Auf der Dingle-Halbinsel im Südwesten Irlands leben lauter...

Schönheit im Atlantik: Rund 50 Minuten vom Festland entfernt liegen die Blasket-Inseln. Die letzten Einwohner wurden in den 50er-Jahren aufs Festland umgesiedelt.Foto: Volker Stavenow  Foto: Volker Stavenow

Die Schotten meinen – natürlich nicht ganz ernst gemeint – dass irischer Whiskey nur zur Möbelpolitur taugt. John McDougall, ein ausgemachter irischer Fachmann für die...

Anzeige

. Die Schotten meinen – natürlich nicht ganz ernst gemeint – dass irischer Whiskey nur zur Möbelpolitur taugt. John McDougall, ein ausgemachter irischer Fachmann für die Herstellung des „Lebenswassers“, kann über derlei Frotzeleien seiner Kollegen im schottischen Hochland nur lachen: „Irland ist die Wiege des Whiskeys und wir hier in Dingle werden das auch beweisen!“

Schönheit im Atlantik: Rund 50 Minuten vom Festland entfernt liegen die Blasket-Inseln. Die letzten Einwohner wurden in den 50er-Jahren aufs Festland umgesiedelt.Foto: Volker Stavenow  Foto: Volker Stavenow
Eine große Auswahl an Whiskey-Sorten gibt es im Pub „Dick Mack‘s“. Außerdem werden in einem Teil des Pubs Ledergürtel produziert.Foto: Volker Stavenow  Foto: Volker Stavenow

Die kleine irische Hafenstadt Dingle gibt der gleichnamigen Halbinsel in der Grafschaft Kerry den Namen. Mit Fug und Recht stellen die Iren fest, dass dieses Gebiet, in dem neben Englisch noch die gälische Sprache gesprochen wird, das wohl am meisten unterschätzte Urlaubsgebiet in ganz Irland ist.

Der Charme Dingles und der Halbinsel wird nicht nur durch die atemberaubend schöne Landschaft, die alte Kultur, die reine Luft, die außergewöhnliche Tierwelt oder die alten Pubs am Hafen geprägt, sondern vor allem von den Menschen, die hier leben und arbeiten. John, der Whiskeybrenner, ist einer davon. Ob sein Whiskey aus der 2012 gegründeten kleinen Dingle-Destillerie wirklich geschmacklich ein Renner ist, kann der schlitzohrige Ire noch gar nicht beweisen: „Erst Ende dieses Jahres sind die ersten Fässer ausgereift. Dann wird es sich zeigen, ob wir alles richtig gemacht haben.“

Anzeige

Trotzdem ist ein Besuch mit einer Führung durch das kleine Whiskey-Reich ein Erlebnis, denn John macht es dazu. Geduldig erklärt er die Produktion, die technischen Abläufe, baut den einen oder anderen Witz ein – auch über deutsche Schnäpse – und schenkt der Besucherrunde am Ende tüchtig einen ein: Dingle-Gin und Dingle-Wodka. Beides wird in der Destille bereits produziert. „So halten wir uns finanziell über Wasser bis unser Whiskey-Verkauf startet.“ Ob sich der heimelige Betrieb in Konkurrenz zu den großen irischen Destillen halten kann? John ist sich sicher: „Natürlich ist Dingle klein. Wir produzieren zwei Fässer pro Tag. Wir wollen keine Massenproduktion. Das ist nicht das, worum es uns geht. Wir wollen hohe Qualität und ein Getränk, das unserer Lebensart rund um Dingle entspricht.“ Sagt es voller missionierender Überzeugung, lacht und schenkt Dingle-Gin nach. John hat noch jeden Besucher überzeugt – als geradliniger Ire, das Ziel immer fest im Visier. Ein echtes Dingle-Original.

Ein weiteres irisches Original, nämlich Guinness, finden Besucher zwar in diversen guten Pubs am Hafen, die Nummer eins unter den Kneipen in Dingle Town liegt aber in einer Seitenstraße des hinteren Ortskerns: „Dick Mack’s“. Wer es nicht kennt, der läuft glatt am Pub vorbei, denn von außen sieht es eher aus wie ein kleiner Laden. Und das ist es auch, wenigstens teilweise. „Wir sind halb Pub, halb Fachgeschäft für Ledergürtel“, erklärt Oliver MacDonnell dem staunenden Gast. Und tatsächlich hängen auf der einen Seite des Raumes alle notwendigen Utensilien für die Lederverarbeitung. Hier riecht es nach solidem Handwerk und tagsüber kann man bei der Gürtelproduktion „Handmade in Ireland“ zuschauen. Ein Dreh nach rechts und der Pub-Gast steht vor einer Wand aus Flaschen – Whiskey-Flaschen, natürlich aus Irland, aber auch aus Schottland und den USA. Mitten drin, quasi als deutscher „Quotenlikör“, hängen kleine Fläschchen eines bekannten Magenbitters „Made in Germany“. Übrigens genießt dieser in „Dick Mack“ reißenden Absatz.

Das Pub wurde 1899 zunächst als kleines Warenhaus von der MacDonnell-Familie gegründet. Seinerzeit wurden dort auch Schuhe besohlt. „Schon damals wurde bei uns Guinness für die Pubs in Dingle angeliefert und von uns aus verteilt.“ Da war der Schritt zum eigenen Ausschank nicht weit. Vor wenigen Jahren kam Neffe Finn auf die Idee, „Dick Mack’s“ mit einem breiten Whiskey-Angebot aufzupeppen. Gesagt, getan: Im Pub stehen mehr Whiskey-Flaschen in den Regalen als Gäste da sind. Ein Schlaraffenland für jeden Whiskey-Liebhaber. Aber nicht nur für die: Abends und an Wochenenden genießen Hunderte Gäste vor und im Pub die einzigartige Atmosphäre. Wie man das Pub findet? Ganz einfach: „Dick Mack’s ist gegenüber der Kirche oder anders: Die Kirche ist gegenüber Dick Mack’s.“ Irischer Humor at it’s best.

Anzeige

Irisches Original Nummer drei ist Skipper Mick Sheeran. Der gestandene Mann bringt Touristen aus der irischen Idylle in die Einsamkeit – zu den der Halbinsel vorgelagerten heute menschenleeren Blasket-Inseln. 50 Minuten dauert eine Fahrt von Dingle zur Hauptinsel – inklusive Bekanntschaft mit dem Delfin „Fungi“, der seit Jahrzehnten zahm in der Dingle-Bucht lebt. Seit der Delfin vor Jahrzehnten nach Dingle kam, entzückt er die Besucher mit seiner freundlichen Nähe.

„Great Blasket mit seinem malerischen Hafen, den grünen Hügeln, den steilen Klippen und alten Ruinen ist ein wahres Paradies für Wanderer, Schwimmer, Künstler, Fotografen, Vogel- und Walbeobachter“, schwärmt Mick. Hafen ist gut – die Schiffe für etwa 50 Menschen ankern unweit der Anlegestelle, weil sie die Mole hinter den Felsen nicht anlaufen könne. Mit einem motorisierten Schlauchboot werden die Passagiere auf dem einsamen Eiland für drei Stunden „ausgesetzt“.

Bereits in den 50er-Jahren verließen die letzten Einwohner das Naturparadies. Geblieben sind die Ruinen ihrer Häuser, ein paar Unterkünfte für Naturforscher und neuerdings auch ein kleines Café in den Sommermonaten. Wo heute Hasen, Schafe, Esel, Papageientaucher, Möwen, Seehunde, Delfine und ab und zu sogar Orcawale auf und rund um die Insel zu Hause sind, fristeten früher Menschen ein hartes Leben. „Die hatten keinen Blick für die Schönheiten ihrer Insel, sondern kämpften tagtäglich ums Überleben“, sagt Mick Sheeran. Nachdem es 1953 keine jungen heiratsfähigen Iren mehr auf den Blaskets gab, wurden die letzten 22 tapferen Inselbewohner aufs Festland umgesiedelt. Einen Einblick in ihr Leben können Besucher des Blaskets-Informations-Zentrums gegenüber der Insel auf dem Festland erhalten. Das Zentrum ist über den „Slea-head-Drive“, eine der schönsten Küstenstraßen der grünen Insel, gut zu erreichen.

Nach Wanderung und Picknick geht es von den Hügeln wieder hinunter zum fast unberührten Strand. Dort baden doch tatsächlich einige junge Frauen im Mai im kalten Wasser. Aber nicht nur sie: Neugierig lugen in ihrer Nähe viele schwarze Köpfe aus dem Meer: Die Blaskets-Seehunde haben sich schon lange an das merkwürdige Treiben der Menschen gewöhnt. Es ist ein Ort der Stille – Meer, Wind, Möwen sowie ab und zu aus der Ferne das Blöken eines Schafs.

Ein Stück vom Paradies? „Nein, ein Paradies ist es wohl nicht, aber es ist nicht weit davon entfernt“, meint Mick, dessen Augen leuchten, als er die Gruppe wieder zurück zum Festland bringt. „Die Blaskets sind ein Naturwunder. Still, aufrecht, schroff und lieblich zugleich – eigentlich wie ganz Irland.“