Lösungen statt Ideologien

Jutta Blatzheim-Roegler wohnt in Bernkastel an der Mosel und ist seit 2011 Landtagsabgeordnete.Foto: Sascha Kopp  Foto: Sascha Kopp

Ein langer Atem zeichnet Jutta Blatzheim-Roegler aus. Fast 20 Jahre ehrenamtliche Lokalpolitik lagen hinter ihr, als die grüne Abgeordnete 2011 in den rheinland-pfälzischen...

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MAINZ. Ein langer Atem zeichnet Jutta Blatzheim-Roegler aus. Fast 20 Jahre ehrenamtliche Lokalpolitik lagen hinter ihr, als die grüne Abgeordnete 2011 in den rheinland-pfälzischen Landtag gewählt worden ist. Und mit diesem Einzug begann für die verkehrspolitische Sprecherin erst recht eine harte Tour.

Blatzheim-Roegler wuchs im Bonn der 60er Jahre auf. Der Vater der heute 60-Jährigen war Ministerialbeamter im Forschungsministerium, ihre Mutter arbeitete für die amerikanische Botschaft. „Ich bin in einer politisch interessierten Familie aufgewachsen, meine Eltern waren jedoch in keiner Partei“, sagt sie und erinnert sich, wie ihr Vater von einer Dienstreise in die USA eine der ersten Schallplatten von Bob Dylan mitgebracht hat.

Als sich Blatzheim-Roegler die Grünen als politische Heimat aussuchte, war es die Großmutter, die sie unterstützte: „Meine Oma, die 100 Jahre alt geworden ist und zwei Weltkriege erlebt hat, fand das klasse, dass ihre Enkelin gegen Aufrüstung und drohenden Atomkrieg auf die Straße gegangen ist.“ 1978 zog Blatzheim-Roegler mit ihrem Mann nach Bernkastel an die Mosel. Vier Kinder hat sie dort zur Welt gebracht. Umzug aufs Land und Mutterschaft wollte sie mit ihrem eigenen Lebensweg verbinden. Also setzte sie in Trier ihr Studium der Politologie und Germanistik fort. Obwohl ein solcher Lebensentwurf seinerzeit staatlich kaum unterstützt wurde.

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Die Kinder nahm sie mit zur Uni nach Trier

40 Kilometer habe sie jeden Tag in öffentlichen Verkehrsmitteln mit den Kindern zur Universität fahren müssen und weil es dort keine Betreuung gab, habe sie mit befreundeten Studentinnen einen Kinderladen aufgebaut. Ein Vorgehen, das typisch für sie sei: „Mir ist eine Vorstellung von Politik vermittelt worden, in der es darum ging, mögliche Lösungswege und nicht Ideologie zu sehen.“

Als sie 1983 eintrat, war sie die erste Grüne in Bernkastel-Kues. Der gesamte Kreisverband habe damals gerade zehn Mitglieder gehabt. Blatzheim-Roegler leistete Aufbauarbeit und stand zweimal kurz vor der Profipolitik: 2002 fehlten 3000 Stimmen an ihrem Einzug in den Bundestag. Und Mitte der 80er Jahre war sie Teil einer Konzeptgruppe, deren Mitglieder im Nachhinein für Parteikarrieren stehen: Claudia Roth etwa oder Antje Vollmer.

Damals entschied sich Blatzheim-Roegler gegen die Politik und für die noch junge Familie. Nicht ohne politisch zu bleiben. Ihre lokalen Mandate behielt sie. Außerdem gründete sie in Bernkastel-Kues die erste Frauengruppe und half, einen Frauen-Literaturkreis ins Leben zu rufen. Beruflich baute sie sich eine Karriere als Referentin in einer Unternehmensberatung im Sozialwesen auf.

Da sie aus der Region stammt und dort grüne Politik vertritt, wurde der Hochmoselübergang zu Blatzheim-Roeglers Thema. In der außerparlamentarischen Opposition kämpfte sie gegen den umstrittenen Bau. Als der zum Gegenstand des Wahlkampfs 2011 wurde, dämpfte Blatzheim-Roegler die Hoffnungen der Gegner – durchaus ahnend, was politisch möglich ist.

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„Es hat mich dann schon nochmal gereizt, die Politik zum Hauptberuf zu machen“, sagt Blatzheim-Roegler und als Fünfte auf der Landesliste war der Einzug in den Landtag nicht gefährdet. Doch die Grünen konnten zusammen mit der SPD in die Regierung gehen – vorausgesetzt sie stimmten dem Hochmoselübergang zu. „Ich habe dann auf der Landesdelegiertenversammlung für den Koalitionsvertrag gesprochen – wohlwissend, dass ich mich lokal erheblicher Kritik werde stellen müssen.“

Die Kritik kam. Und fiel heftig aus – mitunter persönlich, oft genug beleidigend. Blatzheim-Roegler hielt stand. Obwohl sie gleichzeitig als stellvertretende Fraktionsvorsitzende an der Aufgabe beteiligt war, aus der außerparlamentarischen Opposition heraus eine Regierungsfraktion aufzubauen.

Der Zuspruch aus der Familie half Blatzheim-Roegler, selbst mittlerweile zweifache Großmutter. Und die politische Überzeugung: „Ich bin nicht nur wegen eines einzigen Themas zu den Grünen gegangen. Mir ist als Politikerin bewusst, dass man manchmal auch schmerzhafte Kompromisse eingehen muss.“

Von Mario Thurnes