Windkraft auf Rekordniveau

In Hessen boomt die Windkraft. Angesichts der Änderungen im Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) dürfte sich das jedoch bald ändern. Der Neubau von Windanlagen ist künftig für Investoren wesentlich risikoreicher. Foto: dpa  Foto: dpa

Im Regierungspräsidium Gießen hatten die Mitarbeiter im vergangenen Jahr unter Hochdruck gearbeitet. Sie genehmigten insgesamt 23 Windparks mit 85 Windrädern. „Im...

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WIESBADEN. Im Regierungspräsidium Gießen hatten die Mitarbeiter im vergangenen Jahr unter Hochdruck gearbeitet. Sie genehmigten insgesamt 23 Windparks mit 85 Windrädern. „Im Vergleich zu 2014 und 2015 fast eine Verdoppelung“, sagt eine Behördensprecherin. Die genehmigten Anlagen seien ausreichend für 117 500 Drei-Personen-Haushalte. Das Regierungspräsidium Darmstadt, das in Sachen Windkraft traditionell zurückhaltender ist, genehmigte 2016 in Südhessen immerhin 43 neue Anlagen.

Der Ausbau an Land ist jetzt gedeckelt

Der Grund für die Eile: Zum Jahreswechsel war das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) geändert worden. Künftig wird es für die Investoren risikoreicher, Windanlagen zu planen. Zum einen wird der Ausbau der Windkraft an Land gedeckelt. Zum anderen muss sich der, der ein Windrad bauen will, deutschlandweit der Konkurrenz stellen: Zum Zuge kommt der, der Windstrom am günstigsten erzeugt. Das wird am Ende derjenige sein, der die geringste Einspeisevergütung verlangt.

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Im Vorgriff auf diese Restriktionen wurden in Hessen 2016 so viele Windräder gebaut wie noch nie. Landesweit waren es 112 Anlagen, so die Deutsche Windguard GmbH, die Investoren berät. Alle zusammen bringen es auf eine Leistung von 316 Megawatt (zum Vergleich: Die beiden Blöcke des Atomkraftwerks Biblis hatten zusammen eine Leistung von 2 525 Megawatt). Damit stieg der Zuwachs an Windenergie im Vergleich zum Vorjahr um 52 Prozent. Nur Niedersachsen, Baden-Württemberg, Thüringen und Hamburg hatten höhere Steigerungsraten. Noch größer ist das Windkraft-Potenzial, das in Hessen 2016 genehmigt wurde. Nach der Bilanz, die das für die Energiewende zuständige Wirtschaftsministerium in Wiesbaden jetzt zieht, haben die drei hessischen Regierungspräsidien im vergangenen Jahr Anträge für 181 Windräder durchgewunken. Werden sie alle gebaut, entspräche das einer Gesamtleistung von 550 Megawatt. Nach den Zahlen der Deutschen Windguard wäre das mehr als in Schleswig-Holstein, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz genehmigt worden war. Hessen wurde demnach nur von Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Brandenburg übertroffen. Investoren, die in diesem Jahr ein Windrad beantragen, müssen sich dem neuen, strengeren Reglement beugen. Die jahrelangen Verfahren mit ihren aufwendigen Gutachten kosten Geld. „500 000 Euro und mehr“, schätzt Joachim Wierlemann vom Bundesverband Windenergie in Hessen. Hat der Investor endlich seine Genehmigung, muss er sich an der bundesweiten Ausschreibungen beteiligen, bei der ein Standort in Hessen im Wettbewerb steht zu den windstarken Gebieten Norddeutschlands. Wierlemann geht deshalb davon aus, dass der Zubau an Windkraft in Hessen in den kommenden Jahren deutlich niedriger ausfallen wird.

Im hessischen Wirtschaftsministerium ist man nicht ganz so pessimistisch. Niemand könne seriös sagen, wie sich die EEG-Reform auf die Energiewende auswirken wird, heißt es dort. Man werde das sehr genau beobachten.

Bei den Regierungspräsidien zeichnen sich aktuell widersprüchliche Tendenzen ab. In Gießen wurde in diesem Jahr der Bau von 15 neuen Windrädern beantragt. In Darmstadt aber sank der Eingang auf Null.

Von Christoph Cuntz