Professor Jörg Lange sieht Konstruktionsprinzip der...

Diese Fahrzeuge konnten gerade noch bremsen und den Sturz in die Tiefe verhindern. Foto: dpa

Während die Suche nach der Ursache für den Brücken-Einsturz in Genua noch läuft melden sich viele Experten zu Wort - einige davon kritisch wie der Darmstädter Professor Jörg Lange.

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DARMSTADT. Die Ursache des Einsturzes der Brücke in Genua liegt noch völlig im Dunkeln. Fest steht: Das 40 Meter hohe Bauwerk galt schon lange als marode und musste ständig ausgebessert werden. Möglicherweise war das Material ermüdet. Denkbar ist auch, dass ein Pfeiler unterspült wurde, es gab zur Zeit des Unglücks ein Unwetter. Oder lag es an der Konstruktion der Brücke?

Herr Professor Lange, können Brücken einfach einstürzen? Ja.

Tatsächlich ohne jede Vorwarnung? Vier Dinge können dafür verantwortlich sein: Planungsfehler, Materialfehler, Ausführungsfehler oder außergewöhnliche Belastungen, für die eine Brücke nicht ausgelegt war. Meistens ist eine Kombination von mehreren dieser Ursachen verantwortlich. Ein Restrisiko gibt es immer. Zum Glück haben wir in Deutschland ein sehr hohes Sicherheitsniveau.

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Der Zustand der Morandi-Brücke wurde penibel überwacht. Wenn das nicht hilft: Was kann die Benutzer schützen? Es reicht nicht, Formulare auszufüllen, um zu wissen, wer im Schadensfalle Schuld hat. In Deutschland ist klar festgelegt, was zu tun ist – etwa bei einem Riss in einer Brücke.

Was passiert in diesem Fall? Die Belastungen werden reduziert. Eine dreispurige Brücke ist dann nur noch zweispurig. Wer über die A 661 nach Frankfurt-Sachsenhausen fährt, benutzt eine Brücke, auf der seit einigen Jahren Tempo 80 vorgeschrieben ist und die verengt wurde. Dort waren Schäden festgestellt worden. Geringeres Tempo und weniger Autos bedeuten geringere Belastungen und größere Tragreserven. Diese Brücke am Offenbacher Kreuz wird demnächst ersetzt.

Noch lässt sich nichts zur Ursache des schrecklichen Unglücks in Genua sagen. Es wird aber für möglich gehalten, dass eines der Tragseile gerissen ist. Das ist vorstellbar. Eine „Zügelgurtbrücke“ wie die Morandi-Brücke in Genua hat den Nachteil, dass die Konstruktion von einem einzigen Gurt auf jeder Seite getragen wird. Wenn ein solcher Gurt versagt, hat das katastrophale Auswirkungen. Das ist, als würden sie einen Pfeiler weghauen. Bei einer Schrägseilbrücke mit 15 oder 20 Seilen gäbe es diese Gefahr nicht.

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Die Tragseile der Unglücksbrücke waren von Beton ummantelt. Das soll Korrosion verhindern. Es verhindert aber auch, dass man Schäden an der Stahlkonstruktion erkennen kann. Manche Experten halten Stahlbeton für Brückenbauten grundsätzlich für ungeeignet. Die Stahlbeton-Bauer sagen, dass sie das gut im Griff haben. Bei einer Stahlbrücke gibt es indes keine Geheimnisse. Wenn dort ein Riss auftritt, sehe ich ihn sofort. Stahl kann man falls nötig auch leichter verstärken.

Sollten Brücken grundsätzlich aus Stahl gebaut werden? Es gibt Brücken, die können durchaus mit Stahlbeton gebaut werden. Je größer die Spannweite, desto eher sollte man aber Stahl nehmen. In Deutschland gibt es eine starke Betonbau-Tradition, in England ist das ganz anders. Dort wird vorwiegend in Stahl gebaut.

Sind marode Bauwerke überhaupt zu sanieren? Oder müssten sie nicht abgerissen und neu gebaut werden? Es kommt sehr auf die Schäden an. Risse auf der Innenseite einer Betonbrücke können gut mit Kunstharz verpresst werden. Anders ist es bei massiven Werkstoffermüdungen. Auf der Sauerlandlinie sind in den Siebzigerjahren Spannbetonbrücken gebaut worden, die den heutigen viel höheren Verkehrslasten auf Dauer gar nicht mehr standhalten können. Die werden nach und nach abgerissen und ersetzt.

Gibt es Brücken, die Sie selbst nur mit Widerwillen befahren würden? In Deutschland nicht. Ich habe allerdings vor zwei Jahren in New York einige der großen Brücken von unten gesehen. Da habe ich mir doch Sorgen gemacht.

Von Rainer Schlender