Schulen in Hessen vor gewaltigen Herausforderungen

aus Coronavirus-Pandemie

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Willkommen zurück: Kinder der Klasse 4b der Linnéschule in Frankfurt-Bornheim werden von ihrer Lehrerin begrüßt. Foto: dpa

Die Schulen werden durch die Corona-Krise nicht so schnell zur Normalität zurückfinden. Die Vorsitzenden des Landeselternbeirats und der Lehrergewerkschaft GEW dazu im Interview.

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WIESBADEN. Für Schulen, Schüler, Eltern und Lehrer soll nach der Corona-Pause langsam wieder die Normalität zurückkehren - doch von einem normalen Schullalltag sind alle noch weit entfernt. Ein Gespräch über kaltes Wasser in Waschräumen, langsames Internet und weitere Herausforderungen für den Unterricht in Krisenzeiten.

Frau Wiedwald, Herr Ekinci, jetzt sind auch die Viertklässler wieder zurück in der Schule, nachdem der Eilantrag einer Schülerin zurückgezogen wurde. Was überwiegt: Erleichterung oder die Bedenken? Ekinci: Ich bin ganz froh darüber. Sonst wäre die Spaltung in der Elternschaft weiter gewachsen. Eine Klage ist der falsche Weg, so etwas zu klären. Ich finde es gut, dass wir jetzt erst einmal vorsichtige Schritte gehen. Ich kann aber auch verstehen, dass Eltern sagen: Ich habe Angst. Wiedwald: Für die Schulen ist es wichtig, verlässliche Daten zu haben, und dass eine solche Entscheidung dann steht. Das bedeutet aber nicht, dass damit jetzt alles gut wäre. Es gibt baulich, räumlich und bei der Ausstattung der Schulen Defizite.

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Es bleibt eine Gratwanderung. Wiedwald: Es ist ein Abwägungsprozess, ob man die Schulen wieder öffnet und wie man sie öffnet. Ich kann aber nachvollziehen, dass viele Eltern sagen, sie möchten gerne, dass ihre Kinder wenigstens einen Tag in der Woche in die Schule gehen. Schüler und Schülerinnen brauchen diesen sozialen Kontakt und auch die Lehrkräfte freuen sich, die Kinder und Jugendlichen wiederzusehen. Gleichzeitig ist es aber wichtig, den Gesundheits- und Arbeitsschutz auf jeden Fall zu beachten.

Kultusminister Lorz bewertet den Stufenplan, also die gestaffelte Rückkehr seit einigen Wochen, als Erfolg. Wie fällt Ihr Fazit aus? Ekinci: Es ist ein Erfolg, den die Praktiker herbeigeführt haben, also die Schulleiter und Lehrer vor Ort. Ich fand es sehr unglücklich, dass wir zum wiederholten Male ein Datum vorgesetzt bekommen haben, an dem die Schulen aufmachen müssen, ohne dass sie und die Eltern gefragt wurden. Wir haben vor Corona immer darüber geredet, dass wir einen Investitionsstau an den Schulen haben, wie marode die Toiletten sind, dass teilweise Fenster undicht sind. Und in so eine Situation schicken wir die Kinder mit der Vorgabe, Hygienemaßnahmen einzuhalten. Da wird gerade Erfahrung gesammelt am offenen Herzen. Wiedwald: Viele Lehrkräfte sind wütend darüber, dass sie vom Kultusministerium alle Termine aus der Presse erfahren. Es fehlt einfach Zeit zur Vorbereitung. Positiv ist: Vielfach ist nachgesteuert worden, nachdem wir unzählige Veränderungswünsche weitergegeben hatten. In Frankfurter Schulen sind jetzt zum Beispiel Präsenz-Reinigungskräfte täglich im Einsatz. Das ist eine sehr gute Sache, von der ich mir wünschen würde, dass sie auch nach der Corona-Zeit bleibt. Ekinci: Wir haben teilweise Reinigungsmittel, die nur mit handwarmem Wasser funktionieren. Aber auf vielen Schultoiletten gibt es nur kaltes Wasser. Ich verlasse mich darauf, dass solche Probleme behoben werden. Und wenn das nicht geht, dass die Schule im Zweifel geschlossen bleibt.

Sehen Sie Schulen und Lehrer an manchen Stellen überfordert? Wiedwald: Ja, auf jeden Fall. Es ist gut, dass viel Präsenzunterricht stattfindet, aber der findet unter schwierigen Bedingungen statt. Die Lerngruppen werden geteilt und es gibt ja für andere Gruppen nach wie vor das Lernen zuhause. Das bedeutet für Lehrkräfte oft deutlich mehr Arbeit und viele gehen über ihre Grenzen, um ihre Schülerinnen und Schüler gut zu unterstützen.

Wo vermissen die Eltern Unterstützung? Ekinci: Normalerweise haben wir Eltern bei allen Dingen, die jetzt entschieden werden, Beteiligungsrechte. Derzeit geht das komplett an uns vorbei. Wir bekommen viele Informationen, wenn überhaupt, zuerst über die Presse. Das sorgt für Gerüchte und Verunsicherung. Es hat fünf Wochen gebraucht, bis das Kultusministerium bestätigt hat, dass die Leistungen zuhause nicht benotet werden. Natürlich sind auch viele Eltern mit der Situation überfordert, ihre Kinder zu unterrichten. Wenn ich versuche, meiner Tochter in der dritten Klasse Mathe beizubringen, schaltet die irgendwann ab. Ich bin ihr Papa, ich bin nicht ihr Lehrer. Wiedwald: Das, was zu Hause gelaufen ist, wird nicht benotet und geht nicht ein in Zeugnisse. Und wir haben Zeit, um die Inhalte aufzuarbeiten. Das war eine ganz wichtige Klärung, sie hätte nur früher kommen müssen. Das hätte vielen Schülern und Lehrern Unsicherheiten und Ängste genommen.

Offenbar schaffen es nur wenige Lehrer, einen Unterricht online durchzuführen. Wie sind Ihre Erfahrungen? Was muss besser laufen? Wiedwald: Das ist ganz, ganz unterschiedlich. Es gibt Schulen, die eine unglaublich gute Hardware-Ausstattung haben und schon seit Jahren mit Online-Modulen arbeiten. Und es gibt Schulen, die haben noch nicht einmal eine ausreichende Internetanbindung. Die Endgeräte der Lehrkräfte sind zum allergrößten Teil ihre privaten Endgeräte, manche Schüler haben erst gar keine. Deswegen treten wir dafür ein, dass diejenigen Geräte ausgeliehen bekommen, die nicht die Möglichkeit dazu haben. Ich selbst finde Unterricht per Video in vielen Dingen sehr, sehr gut. Aber man stößt an Grenzen, weil der Dialog miteinander nur begrenzt möglich ist und zum Beispiel Körpersprache, Mimik, Gestik oft zeitversetzt stattfinden. Ekinci: Wir haben Herausforderungen, über die wir schon vor der Krise geredet haben. Zum einen die digitale Infrastruktur, da hängen wir in Hessen hinterher. Ich kenne zudem kaum einen Haushalt, in dem vier Computer rumstehen oder vier Tablets zur Verfügung stehen. Zum anderen haben wir das Problem der Lehrerweiter- und -fortbildung. Wir haben seit Jahren bemängelt, dass da nicht genug passiert. Wenn wir jetzt über Videokonferenz-Tools reden, dann brauchen wir eine vom Kultusministerium freigegebene und zur Verfügung gestellte Standardlösung. Wiedwald: Wichtig sind auch einheitliche Regelungen für den Datenschutz. Was darf überhaupt benutzt werden? Wie wird es benutzt? Das muss klar sein.

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Sind die Abstands- und Hygieneregeln in den Schulen nicht umsonst, wenn morgens alle in einen Bus gepfercht werden? Ekinci: Genau das bereitet mir Bauchschmerzen. Ich halte das tatsächlich für das schwächste Glied in der Infektionskette. Wiedwald: Im städtischen Bereich sind meistens keine Schulbusse unterwegs, sondern da nutzen die Schüler den öffentlichen Nahverkehr. Das Thema ist bedenklich, ja. Es wird sehr wichtig sein, dass Eltern und Lehrkräfte sehr viel mit den Kindern und Jugendlichen reden, um noch einmal an die Regeln zu erinnern.

Corona wird auch das nächste Schuljahr bestimmen. Was ist bis dahin die wichtigste Hausaufgabe für die Schulen und die Politik? Ekinci: Die Hausaufgabe ist lang. Wir brauchen einheitliche Lösungen für den digitalen Unterricht daheim, dafür brauchen Eltern, Schüler und Lehrer die richtigen Mittel. Wir müssen die baulichen Mängel aus der Welt schaffen. Und es dürfen nicht weiter Entscheidungen getroffen werden über die Köpfe von Schulen und Elternschaft hinweg. Wiedwald: Wir brauchen eine gemeinsame Diskussion darüber, wie der Unterricht im nächsten Jahr aussehen kann. Es werden sich alle darauf einstellen müssen, dass es eine Mischform geben wird aus Präsenzunterricht - und dem Lernen zu Hause auf digitalem oder analogem Weg. Deswegen muss das „Lernen lernen“ sehr stark gerade zu Beginn des Schuljahres im Mittelpunkt stehen, um den Schülerinnen und Schülern zu ermöglichen, ihre Methoden- und Medienkompetenz deutlich zu erweitern.

Sollte man die Sommerferien verkürzen, um das alles aufzuholen? Ekinci: Ich halte davon gar nichts. Wir brauchen tatsächlich jetzt einfach mal eine Pause, in der Eltern zu Hause nicht verantwortlich sind für die Beschulung der Kinder. Und es freut sich jeder auf die Möglichkeit, dass es vielleicht in den Urlaub gehen kann. Wiedwald: Wir brauchen alle dringend Erholungsurlaub, ob der nun hier verbracht wird oder ob doch die Möglichkeit besteht, woanders hinzufahren. Das wird man sehen.