Mein erstes Mal... unterwegs mit einem Rolls-Royce

aus Im Auto Mobil

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Die Anzeige für die noch zur Verfügung stehenden Leistungsreserven ersetzt bei Rolls-Royce den Drehzahlmesser. Foto: Chowanetz

Irgendwann ist immer das erste Mal - für mich war jetzt nach zehn Jahren als Motorjournalist der große Augenblick gekommen und ich durfte erstmals am Steuer eines Rolls-Royce...

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. Nur keine Blöße geben! Niemand meiner Kollegen und schon gar nicht der zu einer Probefahrt einladende Veranstalter Rolls-Royce soll mitbekommen, dass ich in Bezug auf die altehrwürdige Automobilmarke ein absoluter Neuling bin. Gelassen werfe ich beim Rundgang um das Fahrzeug meiner Ansicht nach geistreiche Zwischenfragen ein, die beweisen sollen, dass ich der Marke Rolls-Royce auf Du und Du stehe, immer schon. Doch dann nenne ich die berühmte Kühlerfigur "Spirit of Ecstasy" einfach "Emily" - und BMW-Welt-Gastbetreuer Matthias Neuer schaut für einen Moment so, als hätte er in eine Zitrone gebissen. Aber wir befinden uns in der Rolls-Royce-Lounge sozusagen auf englischem Hoheitsgebiet - und so fällt die Korrektur britisch-dezent aus. "Wir können uns bis heute nicht erklären, woher der Name "Emily" für die "Spirit of Ecstasy" kommt", sagt Neuer. Botschaft angekommen. Wenn er schon dabei ist, räumt Neuer gleich mit einem weiteren Missverständnis auf: Die Figur habe gar keine Flügel, sondern es handele sich bei ihr um eine nachmodellierte Frau, die ein Tuch trägt, das wiederum frei im (Fahrt-)Wind weht.

"Mein" teuerstes Auto

Wie wahrscheinlich jeder Autofan führe ich im Kopf Bestenlisten, merke mir das schnellste Auto, mit dem ich je gefahren bin, das höchstmotorisierte, das längste, breiteste, neueste, älteste. In der Kategorie "teuerstes Auto" wurde der langzeitige Spitzenreiter Audi R8 (in der Testkonfiguration fast 200.000 Euro - am liebsten hätte ich damals mit einer Waffe im Fahrzeug übernachtet, um die Leihgabe zu schützen) jetzt vom Rolls-Royce Phantom abgelöst. Der kostet schon in der, man mag es bei dem auf Individualität bedachten Hersteller gar nicht so nennen, Serienausführung mehr als 400.000 Euro. Das Testfahrzeug mit seinen Extras kratzt wohl schon fast an der 500.000-Euro-Marke. Verständlich, dass im Vorfeld der eintägigen Testfahrt ein umfangreiches Formular auszufüllen ist, in dem ich, kurz zusammengefasst, hoch und heilig verspreche, den Phantom wie meinen Aufapfel zu hüten.

Driving Range im Fond?

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Erst einmal hat aber der Kollege, mit dem ich mir an diesem Tag den Phantom teile, den Stress. Er navigiert das so um die sechs Meter lange Gefährt vom Parkplatz der BMW-Welt und durch die Münchener Innenstadt, während ich hinten Platz nehme. Während meine Füße auf echtem Schaffell ruhen und ich den aus -zig LEDs bestehenden künstlichen Sternenhimmel im Fahrzeugdach über mir bewundere, bedauere ich ein wenig, dass Rolls-Royce bei der Konfiguration des Testwagens dann doch ein wenig geknausert hat. Ohne Probleme machbar (ohne häufig geordert) ist der Kühlschrank im Kofferraum, das Champagnerfach in der hinteren Mittellehne (ausreichend für zwei 0,75-Liter-Flaschen) und die Bar mit Kristallgläsern in den hinteren Türen. Finde ich alles nicht. Angesichts der Länge des Fußraums, der es mir unmöglich macht, angeschnallt an die Luftauslassdüsen zwischen den vorderen Sitzen zu gelangen, komme ich ins Grübeln, ob sich hier nicht auch eine kleine Bowlingbahn oder eine Driving Range einbauen ließe.

Ver fragt schon nach Verbräuchen?

Mein Kollege vorne, mit dem ich mich wegen der Entfernung nur schreiend unterhalten kann (Scherz!), macht inzwischen eine erste Bestandsaufnahme. Die Fahrt mit dem Phantom verläuft stressfreier als gedacht. Die Verkehrsteilnehmer rundherum machen, so scheint es, respektvoll Platz oder halten Abstand. Vielleicht liegt das aber auch am britischen Nummernschild. Weniger erbaulich ist der Verbrauch. Als wir in der Rolls-Royce-Lounge Matthias Neuer nach dem entsprechenden EU-Wert fragen, bekommen wir erneut ganz kurz das "Ich-habe-in-eine-Zitrone-gebissen"-Gesicht zu sehen. Wer sich einen Rolls-Royce kaufen will, fragt wohl nicht nach so profanen Dingen wie Verbrauch, Wendekreis (von Kollegen gemessene 13,8 Meter, nicht dass wir es selbst ausprobiert hätten) oder Wartungsintervallen. Natürlich gibt Neuer die entsprechende Zahl dann doch preis: 14,8 l/100 km. Das entspricht, wir haben es nachgeschaut, einem CO2-Ausstoß von 347 g/km. Nicht besser macht die Angelegenheit, dass wir den Durchschnittsverbrauch auf unserer Fahrt nicht unter 22 l/100 km bekommen. Aber es stimmt wohl: Wenn man sich ein solches Auto kauft, sind einem 160, 170 Euro für eine Tankfüllung aber so was von egal! Das ökologische Gewissen mag zudem trösten, dass bei 3630 verkauften Autos im Jahr 2013 Rolls-Royce-Fahrer dem Weltklima vermutlich nicht den Todesstoß versetzen.

V12-Motor mit 6,75 Liter Hubraum

Dann endlich der Fahrerwechsel. Schnell verscheuche ich den kurz aufkommenden Gedanken, dass es eigentlich schade sei, dass es nicht regne, denn bei strahlendem Sonnenschein bleiben die in den Türen verborgenen Regenschirme an ihrem Platz. Natürlich gelten bei einem Fahrzeug der Superluxusklasse andere Maßstäbe als bei einem Auto für Otto Normalkonsument. Dennoch kann ich nicht umhin, zu vergleichen. Der Phantom wird von einem V-12-Motor(6,75 Liter Hubraum!!!) mit 338 kW/460 PS angetrieben. Das klingt viel, ist aber in Zeiten, in denen die RR-Mutter BMW aus einem Dreizylinder-Triebwerk beim i8 231 PS schöpft, irgendwie nicht die Welt. Auch die Beschleunigung verursacht zunächst keine Jubelstürme, was sicherlich auch am Gewicht des Phantom (bereits leer mehr als 2500 kg) liegt. Außerdem möchte die Queen als potenzielle Rolls-Royce-Passagierin ja auch beim Anfahren nicht in ihren Sitz gepresst werden - der Phantom ist halt eher ein Chauffeur- als ein Selbstfahrer-Automobil. Dann aber setzt das volle Drehmoment von 720 Nm ein - und die Welt ist wieder in Ordnung.

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"Power Reserve" statt Drehzahlmesser

Auf den nächsten Kilometern fällt mir besonders ein Instrument auf: Statt eines Drehzahlmessers (wofür braucht man den eigentlich überhaupt bei Automatik-Fahrzeugen) hat Rolls-Royce eine Anzeige namens "Power Reserve" verbaut. Sie zeigt an, wie viel Prozent der Gesamtleistung in diesem Moment abgerufen werden - und wie viele Prozent demnach noch zur Verfügung stehen. Was das eigentliche Fahren mit einem Rolls-Royce angeht: Man gewöhnt sich schnell daran, vergisst, dass man in einem 400.000-Euro-Plus-Auto unterwegs ist. Natürlich kamen wir bei unserer Ausfahrt nicht in die Verlegenheit, den Phantom einparken, wenden oder in einem Parkhaus unterbringen zu müssen. Da hätten sich dann wohl doch leichte Unterschiede zu einem VW Polo gezeigt. Beim Cruisen über die Autobahn oder die Landstraße fährt sich der Phantom aber im besten Sinne unaufgeregt.

Gegenläufig angebrachte Türen

Beim Aussteigen bedauern wir, dass das auf einem abgegrenzten Gelände geschieht. Zu gerne hätten wir bestätigt, dass die Vorfahrt eines Phantom, wie von Rolls-Royce behauptet, immer zu einem Ereignis wird, dass die Menschen die Köpfe recken um zu sehen, wer aus diesem Luxus-Fahrzeug aussteigt. Für uns bleibt nur die Erkenntnis, dass die gegenläufig angebrachten Türen (die sowohl als Sichtschutz gegen Neugierige Passanten dienen als auch das Aussteigen aus dem Fond erleichtern sollen) gewöhnungsbedürftig sind.

Umstieg ins eigene Auto fällt schwer

Am Abend fällt es schwer, wieder in das eigene Auto umzusteigen, von denen man für den Preis eines Phantom ungefähr 30 kaufen könnte. Zuhause angekommen nehme ich ein leeres Sparschwein aus dem Schrank, schreibe mit Fettstift Rolls-Royce darauf und werfe zwei Euro hinein…