Der Jebel Hafeet ist der höchste Gipfel Abu Dhabis

In 60 Kurven auf über 1000 Meter Höhe: Die Straße zum Gipfel des Jebel Hafeet im Emirat Abu Dhabi ist zwölf Kilometer lang.Foto: Helge Sobik  Foto: Helge Sobik

Wenn Mohammed Faruk morgens aufsteht, kann er aus über 1000 Metern Höhe auf die Wüste herabschauen. Es ist dann noch kühl, und manchmal hängt Nebel zwischen den Felszinnen....

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. Wenn Mohammed Faruk morgens aufsteht, kann er aus über 1000 Metern Höhe auf die Wüste herabschauen. Es ist dann noch kühl, und manchmal hängt Nebel zwischen den Felszinnen. Anderthalb Straßenkurven sind es von hier bis zum tiefer gelegenen Palast der Herrscherfamilie. Das Tor ist fast immer geschlossen, keine Lampe leuchtet hinter den dunklen Fenstern. Die Al-Nahyans nutzen das sandbraune Gebäude am Steilhang nur als Wochenendhaus. Mohammed Faruk aus Pakistan aber arbeitet hier oben. Er verkauft im Rasthaus auf dem Plateau des Jebel Hafeet Chips und Cola, Orangensaft, Milchshakes und kleine Snacks. Jeden Tag. Und schon am Vormittag werden auf den elektrischen Wackeltieren vor seiner Kiosk-Tür wieder Kinder reiten. Sie werden sich mit einem Arm an den Hals der Kunststoffgiraffe oder des Elefanten klammern und mit dem anderen in Papas Handy-Kamera winken. Ein paar Schritte weiter werden Hochzeitspaare fürs Foto posieren, und gleich daneben werden ganze Familien picknicken.

In 60 Kurven auf über 1000 Meter Höhe: Die Straße zum Gipfel des Jebel Hafeet im Emirat Abu Dhabi ist zwölf Kilometer lang.Foto: Helge Sobik  Foto: Helge Sobik
Wegen der Wasserpfeifen von Rashid Hamayoon machen sich Gäste auf den weiten Weg aus Abu Dhabi-Stadt auf den Gipfel.Foto: Helge Sobik  Foto: Helge Sobik
Wegen der Wasserpfeifen von Rashid Hamayoon machen sich Gäste auf den weiten Weg aus Abu Dhabi-Stadt auf den Gipfel.  Foto:

Beliebtes Ausflugsziel im Hinterland

Das Plateau dieses höchsten Berges im Emirat Abu Dhabi, gut zweieinhalb Autostunden von der Hauptstadt entfernt und tief im Hinterland an der Grenze zum Oman gelegen, ist ein beliebtes Ausflugsziel bei den Einheimischen. Vor allem an den Wochenenden ist hier viel los – und im Sommer mehr noch als im Winter. Sie kommen, weil der Blick bei klarem Wetter grandios ist und über die Schachbrettstraßen der Oasenstadt Al Ain unten im Tal hinweg ins endlose Hellbraun der Wüste reicht. Sie kommen, weil es hier oben sechs bis acht Grad kühler ist als in der Ebene und manchmal ein leichter Wind weht. Wegen der Cola aus dem Regal und den Kartoffelchips von Mohammed Faruk kommen sie nicht. Trotzdem decken sie sich bei ihm mit Nachschub ein. Nicht, weil der Heimweg so weit wäre, aber weil es dauert bis nach Hause. Denn viele halten immer wieder und testen den Ausblick von jedem einzelnen der neun großen Parkplätze entlang der Strecke hinunter ins Tal.

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Manche kommen sogar allein wegen dieser Straße – weil ihnen andere davon erzählt oder weil sie davon gelesen haben, dass ein amerikanischer Automobilklub sie unter die zehn spektakulärsten Gebirgsstraßen der Welt gewählt hat. Zwölf Kilometer lang ist sie, lückenlos gesäumt von weiß getünchten Betonblöcken als Schutz vor dem Sturz über die Abbruchkante des Abhangs. Dreispurig ist sie, zwei hinauf, eine hinab. 60 Kurven sind es bis nach oben, und nachts ist sie beleuchtet, als hätte ein Riese dem Jebel Hafeet ganz dekorativ eine Girlande übergeworfen. Im Winterhalbjahr finden hier immer wieder Rad- und Autorennen statt.

So oder so ist diese Straße eine Herausforderung, obwohl sie perfekt in Schuss ist und es kein einziges Schlagloch gibt. Immer wieder geraten bergauf Motoren ins Qualmen, die einfach nicht mehr weiter wollen. Und ab und zu sind die Autofahrer bergab den Beton-Balustraden dankbar, weil sie dann doch die Kurven oder die eigene Geschwindigkeit unterschätzt haben. Passenderweise sind die Lichtmasten der Rastplätze mit den Aufklebern und Notruf-Telefonnummern von sieben verschiedenen Abschleppunternehmen zugekleistert. Mohammed Faruk aber bekommt von etwaigen Problemen weiter unten auf der Piste nichts mit. Er hat zu tun, reicht Cola und Chips, Nüsse und Kaugummi über den Tresen. Den ganzen Tag lang, bis weit in den Abend hinein.

Alte Siedlungsspuren und Wasserpfeifen mit Ausblick

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Dass zu Füßen dieses großen Monolithen, der zwar noch zu den Ausläufern des rostroten Hajjar-Gebirges gehört und sich doch urplötzlich als Solitär aus dem Wüstensand erhebt, bereits vor 5000 Jahren Menschen gesiedelt haben, wissen die wenigsten. Die archäologischen Stätten, die restaurierten Kuppelgräber dieser frühen Kultur sind nicht ausgeschildert. Wer sie sehen möchte, muss ein paar Kilometer abseits der Straße durch den Sand fahren, ein paar umzäunte Gehege mit Kamelen umfahren und sich zwischendurch mit freilaufenden Exemplaren um die Vorfahrt streiten. Und dann sind sie da: diese seltsam kreisrunden Gemäuer, aufgetürmt aus den roten und den bräunlichen Felsbrocken der Umgebung. Tonscherben von Krügen aus Mesopotamien hat man hier gefunden, alte Handelsbeziehungen nachweisen können – Jahrtausende, bevor jemand auf die Idee kam, eine Straße zum Gipfel in das Massiv zu sprengen. Von diesen Gräbern an der Ostseite des Jebel Hafeet aus ist sie sogar unsichtbar. Als gäbe es sie gar nicht.

Warum die Straße 1980 gebaut und der Wochenendpalast der Herrscherfamilie dort oben im Nichts errichtet wurde? Weil die Grenze zum Oman in Sichtweite ist. Und weil es in einer Gegend aus Sand und Fels nie schaden kann, so etwas wie einen Pflock einzuschlagen und allen zu zeigen: Hier fängt an, was uns gehört. Schaut her, hier gibt es sogar einen Palast unseres Herrschers! So etwas schrumpft etwaige Ambitionen eines anderen, das eigene Territorium womöglich über Nacht ein klein wenig vergrößern zu wollen. Zugleich wäre es heute nicht mehr nötig, die nachbarschaftlichen Beziehungen sind sehr gut.

Längst ist auch ein Hotel etwas unterhalb jenes Palastes entstanden – für all jene, die über Nacht bleiben wollen. Für die, die durchatmen wollen, während die Luft unten in der Ebene noch klebrig ist von der Hitze des Tages. Hier arbeitet Rashid Hamayoon auf einem hüfthoch ummauerten Felsvorsprung. Er präpariert Wasserpfeifen für die Gäste der Al Khyama-Bar. An den Wochenenden drapiert er im Akkord glühende Kohlestücke auf Alufolie, legt Tabak in den Geschmacksrichtungen Weintraube-Minze, Apfel oder Erdbeere bereit, raucht diese Shishas mit einem eigenen Mundstück an, ehe alles so richtig gängig ist und sie den Gästen gleich um die Ecke serviert werden können. Werktags hat er Zeit für einen Plausch, da sind manchmal nur sechs, sieben Pfeifen in Betrieb – jede für 50 Dirham, umgerechnet etwa zwölf Euro. Aber von Donnerstag- bis Samstagabend, da rotiert er, da sind alle 120, die er hat, vergeben. Denn Rashid und sein Kollege Adil sind berühmt für ihre Wasserpfeifen. Gäste kommen dafür abends aus Abu Dhabi-Stadt, sogar Mitglieder der Herrscherfamilie. Was an seinen denn so besonders ist? Er lächelt bescheiden und sagt schließlich: „Der Blick. Es ist diese Aussicht, die es dazu gibt. Auf die Lichter von Al Ain in der einen und die absolute Dunkelheit der Wüste 1000 Meter unter uns in der anderen Richtung.“ Und auf die Laternen dieser Straßen-Girlande hier herauf, auch auf die.

Von Helge Sobik