut, Waldhyazinthe oder das Schwertblättrige Waldvögelein die Botaniker. Eine Pflanze mit dem Namen Saaremaa-Klappertopf wächst weltweit nur auf diesem Eiland, an dessen Ufern sich Steilküste und weiße Sandstrände abwechseln.

Auch Saaremaa, auf deutsch früher „Ösel“ genannt, ist bei Radlern sehr beliebt. Mit einer frischen Brise von vorn muss man aber zuweilen rechnen. Kein Wunder daher, dass sich auf der Insel einst über 100 Windmühlen drehten. Die schönsten davon lassen sich im Kulturzentrum von Angla besichtigen, wo auch Workshops in alten Handwerkstechniken und Brotbacken angeboten werden. Im Süden von Saaremaa findet sich sogar ein richtiges Städtchen, das im Laufe seiner Geschichte zigmal die Herren und dreimal den Namen gewechselt hat. Es hieß mal Arensburg, dann sowjetisch Kingissepa und heute Kuressaare. „Meine Großeltern, meine Eltern und ich kamen hier zur Welt, aber in jeder Geburtsurkunde steht ein anderer der drei Ortsnamen“, erzählt Lehrerin Ene Kötts.

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Gegründet wurde Kuressaare von deutschen Kreuzfahrern, die auch die Bischofsburg als Amtssitz errichteten. Später wurde die Insel von ihren geistlichen Herren an den dänischen König verkauft, dann kam sie unter schwedische und schließlich unter russische Herrschaft. Nach einer kurzen Phase nationaler Eigenständigkeit wurde man sowjetisch und erst nach dem Fall des Eisernen Vorhangs endlich wieder ein estnisches Eiland.

Der Schönheit des Städtchens haben diese Wechselfälle wenig anhaben können. Pittoresk präsentieren sich die Gassen mit Holzhäusern, Kirchen und der imposanten Schlossburg, die bis auf das Mittelalter zurückgeht und heute als Inselmuseum dient. Hinter dem Stadtstrand mit der lebensfrohen Skulptur eines splitternackten Fischerpaares, das einen reichen Fang anlandet, liegen die Kurhotels für Thalassotherapie. Nur wenige Kilometer entfernt liegt der reetgedeckte Gutshof Jurna, ein uraltes historisches Anwesen, dass die heutige Besitzerfamilie Noor liebevoll renoviert und zu einem familienfreundlichen Ferienquartier umgewandelt hat.

Wer es noch beschaulicher mag und Natur pur sucht, kann bei Ebbe zum winzigen Eiland Vilsandi waten, das seiner reichen Vogelwelt wegen zum Nationalpark deklariert wurde. Oder sich erneut einschiffen nach Hiiumaa und sich von dort auf anderer Route zurück ans Festland schippern lassen. Überall aber duftet es nach dem köstlichen, leicht gesüßten und tiefdunklen estnische Brot.

Von Claudia Diemar