Selbst Hersteller trauen dem EU-Testzyklus nicht mehr

aus Im Auto Mobil

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Die Sonde eines Gerätes zur Abgasuntersuchung für Dieselmotoren steckt im Auspuffrohr eines VW Golf 2.0 TDI. Foto: dpa

Es ist schon ein Drama mit den Verbrauchswerten, die Autohersteller in den Datenblättern und Preislisten ihrer Fahrzeuge angeben (müssen). Jeder, der sich schon einmal mit...

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. Das Problem ist natürlich nicht neu. Wie ein Ritual weisen Umweltverbände immer wieder darauf hin, dass die Autohersteller bei den NEFZ-Tests schummeln. Das wiederum ist eine Frage der Sichtweise. Bislang sah es eher so aus, als würden die Produzenten von Karossen jeder Art nur die Schlupflöcher ausnutzen – siehe aufgepumpte Reifen –, die sich dank der Prüfbedingungen auftun. Betrug ist das nicht, eher eine Art von – leider nachvollziehbarem – Rudelverhalten. Man stelle sich vor, Autohersteller A macht bei dem NEFZ-„Spiel“ in der jetzigen Form nicht mehr mit. Er verzichtet auf Leichtlauföl und hyperaufgepumpte Reifen. Natürlich gehen die Testverbräuche dann nach oben – und der Kunde entscheidet sich womöglich für ein Produkt von Hersteller B, der die Schwachstellen in den Testbedingungen weiter ausnutzt. Ist es vorstellbar, das Unternehmen A von seinen Aktionären (oder Anteilseignern) dafür Applaus bekommt, dass er zwar weniger Autos verkauft, dafür aber bei den Verbrauchsangaben ehrlicher ist? Wohl eher nicht.

Wie wäre es mit der Einheit Qwuzz?

Jahrelang sah es so aus, als könnte man die NEFZ-Verbrauchswerte vor allem zu einem benutzen: um verschiedene Autos in Sachen Spritdurst miteinander zu vergleichen. Es musste einem klar sein, dass es hier allerdings eher um abstrakte als um reale Zahlen geht. Vielleicht hätte man, um das klarzumachen, statt der Einheit „l/100 km“ lieber eine Fantasiebezeichnung, beispielsweise „Qwuzz“, nehmen sollen. So wäre niemand Gefahr gelaufen, die genannten Zahlen für bare Münze zu nehmen und sich dann zu wundern, dass das gekaufte Auto (viel) mehr schluckt als angegeben – im Durchschnitt inzwischen 38 Prozent mehr (Quelle: VCD). Erstaunlich in diesem Zusammenhang ist, wie selten bislang Fahrzeughersteller verdonnert wurden, ihre Produkte zurückzunehmen, weil ein wesentlicher Teil der Verkaufsangaben nicht eingehalten wird.

Burgfrieden scheint aufgekündigt

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Es herrschte, wie gesagt, eine Art Burgfrieden – bis zur IAA und dem Aufkommen des VW-Abgasskandals. Als die Manipulationen der NOx-Ausstöße bei Dieselmotoren bekannt wurden, war es nur ein kleiner Schritt bis zu der Frage, ob eine ähnliche Schummelsoftware nicht auch die CO2-Emissionen (und damit den Verbrauch) auf dem Prüfstand senken könnte, im Straßenverkehr aber ganz andere Verbräuche üblich sind.

Bislang ist „nur“ der VW-Konzern von dem Abgasskandal betroffen. Die Konkurrenz erweist sich dennoch als „not amused“ – und geht teilweise ungewöhnliche Schritte, um einem Vertrauensverlust der Kundschaft (teilweise präventiv) entgegenzuwirken. Erstaunlich ist eine Initiative des PSA-Konzerns (Peugeot, Citroën, DS Automobiles). Der kündigt an, den NEFZ-Werten, die im Labor ermittelt werden, einen zweiten Datensatz zur Seite zu stellen. Die Verbrauchswerte, die dort genannt werden, soll ein unabhängiges Institut ermitteln – und zwar bei Fahrten unter Realbedingungen.

Ohrenbetäubend lautes Eingeständnis

Der Schritt ist insofern mutig, als er das bislang stillschweigende Eingeständnis, dass dem NEFZ-Testzyklus nicht zu trauen ist, in ein, um im Bild zu bleiben, ohrenbetäubend lautes verwandelt. Wie sieht es denn aus, wenn der PSA-Konzern bei seinen Modellen die Zahlen aus dem EU-Testzyklus veröffentlicht, direkt daneben aber andere, mutmaßlich deutlich höhere, aus realem Fahrbetrieb? „Glaubt die NEFZ-Daten nicht, wir müssen sie halt veröffentlichen“, könnte man darunterschreiben. Eine heftigere Klatsche für das EU-Prüfverfahren ist nur schwer vorstellbar. Besser wird die ganze Angelegenheit mit den Testverbräuchen erst, wenn der antiquierte NEFZ-Testzyklus durch das deutlich realistischere Verfahren WLTP abgelöst wird. Im Rahmen des Abgasskandals wurden Stimmen laut, die einen Wechsel von NEFZ zu WLTP so schnell wie möglich zu vollziehen. Eigentlich war der ohnehin EU-weit für 2017 geplant, ein Veto der deutschen Regierung setzt die Ablösung des alten Verfahrens aber zunächst aus.

Hersteller haben jetzt schon Schwierigkeiten

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Warum die Bundesregierung WLTP ausbremst? Dazu ein, zwei Fakten: Experten gehen davon aus, dass durch WLTP die gemessenen Verbräuche und die CO2-Emissionen um bis zu ein Viertel steigen könnten. Gleichzeitig haben die Autohersteller jetzt schon Schwierigkeiten, die von der EU geforderten Senkungen bei den Flottenemissionen auf 95 g CO2/km bis 2020/2021 zu erreichen. Jeder mag an dieser Stelle 1 und 1 selbst zusammenzählen…

Das Thema ist jedenfalls noch längst nicht auserzählt. Fortsetzung folgt.