Die E-Klasse fährt autonom - fast jedenfalls

aus Im Auto Mobil

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Wer nicht neben dem Auto stehen und es von außen einparken will, kann auch im Wagen sitzen bleiben, die Hände in den Schoß legen und das System machen lassen. Foto: Mercedes

Mit offensichtlich unendlichem Elan diskutieren Verkehrsexperten, wann es denn so weit ist mit dem autonomen Fahren, in fünf, zehn oder fünfzehn Jahren. Der Streit ist...

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. Das Aha-Erlebnis beginnt schon in der heimischen Garage. Insbesondere, wenn diese gebaut wurde, als noch nicht abzusehen war, wie sehr die E-Klasse sich in Länge und vor allem Breite „ausdehnen“ würde (Breite 1984: 1,74 m, Breite 2016: 1,85 m). Das Hineinquetschen auf engstem Raum von der Außenwelt auf den Fahrersitz entfällt, die E-Klasse kann, ferngesteuert durch das Smartphone, aus einer Entfernung von maximal drei Metern aus der Garage oder aus Parklücken herausmanövriert werden. Ein besonderer Coolness-Effekt des „Remote Park Pilot“ genannten Systems ist dabei, dass der Vorgang auch in die umgekehrte Richtung funktioniert. Man hält den Wagen an, steigt lässig aus und navigiert die E-Klasse-Karosse elegant in die Parkbucht, Lenkradeinschlag inklusive.

Gedankenexperiment auf der Autobahn

Aber bedeutet das schon (teil)autonomes Fahren? Natürlich nicht. Deshalb begeben wir uns jetzt mit der E-Klasse auf die Autobahn. Die Piste ist frei (ein unwahrscheinliches Gedankenexperiment, ich weiß, aber versuchen wir einmal, es uns vorzustellen), wir fahren 130 km/h auf der rechten Spur. Der gute, alte Tempomat, der jetzt „nur noch“ Bestandteil des wesentlich komplexeren Systems Drive Pilot ist, hält die Geschwindigkeit, ohne dass der Fuß auch nur das Gaspedal berührt, bremst ab, wenn ein langsameres Fahrzeug in der Spur auftaucht und beschleunigt, wenn der Weg wieder frei ist. Kennen wir, ist nichts Neues. Auch dass die Spur wie von Zauberhand gehalten wird und wir das Lenkrad sozusagen nur noch halten, damit es nicht runterfällt, erscheint nicht innovativ zu sein. Ist es aber. Anders als bei bisherigen Systemen ist der Drive Pilot bis 130 km/h nicht auf weiße Spur- oder Straßenrandmarkierungen angewiesen, sondern hält auch so die Spur. Und das Berühren des Lenkrads ist nur noch Formsache. Während bisher nach einer kurzen Zeitspanne (maximal 30 Sekunden) eine sensorische Rückmeldung (und sei es nur Handauflegen auf das Steuer) nötig war, fährt der Drive Pilot auf freier Strecke minutenlang ohne Hand- und Fußeinwirkung des Fahrers. Auch Tempolimits erkennt das System und reduziert die Geschwindigkeit automatisch.

Spurwechsel ohne Lenkeingriff

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Minutenlanges Fahren ohne Hand am Lenkrad und ohne Fuß auf dem Gaspedal – was muss noch passieren, damit man von (teil)autonomen Fahren spricht? Noch nicht überzeugt? Einen hab ich noch: Selbst das Überholen eines langsameren Fahrzeugs auf der Autobahn übernimmt der Drive Pilot. Wird der Blinker für mehr als zwei Sekunden gesetzt, schert die E-Klasse-Karosse nach links aus (natürlich nur, wenn der Weg frei ist, das haben das Fernbereichsradar sowie die Stereokamera nach vorne und ein Multi-Mode-Radar nach hinten und zur Seite gecheckt), überholt und fährt nach rechts zurück. Die Information, dass sich das Auto auf einer mehrspurigen Straße befindet, erhält das System vom Navi – man möchte ja nicht beim Überholen in den Gegenverkehr rauschen). Ich möchte meinen nicht existenten Hut darauf verwetten, dass es in der nächsten Drive-Pilot-Generation nicht einmal mehr nötig sein wird, manuell den Blinker zu setzen. Wenn Sie übrigens demnächst im Verkehrsfunk die Warnung hören, dass ein Fahrzeug auf der dritten Spur stehe, glauben Sie es lieber. Die E-Klasse verfügt, wenn sie mit Drive Pilot ausgestattet ist, auch über einen aktiven Nothalte-Assistenten. Erkennt der, etwa durch ausbleibende sensorische Rückmeldung des Fahrers, dass der nicht mehr fahrtüchtig ist (Herzinfarkt, Bewusstlosigkeit), bremst das System die Karosse ab und bringt sie in der Spur zum Stillstand.

Hindernis auf der Überholspur

Aber ist es sinnvoll, vielleicht ein Leben zu retten und durch ein Hindernis eventuell auf der Überholspur der Autobahn –zig andere zu gefährden? Wäre es nicht angeraten, dass das Auto im Notfall selbsttätig auf die rechteste Spur und, wo vorhanden, weiter auf die Standspur fährt und dort ausrollt? Mercedes-Pressesprecher Steffen Schierholz räumt die Problematik ein. Er gibt aber zu bedenken, dass die führerlose E-Klasse ja keine Vollbremsung mache, sondern das Tempo langsam reduziere und schließlich automatisch die Warnblinkanlage einschalte. Der folgende Verkehr habe also Zeit, sich auf die Gefahrensituation einzustellen. Sicherlich wird es Hupkonzerte geben und auch Lichthupensignale, das aber dürfte dem bewusstlosen Fahrer herzlich egal sein. Außerdem ist ein mit 160 km/h dahinrasendes Auto mit nicht mehr agierendem Fahrer erst recht kein ermutigender Gedanke.