Oppenheim: Walter Jertz will Bürgermeister werden – ...

Versöhnen statt spalten: Walter Jertz beim Wahlforum dieser Zeitung auf dem Oppenheimer Marktplatz.Foto: hbz/Michael Bahr  Foto: hbz/Michael Bahr

An Fronleichnam wird Walter Jertz 73 Jahre alt. Der Generalleutnant a. D. hat so Einiges erlebt. Er flog den Starfighter, der ob seiner Gefährlichkeit den Spitznamen...

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OPPENHEIM. An Fronleichnam wird Walter Jertz 73 Jahre alt. Der Generalleutnant a. D. hat so Einiges erlebt. Er flog den Starfighter, der ob seiner Gefährlichkeit den Spitznamen „Witwenmacher“ trug. Er zeltete in Krisengebieten am Hindukusch. Er erklärte der Weltpresse den Nato-Einsatz auf dem Balkan. Jertz könnte sich aufs Altenteil zurückziehen, weitere Kinderbücher schreiben oder die Cairn-Terrier seiner Tochter spazieren führen.

„Hier ist mein Leben, meine Heimat und mein Herz“

Was treibt so einen Mann an, sich auf den vermutlich brisantesten Schleudersitz zu setzen, den die rheinland-pfälzische Kommunalpolitik derzeit zu bieten hat? „Es ist die Liebe zu Oppenheim“, sagt Jertz. „Hier ist mein Leben, meine Heimat und mein Herz.“

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Am kommenden Sonntag wird der Ex-Militär, der in der Stadt aufwuchs, zur Schule ging und dann bis zu seiner Pensionierung um den Globus tingelte, aller Voraussicht nach zum neuen Stadtbürgermeister Oppenheims gewählt. Der parteilose Jertz ist der einzige Kandidat, er wird unterstützt von einem breiten Parteienbündnis. Vor allem aber: Er wird Nachfolger von Marcus Held. Der SPD-Politiker war am 28. Februar inmitten von 23 Ermittlungsverfahren wegen Untreue- und Bestechlichkeitsverdacht zurückgetreten. Ein von dieser Zeitung enthülltes, dubioses Grundstücksgeschäft hatte Held (40) letztlich den Job gekostet.

Es war der Höhe- (oder Tief-) punkt eines einjährigen Politskandals, der die stolze historische Kleinsatdt am Rhein zerrissen hat. In den Wochen vor Helds Demission demonstrierten Bürger vor dem Rathaus gegen ihn. Mittendrin: der treue Staatsdiener Jertz, der zuvor niemals in seinem Leben auf die Straße gegangen war. „Ich will die Spaltung der Stadt überwinden“, gibt der Kandidat nun den Diplomaten. Er wolle versöhnen, Gräben zuschütten, zerstörtes Vertrauen in Politik und Stadtspitze zurückgewinnen. Ob Jertz – mit viel Führungserfahrung gesegnet, aber im Kommunalwesen bisher unbeleckt – das schaffen kann? Es gibt durchaus Zweifler. Immerhin nehmen Jertz fast alle ab, dass er das Amt nicht aus Profilierungssucht oder finanziellen Erwägungen anstrebt. Dieser Gesamteindruck war in den vergangenen Jahren permanenter SPD-Alleinherrschaft entstanden, der „rote Filz“ wurde in Oppenheim zum geflügelten Wort.

Damit ist es zwar vorbei, dennoch steht Jertz vor einer Herkulesaufgabe. Er muss einen Ersten Beigeordneten finden, der bisherige trat im Held-Strudel zurück. Er muss Arbeit verteilen, während drei Beauftragtenposten im Rathaus aus Kostengründen gestrichen wurden. Er muss in einem zersplitterten Stadtrat Mehrheiten finden.

Und das alles unter dem Damoklesschwert einer aberwitzigen Verschuldung. Auf 23 Millionen Euro ist das Etatloch angewachsen. Der Landesrechnungshof hatte im Dezember einen vernichtenden Bericht über Oppenheim vorgelegt, der maßgeblich zu Helds Sturz beitrug. Nun regiert der Rotstift: Schülerlotsen, Veranstaltungen, Festspiele – alles steht auf dem Prüfstand, die Kommunalaufsicht schaut Oppenheim gnadenlos auf die Finger. Zugleich stehen Regressforderungen der Kommune gegen ihren Ex-Chef im Raum. Dass Jertz all diese Probleme bis zur Kommunalwahl 2019 lösen kann, ist ausgeschlossen. Ein Vertrauter hat ihm die Rolle des „Tatortreinigers“ zugeschrieben. „Man kann innerhalb eines Jahres beginnen, eine Richtung vorzugeben“, sagt Jertz vorsichtig. In vier „Bürgerforen“ hat er Ideen gesammelt, dort vor allem das eingeschlafene Engagement von Mitbürgern wecken wollen. Die großen Linien seiner Politik muss er nach seiner als sicher geltenden Wahl aufzeigen. Wahrlich ein Knochenjob für harte Jungs. Aber mit so etwas hat Walter Jertz Erfahrung.

Von Ulrich Gerecke