Das Internet-Portal „Paul Newsman“ aus Koblenz will mit...

Harmlose Kondensstreifen oder giftige Chemikalien? Verschwörungstheoretiker "wissen", dass Letzteres der Fall ist. Foto: dpa, Montage: vrm/sv

Mit Fake News gegen Fake News vorgehen. Das ist die Masche der Satire-Plattform "Paul Newsmann". Manche Verschwörungstheoretiker fallen auf die Nachrichten rein und werden im...

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KOBLENZ. „Bundesregierung bestätigt Chemtrailprojekte“ – diese Schlagzeile des „Kölner Abendblatts“ hat in der vergangenen Woche etliche Internetnutzer aufgeschreckt und erheitert. „Von unserem Redakteur W. Etter“ – schon die Autorenzeile signalisiert: Hier erlaubt sich jemand einen Spaß. Im Text ist die Rede von einem Bundestagsabgeordneten „Norbert-Wilfried Ochszuber“ – ein Fingerzeig auf die „Neue Weltordnung“ (NWO), die laut Verschwörungstheoretikern von Geheimgesellschaften angestrebt wird. Spätestens ein paar Zeilen weiter, beim Eingeständnis eines Staassekretärs namens „Christian Elsius“, wonach Flugzeuge vom Typ „Airsolbus AS-340“ Deutschland flächendeckend einnebeln sollen, müsste auch dem naivsten Leser ein Licht aufgehen: Das kann nur Satire sein.

Der Artikel wurde im Laufe der Woche zigtausendfach aufgerufen, bei Facebook geteilt und getwittert. Überwiegend aus Jux – in einigen Fällen aber nachweislich im Irrglauben, es handele sich um eine seriöse Nachricht. Mancher Chemtrail-Fanatiker fühlte sich bestätigt – Berthold H. etwa, der den Beitrag sofort teilte, in Jubel ausbrach: „Es ist offiziell!!!“ – und mit Spott übergossen wurde.

Nicht gelesen, aber geteilt

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Offensichtlich nehmen viele Menschen Texte im Internet nur noch oberflächlich wahr und verbreiten Beiträge reflexartig, obwohl sie selbst bloß die Überschrift, allenfalls die ersten Zeilen, gelesen haben. Wer bis zum Ende des Chemtrail-Artikels scrollt, stößt dort zwar auf einen eindeutigen Satire-Hinweis – so weit kommen viele Leser aber gar nicht. Wie dringend notwendig es im Zeitalter von Fake News ist, Inhalte kritisch zu hinterfragen, das wollen die Macher der satirischen Webseite anschaulich machen. Sagen sie jedenfalls selbst.

Eine Zeitung namens „Kölner Abendblatt“ gibt es gar nicht, der ganze Internetauftritt ist eine Täuschung – eine sehr echt wirkende, inklusive (gefaketer) Werbung und (gefaketer) Links. Jeder Klick führt auf die eigentliche Website namens „Paul Newsman“: eine Online-Plattform, auf der jedermann kostenlos und anonym Fake-Artikel verfassen und im World Wide Web veröffentlichen kann, auf täuschend echt aussehenden Seiten fiktiver Medien, darunter das „Kölner Abendblatt“, die Frauenzeitschrift „Britta“ sowie die „Apotheken-Rundschau“. Die Beiträge bleiben 24 Stunden online und können höchstens fünfmal gelesen werden – für Texte registrierter Nutzer gelten diese Einschränkungen allerdings nicht.

Unbekannter Autor

Bekannteste Satireseite ist der mit dem Grimme-Preis geadelte „Postillon“. Während dessen Inhalte mit redaktioneller Professionalität erstellt werden, kann sich via „Paul Newsman“ jedermann als Satiriker versuchen – ein deutlicher Unterschied zwischen beiden Angeboten. Tatsächlich kam der „Chemtrail“-Beitrag genau so zustande: Dahinter steckt ein unbekannter Autor.

Zweiter Unterschied: Der „Postillon“ ist seine eigene Marke, tarnt sich nicht als seriöses Presseportal. Nutzungsbedingungen sollen bei „Paul Newsman“ Missbrauch verhindern, doch niemand ist gezwungen, die Hinweise wirklich zu lesen.

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„Wir hoffen auf die eine oder andere Erleuchtung“

Macher hinter dem Projekt, das als Büro-Spaß begann und immer größere Dimensionen annimmt, ist der Koblenzer Programmierer Mike Lieser (34). Er will das Angebot verstanden wissen als Beitrag zur Debatte um Fake News und zum Umgang damit. „Wir hoffen auf die eine oder andere Erleuchtung“, heißt es auf „Paul Newsman“. „Wir hoffen auf gute Diskussionen. Wir hoffen auf lustige, kreative, satirische und kritische Artikel.“

Liesers größter Coup aus eigener Feder via „Kölner Abendblatt“ war im Januar ein Bericht über den angeblichen Verkauf der Rhein-Mosel-Halle durch die Stadt Koblenz, um so einen Kongress europäischer Rechtspopulisten zu verhindern. Pegida-Führer Lutz Bachmann schäumte auf Facebook.

"Wir können den Leuten doch das Denken nicht abnehmen“

Wie hoch ist das Risiko, dass „Paul Newsman“ das Gegenteil vom Beabsichtigten bewirkt und ungewollt zur Verbreitung von Falschnachrichten und Verschwörungstheorien beiträgt? „Grundsätzlich besteht die Gefahr schon“, räumt Lieser ein, versichert aber, das Geschehen auf der Website aufmerksam im Blick zu behalten und bei Auffälligkeiten sofort einzuschreiten.

Der Verein zur Aufklärung über Internetmissbrauch „Mimikama“ (Wien) sowie der Watchblog „Der Goldene Aluhut“ (Berlin) stufen „Paul Newsman“ beide als seriöses Satireportal ein. „Aluhut“-Gründerin Giulia Silberberger, als Kämpferin gegen Verschwörungstheorien inzwischen eine Berühmtheit, sagt: „Nur wer Ironie nicht versteht, fällt auf so etwas herein. Wir können den Leuten doch das Denken nicht abnehmen.“