Deutlich mehr Kirchenaustritte

Limburg / Wiesbaden /MainzFür die katholische Kirche hätte das neue Jahr kaum schlechter beginnen können: Neben einem Missbrauchsskandal, dessen Verstrickungen bis hin zum...

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LIMBURG / WIESBADEN /MAINZ. Limburg/Wiesbaden/MainzFür die katholische Kirche hätte das neue Jahr kaum schlechter beginnen können: Neben einem Missbrauchsskandal, dessen Verstrickungen bis hin zum ehemaligen Papst Benedikt XVI. reichen, offenbart sich durch die Initiative "#OutInChurch" außerdem ein Geflecht systemischer Diskriminierung, mit dem unter anderem homosexuelle Angestellte der Kirche täglich konfrontiert sind. Eine wachsende Anzahl an Kirchenaustritten dürfte bereits jetzt eine Folge der vielen Negativschlagzeilen sein. Zu beobachten ist dies auch in den Bistümern Limburg und Mainz.

Aktuelle Zahlen liegen beiden Bistümern zwar nicht vor, erst Ende Juni werden die Statistiken für das vergangene Jahr erwartet. Auch eine Prognose darüber, wie sich die Zahlen im laufenden Jahr noch entwickeln werden, wollte das Bistum Mainz auf Nachfrage nicht abgeben. Ein Schlaglicht auf die Lage wirft aber etwa der Blick auf die Landeshauptstadt Mainz. Allein mehr als 200 Personen haben dort die Kirche im Januar verlassen, ein Plus von knapp 50 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum (134 Personen). Wie die Stadt mitteilt, sei derzeit auffallend, dass sich im Vergleich zu anderen Jahren vor allem viele ältere Bürger für einen Austritt entschieden. Ein ähnliches Bild präsentiert sich auch im benachbarten Hessen: Dessen zum Bistum Limburg gehörende Landeshauptstadt Wiesbaden verzeichnet im Januar insgesamt 260 Austritte, ein Jahr zuvor waren es im gleichen Zeitraum noch 182.

Ob etwa beim Termin auf dem Amt nun ein Protestant oder Katholik austritt, wird von den Städten Mainz und Wiesbaden nicht statistisch erhoben. Skandale, so wie der derzeitige rund um das Münchener Missbrauchsgutachten in der katholischen Kirche, sorgen aber in beiden Konfessionen für Mitgliederschwund, berichtet Pfarrer Stephan Krebs, Leiter der Öffentlichkeitsarbeit bei der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. Auch wenn "das mit den Gründen" immer schwer zu sagen sei. "Unserer Erfahrung nach gibt es Affekt-Austritte", sagt Krebs, der jedoch ebenso betont, dass eine zuvor schon laufende Entfremdung von der Kirche dabei eine wichtige Rolle spielt. Wenn dann ein bestimmter Anlass dazukomme, heiße es: "So, jetzt tue ich's. So ein Anlass könnten jetzt die Schlagzeilen über sexualisierte Gewalt in der katholischen Kirche sein", erklärt Krebs. Aktuelle Zahlen kann auch er nicht nennen. Dass es "insbesondere bei jüngeren Leuten" in der evangelischen Kirche derzeit vermehrt Austritte gebe, bestätigt er aber. Zusammengenommen berichten beide Konfessionen bundesweit von mehreren Hunderttausend Austritten jährlich.

Von Christoph Hechler