„Ich wollte Ministerin werden“

„Mir hat keine Niederlage so sehr wehgetan wie die letzte“: die CDU-Landtagsabgeordnete Hedi Thelen. Foto: Sascha Kopp  Foto: Sascha Kopp

Seit 26 Jahren befindet sich die CDU im Heimatland von Helmut Kohl in der Opposition. 21 dieser Oppositionsjahre hat Hedi Thelen mit durchlitten. Wäre ihrer Partei mehr Erfolg...

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MAINZ. Seit 26 Jahren befindet sich die CDU im Heimatland von Helmut Kohl in der Opposition. 21 dieser Oppositionsjahre hat Hedi Thelen mit durchlitten. Wäre ihrer Partei mehr Erfolg beschieden gewesen, die 60-Jährige hätte zur Führungsreserve gehört. Entsprechend unverblümt sagt sie über die jüngste Wahlniederlage: „Mir hat keine Niederlage so sehr wehgetan wie die letzte. Ich hatte sehr gehofft, Ministerin zu werden.“

Arbeitszufriedenheit durch winzige Erfolge

Denn jeder wolle in seinem Beruf etwas umsetzen und praktische Erfolge sehen. Das gehe auch einer Oppositionspolitikerin so. Stattdessen gilt: „Man muss lernen, aus winzigen Erfolgen ein Stück Arbeitszufriedenheit rauszuziehen.“

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Als Beispiel nennt Thelen die Pflegekammer: „Wir haben diese auf dem Parteitag beschlossen und mit parlamentarischen Anträgen versehen, als Malu Dreyer sie noch ablehnte.“ Ohne das Drängen der CDU gäbe es die Berufsstandvertretung heute nicht, auch wenn der Erfolg der Landesregierung zugerechnet wird: „Ich gebe daher meine Einstellung nicht auf, dass Oppositionsabgeordnete eine wichtige Verantwortung haben.“

Den mühsamen Weg zu gehen, kennt Thelen. Der Vater war Postbeamter, die Mutter Hausfrau – weil es am nötigen Geld fehlte, entschloss sich die Schülerin gegen ein Studium und für eine Beamtenlaufbahn. Sie absolvierte eine Ausbildung für den gehobenen Dienst an der Hochschule für öffentliche Verwaltung in Mayen und arbeitete von 1978 bis 1996 für die Kreisverwaltung Mayen-Koblenz.

Politisch interessiert und durch das CDU-nahe Elternhaus geprägt, sei sie schon in jungen Jahren politisch gewesen, erzählt Thelen. Zum Schritt, sich nach der Ausbildung wieder zu engagieren, habe sie eine Beförderung zur Leiterin für das Referat allgemeine Sozialhilfe ermuntert. In dem Kontext sei ihr Chef auf sie zugekommen, ob sie nicht auch Gleichstellungsbeauftragte werden wolle. „Ich bin dann da rein, obwohl ich bis dahin mit Frauenpolitik nicht viel zu tun hatte.“ Um etwas bewegen zu können in der Aufgabe als Gleichstellungsbeauftragte – etwa für mehr Kita-Plätze zu sorgen – sei es nötig gewesen, politisch aktiv zu werden und auf die Verantwortlichen zuzugehen. Über die eigentliche Arbeit hinaus habe sie dann an einem frauenpolitischen Papier der CDU mitgearbeitet und wurde 1995 Bezirksvorsitzende der Frauen-Union im Norden von Rheinland-Pfalz. Ein Vorbild sei die spätere Präsidentin des Bundestages, Rita Süssmuth, gewesen. Es sei in den Jahren höchste Zeit gewesen, am Frauenbild der CDU etwas zu ändern: „Als Frau kam man in der Partei nicht vor – außer als Hausfrau und Mutter.“ Nur langsam sei es gelungen, die Männer zum Umdenken zu bewegen.

In den Landtag hat es sie nicht gezogen, schildert Thelen: „Ich habe gerne gearbeitet und ich hatte viele Aufgaben, die mir Spaß gemacht haben.“ Aber der Kollege aus dem Wahlkreis habe sich 1996 zurückgezogen. Und als Vorsitzende der Frauen-Union habe sie auf eine Nachfolgerin gedrängt. „Als die nicht gefunden wurden, haben mich die Frauen angeguckt und gefragt: Kann das sein, dass Du in dem Wahlkreis wohnst?“

„Eine längere Lebenserfahrung hilft“

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Geschenkt wurde Thelen das Mandat aber nicht: Erst musste sie sich in der CDU gegen einen Bewerber durchsetzen, was ihr mit Zweidrittel zu einem Drittel gelungen sei. Dann trat sie gegen den ehemaligen rheinland-pfälzischen Finanzminister Gernot Mittler (SPD) an – und siegte. „Ich wäre sonst nicht reingekommen.“ Die CDU hatte sie nicht mit einem Listenplatz ausgestattet, der gereicht hätte.

Nach der Wahlniederlage 2016, so erzählt Thelen, habe sie Zeit gebraucht, sich mental neu zu orientieren. „Ich bin auch nur ein Mensch.“ Erst habe sie die Schuld beim Wähler gesucht, der nichts begriffen habe. Aber dann sei ihr schnell klar geworden: „Das ist alles Quatsch. Wir haben Fehler gemacht – auch wenn das wenig tröstet.“

Die Gespräche mit der Familie hätten ihr geholfen, erzählt die Mutter einer erwachsenen Tochter. Auch die mit der Basis. Und letztlich gelte: „Eine längere Lebenserfahrung hilft.“ So sei es ihr wie auch der CDU im Jahr danach gelungen, schnell wieder Tritt zu fassen.

Und wenn sie auch im Landtag seit über 20 Jahren in der Opposition ist, sagt Thelen: „Aus der Aktivität im Wahlkreis kann ich mir viel Zufriedenheit holen.“ Wenn es ihr gelinge zu helfen, Missstände vor Ort zu beseitigen, etwa indem sie sich für Straßenbauprojekte einsetze, die ausblieben.

Von Mario Thurnes