Es kam alles anders

Effizient und nicht nur für seine Chefin Julia Klöckner ein „feiner Kerl“: CDU-Landtagsabgeordneter Martin Brandl.  Foto: Harald Kaster   Foto: Harald Kaster

Martin Brandl kam irgendwann an den Punkt, sich entscheiden zu müssen. Sollte er die Politik zum Beruf machen oder ganz auf die Karriere in der Wirtschaft setzen? Das war im...

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MAINZ. Martin Brandl kam irgendwann an den Punkt, sich entscheiden zu müssen. Sollte er die Politik zum Beruf machen oder ganz auf die Karriere in der Wirtschaft setzen? Das war im Jahr 2009; der damals 28-jährige Pfälzer entschied sich für die freie Wirtschaft. Doch es kam alles anders.

Er arbeitete im internationalen strategischen Marketing bei SEW-Eurodrive, einem Unternehmen im badischen Bruchsal, das auf Antriebstechnik spezialisiert ist. Ein „Hidden Champion“, wie man so schön sagt, familiengeführt. Doch 2009 schlitterte die pfälzische CDU mit ihrem OB-Kandidaten für Landau in eine handfeste Affäre, einem Hochstapler, der mit einem falschen Doktortitel und einem erfundenen Hirntumor bundesweit für Schlagzeilen sorgte. Der örtliche Bundestagsabgeordnete strauchelte über die sogenannte Schürholt-Affäre, ein Parteifreund aus dem Landtag rückte in den Bundestag nach – und der Kommunalpolitiker Brandl zog in den Mainzer Landtag ein.

Jetzt ist Brandl mit seinen 35 Jahren parlamentarischer Geschäftsführer der CDU-Landtagsfraktion und damit ein wichtiger Vertrauter von Julia Klöckner. Diese hält große Stücke auf den Pfälzer. Sehr strukturiert sei er, analytisch, habe „eine gewisse Pfälzer Gemütlichkeit, einfach ein feiner Kerl“, schwärmt die Fraktionschefin. Und er sei „kein Falschspieler“. Vieles davon würde selbst der politische Gegner unterschreiben. Mancher sagt, dass Brandl noch rhetorisch an sich arbeiten muss. Nicht jeder Auftritt im Parlament in der jüngeren Zeit war gelungen. Andererseits sind es eben die „PGF“, die parlamentarischen Geschäftsführer, politische Generalisten, die manchmal für die eigenen Leute in die Bresche springen müssen.

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Brandl, verheiratet, dreifacher Familienvater, stammt aus einer Bäckerfamilie in Rülzheim, Kreis Germersheim. Die „Bäckerei Brandl“ hatte einen guten Namen in der Region, erhielt mit ihren Produkten mehrfach die Goldprämierung. Wenn der Abgeordnete das berühmte Brandl-Baguette „mit den großen Luftlöchern“ beschreibt, meint man das Gebäck fast zu riechen. Im Dezember vergangenen Jahres schloss die Bäckerei, die seit 1877 in vierter Generation geführt wurde. Ein großer Einschnitt, sagt der 35-Jährige, der noch eine Schwester hat.

Ob er wegen der Arbeitszeiten nicht in die Fußstapfen des Vaters getreten ist? Brandl verneint. Ob man nun mitten in der Nacht aufstehe wie der Bäcker oder etwas später wie in der Industrie, man müsse „immer seine Leistung bringen“, so der Politiker, der in Karlsruhe Betriebswirtschaft studiert hat und den praktischen Teil bei SEW-Eurodrive absolvierte, mit dem Abschluss Diplom-Betriebswirt. Parlamentarischer Geschäftsführer einer Landtagsfraktion mit 35 Abgeordneten, da braucht man sich über mangelnde Arbeit nicht zu beklagen. Organisieren, koordinieren, Prozesse steuern, das sei sein Job. Klöckner, so hört man, lasse ihm viel Freiraum.

Niederlage vom 13. März machte ihn „fassunglos“

Brandl kam 2009 mitten in der heißen Phase der Nürburgring-Affäre in den Landtag. Die Opposition trieb die Aufklärung voran. In Regierungsverantwortung schaffte es die CDU aber nicht – sie ist mittlerweile die dienstälteste CDU-Opposition in Deutschland. Brandl startete im Bildungsausschuss, kam dann in den Wirtschaftsausschuss, wurde wirtschaftspolitischer Sprecher der Fraktion. Der 13. März 2016 hat auch bei ihm Spuren hinterlassen. Am Ende vielleicht doch nicht die Nase vorn zu haben, damit rechnete der eine oder andere CDU-Politiker eine Woche vor der Landtagswahl durchaus. Dann aber fast fünf Prozentpunkte hinter der Dreyer-SPD zu landen, das machte ihn „fassungslos“, wie er einräumt.

Nun heißt es weiter Oppositionsbank drücken. Dem 35-Jährigen ist es ein großes Anliegen, weniger auf Skandalisierung zu setzen und durch Sacharbeit zu überzeugen. So verzichtete die CDU beispielsweise, den Rücktritt eines SPD-Abgeordneten zum Thema zu machen, der im Landtagshandbuch einen falschen Diplomtitel angegeben hatte. „Wir müssen den Leuten zeigen, dass es nicht nur um Streit und Skandale geht, sondern dass wir den Anspruch haben, das Land besser zu machen.“

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Mit der AfD im Landtag, die gerne mal die CDU rechts überholt, ist die Oppositionsarbeit sicher nicht einfacher geworden. Es fiel auf, dass die CDU zuletzt die „Alternative“ stärker angegriffen hat. „Wir wollen und werden uns offen mit der AfD auseinandersetzen und sie stellen, wo es notwendig ist“, so Brandl. Eine Koalition in der Opposition werde es nicht geben. Bei Anträgen der AfD hat die CDU übrigens noch nie mitgestimmt.

Von Markus Lachmann