Mein erstes Mal...bei Rolls Royce in Goodwood

aus Im Auto Mobil

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Im regnerischen London extrem hilfreich: Der Schirm, der in der Laibung der Rolls-Royce-Tür verstaut ist. Foto: Axel Keldenich

Einladungen für Werksbesichtigungen sind bei uns Motorjournalisten zwar nicht unbedingt täglich im E-Mail-Eingang, aber auch nicht so selten, dass wir in der Nacht vor solchen...

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. Von Axel Keldenich

Tja, so muss das sein: Nach der Ankunft in London-Heathrow warten am Gate zwei hübsche Hostessen auf mich. Die eine begrüßt mich aufs Herzlichste, die andere bittet mich charmant, ihr zu folgen. Draußen wartet der nachtblaue Rolls Royce und Nathaniel, mein Chauffeur im dunklen Anzug, reißt den Wagenschlag auf, nimmt mir mein Gepäck ab und verstaut es im Kofferraum, während ich einsteige. Nach ein paar Sätzen freundlichen Smalltalks lässt er mich mit meinen Gedanken und dem Blick auf die Landschaft allein, bis ich ein wenig eindöse. Dann schlage ich die Augen auf und - habe nicht geträumt, sondern sitze tatsächlich im Fond des Rolls schräg hinter Nathaniel. Bürgerlich sagt man wohl links hinten, denn mein Driver sitzt ja vorn rechts, dort wo in hochherrschaftlichen englischen Autos sein Arbeitsplatz ist.

Longdrinkgläser und Sektkelche

"One hour and twentyfive minutes to Goodwood", sagt nicht etwa Nathaniel, sondern mein Navigationsgerät, das ich aus der Rücklehne des Vordersitzes klappe. Kaum hat mein Fahrer gemerkt, dass ich mein Mittagsschläfchen beendet habe, weist er mich auf die drei Klappen in der Mittelkonsole zwischen den Rücksitzen hin. In der ersten finde ich eine Minibar, in der zweiten die Longdrinkgläser und in der dritten die Sektkelche. Na dann: "Cheerio!" Oder muss es hier heißen "To your health"? Egal, vor Goodwood will ich eh nichts trinken.

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Business as usual? Von wegen!

Vor lauter Schwärmen für meine neue privilegierte Stellung habe ich fast vergessen, weshalb ich hier bin. Rolls Royce stellt den neuen Ghost Series II vor und hat vor der ersten Ausfahrt zu einer Besichtigung des Werkes eingeladen. Und das liegt eben in Goodwood. Also, denke ich, kommt nun doch business as usual: Du wirst jetzt die Kollegen treffen und es geht in Gruppe durch ein Automobilwerk, ein Tagesordnungspunkt, den unsereiner schon mindestens ein Dutzend Mal erlebt hat. Aber Sir, wo denken Sie hin! Wir sind doch hier nicht in Wolfsburg oder Rüsselsheim. Nein, die Briten pflegen da einen ganz anderen Stil. Vor dem Eingang des Verwaltungsgebäudes übergibt Nathaniel mich an Janet, meine persönliche Führerin durch die heiligen Hallen. Die stellt mich vorher noch Richard Carter, dem Kommunikationschef des Hauses, vor. Dann legen wir beide einen mausgrauen Kittel an, der uns als Besucher kenntlich macht.

Theorektiker in Dunkelblau, Praktiker in Schwarz

Der erste Platz, den sie mir zeigt, ist die Kantine. Hier speisen Manager, Facharbeiter, Ingenieure und Lehrlinge gemeinsam. Auch sie sind allerdings leicht zu unterscheiden. Die Theoretiker tragen Anzug oder Kleid in dunkelblau, die Praktiker ein schwarzes Shirt mit Namenszug und die Auszubildenden bleiben in ihren weinroten Hemden namenlos. Überall angeregte Unterhaltung, ein so gerade noch angenehmer Geräuschpegel also. Und nun Schwingtür auf, es geht in die Produktion und - fast paradiesische Ruhe. Keine laufenden Bänder, kein Fauchen und Quietschen von hyperaktiven Schweißrobotern. Statt dessen Autos, an denen jeder - wirklich jeder Handgriff tatsächlich von Hand gemacht wird. Janet verrät den Grund: Jeder Rolls Royce ist ein Unikat. Es gibt keine zwei gleichen. Und zwar deshalb, weil RR nicht produziert und dann verkauft, sondern alle Wagen auf Bestellung gebaut werden. Das heißt, der Rolls-Royce-Kunde stellt seine Order individuell zusammen. Und dabei ist alles möglich. Rolls Royce erfüllt alle Kundenwünsche. Bestes Beispiel ist die Lackfarbe. Während unsereiner sich solch ein Gefährt nur in gedeckten Farbtönen vorstellen kann, liebt Mr. Lux, ein Kunde aus Florida, es, den Briten so schwierige Aufgaben zu stellen wie die Folgende. Sein Phantom sollte innen wie außen quietschgelb sein. Beim Lack kein Problem, aber die Lederfarbe exakt gleich hinzukriegen, war selbst für die Zauberer von Goodwood eine Herausforderung. Die sie aber selbstredend lösten. Schließlich waren sie ja auch gewappnet, denn der Herr aus Miami bestellt etwa im Jahresrhythmus ein neues Auto, jedes noch ein Stück exotischer als das Vorige.

Kühlerfigur weiß sich zu wehren

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Ein anderer Kunde wollte das Auto für seine Frau in genau dem Rosa von deren liebstem Lippenstift. Wenn’s sonst nichts ist! All diese speziell gemischten Farben, werden dann übrigens für keinen anderen Kunden mehr verwendet. Wenn meine Frau also den gleichen Lippenstift bevorzugte, hätte ich keine Chance gehabt. Okay, da komm ich jetzt drüber. Was ich aber wie übrigens jeder Rolls-Royce-Käufer bekäme, wären zwei nette Accessoires. Die berühmte Kühlerfigur "Spirit of Ecstasy" - vulgo auch "Emily" - lässt sich gegen Diebe schützen, indem man sie elektrisch in die Kühlerhaube versenkt, wohin sie auch selbsttätig verschwindet, wenn jemand an ihr zieht und zerrt. Und während die Dame verschwindet, taucht jemand anderes bei Bedarf sozusagen aus dem Nichts auf. Ein Knopfdruck auf die Laibung der geöffneten Tür und wie von Geisterhand erscheint ein Regenschirm mit RR-Logo.

Immer auf der Suche nach edlen Holzsorten

Mit maximaler Sorgfalt kümmern sich die Fachleute auch um alle im Interieur verwendeten Holzsorten oder Muster. Da taucht in Intarsien natürlich schon einmal ein Familienwappen auf oder Schriftzüge in allen bekannten Schriften dieser Welt, ein Ebenbild des Lieblingsfalken eines Scheichs oder Phantasiewerke. Was die edlen Holzsorten angeht, dafür hat Rolls Royce einen Mitarbeiter, der ständig in aller Welt unterwegs ist, um neue Arten zu finden, die immer mehr Exklusivität garantieren. Ein Kollege kümmert sich derweil um die Leder-Auswahl. Kuhfelle sieht er sich dabei gar nicht erst an, weil deren Beschaffenheit leidet, wenn die Muttertiere trächtig werden. Also bitte nur Bullen. Und davon jeweils 45 möglichst ähnliche. Denn so viele Felle braucht es, um die Lederausstattung eines Ghost Series II herzustellen. Und wehe, das Tier ist einmal von einer Mücke gestochen worden. Auch die winzigste Einstichstelle erkennt der Einkäufer sofort. Also könnte auch der Kunde Anstoß nehmen. Also weg damit.

Der Name Supermarket führt in die Irre

Diese absolute Exklusivität jeden einzelnen Rolls Royce erklärt auch ein großes Areal innerhalb der Produktionsfläche im Werk, auf dem hunderte Regale mit tausenden Teilen, Schrauben, Scharnieren Knöpfen und Kurbeln stehen. Der Bereich heißt ganz offiziell "Supermarket". Dort füllen die Mitarbeiter ihre Körbe mit allem, was auf dem Einkaufszettel für das gerade im Bau befindliche Fahrzeug steht. Hat dieses dann eine Bearbeitungsstation hinter sich, wird es auf einem Rollenuntersatz von Hand einen Platz weiter gezogen. Erst gegen Ende des Prozesses, wenn die Luxuskarossen schon fast ihr Endgewicht von etwa zweieinhalb Tonnen erreicht haben, wird die Zugeinrichtung durch ein Elektromotörchen unterstützt.

Fertige Fahrzeuge für -zig Millionen

Die beiden Produktionsstraßen von Phantom und Ghost laufen im rechten Winkel aufeinander zu und treffen sich kurz vor den Endkontrollen. Überflüssig zu sagen, dass auch diese Dimensionen einnimmt, die sonst einen ganzen Produktionsprozess für ein Auto ausmachen würden. Nur ein Beispiel: Die Dichtigkeit wird in einer Halle geprüft, in der der Rolls Royce einem Acht-Stunden-Monsun ausgesetzt wird -und das nicht einmal, sondern dreifach. Da verwundert es nicht, dass der durchschnittliche Zeitaufwand pro Auto bei Rolls Royce 450 Arbeitsstunden beträgt. Und auch nicht, dass Janet zwar von einem Minimalpreis von etwa 250.000 britischen Pfund spricht und nicht etwa davon, dass es auch schon Exemplare gab, die mehrere Millionen kosteten. Vielleicht, weil diese Angabe von einem ihrer Kollegen in so etwas profanem wie US-Dollar gemacht wurde. Beim letzten Blick von erhöhter Position auf etwa 20 fertige Phantoms und Ghosts, die in der Halle auf die finale Überprüfung warteten, verriet sich die Führerin dann doch, denn sie schätzte deren Wert spontan auf etwa zwölf Millionen Pfund.

Geänderter Blick auf die Innenausstattung

Was so zwei Stunden ausmachen können: Als ich zur Rückfahrt nach London Town wieder hinter Nathaniel Platz genommen habe, betrachte ich die vorher schon eindrucksvolle Innenausstattung unserer Limousine noch einmal mit ganz anderen Augen. Dass darin jetzt auch neidische Pfundzeichen zu sehen waren, streite ich aber ab.

(Axel Keldenich, der Autor dieses Blogeintrags, arbeitet als freier Journalist für Tageszeitungen und Magazine)