Immer weniger Schüler lernen Französisch

Französisch lernt man leichter, wenn man jung ist, sagt Lehrer Norbert Stöckle.

Die deutsch-französische Freundschaft besteht seit 60 Jahren. Ein Ziel im Elysée-Vertrag war, Schülern die Sprache des Nachbarlands nahezubringen. Warum das immer schwieriger wird.

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Wiesbaden/Mainz/Paris. Comment ça va? Wie geht’s? – In Hessen und Rheinland-Pfalz können darauf immer weniger Schüler auf Französisch antworten. Und auch in Frankreich gibt es immer weniger Schüler, die Deutsch lernen. Ist es 60 Jahre nach der Begründung der deutsch-französischen Freundschaft mit dem Élysée-Vertrag (22. Januar) nicht mehr en vogue, die Sprache des Nachbarlands zu lernen?

„Es gibt keine zwei Länder, die so eng miteinander verbunden sind wie Deutschland und Frankreich”, betont Norbert Stöckle, Lehrer und Fachleiter des Französisch-Seminars in Mainz für weiterführende Schulen. Die Verbindungen der beiden Länder laufen auf der Regierungsebene, für die Europäische Union, aber auch beim Volk. Er nennt etliche Projekte und Austauschprogramme, das deutsch-französische Jugendwerk und die deutsch-französische Hochschule. Außerdem sei das Nachbarland für die Wirtschaft enorm wichtig: Nach Frankreich hat Deutschland 2021 am meisten Waren exportiert; beim Import war Frankreich das drittwichtigste.

Der französische Staatspräsident Charles de Gaulle und der deutsche Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) unterzeichneten am 22. Januar 1963 im Pariser Elysee-Palast einen Vertrag über die deutsch-französische Zusammenarbeit, den Elysee-Vertrag.
Der französische Staatspräsident Charles de Gaulle und der deutsche Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) unterzeichneten am 22. Januar 1963 im Pariser Elysee-Palast einen Vertrag über die deutsch-französische Zusammenarbeit, den Elysee-Vertrag. (© EPD)
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Und dann ist da noch die besondere Nähe Rheinland-Pfalz’ zu Frankreich: Als direkte Nachbarn sind Frankreichliebhaber schnell über die Grenze. „Wir sind ratzfatz in Metz, Straßburg, Paris”, schwärmt der Lehrer. In der Grenzregion um Trier gibt es zudem 200.000 Pendler, die in Belgien, Frankreich oder Luxemburg arbeiten. Für ihn gehöre es daher zum guten Ton, mit den Nachbarn sprechen zu können.

Guter Unterricht ist wichtig, damit sie weitermachen.

NS
Norbert Stöckle Französisch-Lehrer in Mainz

Deshalb hat Französisch an den Schulen in Rheinland-Pfalz noch einen hohen Stellenwert, sagt Stöckle. Englisch müssen alle Schüler lernen. Bei der zweiten Fremdsprache entscheidet sich der Großteil für Französisch. Doch Spanisch wird immer beliebter. Es ist in mehr als 22 Ländern Landessprache, nach Englisch und Chinesisch die am weitesten verbreitete Sprache der Welt.

Anteil der Französisch-Schüler nimmt ab

Im Schuljahr 2020/2021 büffelten nach Angaben des rheinland-pfälzischen Bildungsministeriums rund 90.000 Schüler an allgemeinbildenden Schulen Französisch (rund 22 Prozent). Allerdings nimmt der Anteil der Schüler, die sich für Französisch entscheiden, seit etwa 2011 ab. Damals waren es 25 Prozent.

In der Popularität bei den zweiten Fremdsprachen folgt dahinter Latein (35.000 Schüler), dann Spanisch (13.000). Madeleine Reccius, Sprecherin des Bildungsministeriums, teilt auf Anfrage dazu mit: Man finde es gut, dass Schüler die verschiedenen Fremdsprachenangebote sehr gut annehmen.

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Weil Deutschland und Frankreich als Motor der europäischen Einigung gelten, sei es der Landesregierung dennoch wichtig, dass viele junge Leute Französisch lernen. Interesse für die Sprache des Nachbarlands zu wecken, das versuchen auch das französische Bildungsministerium und die deutsche Kultusministerkonferenz. In einem 55-seitigen Dokument dazu heißt es für das Französische unter anderem: Lehrer sollen Motivation wecken, Schüler Erfolgserlebnisse haben, das Lernen soll etwas Positives darstellen.

Bienvenue à Paris: Die Champs-Élysées mit dem Arc de Triomphe. Ausflüge und Austauschprogramme sollen dabei helfen, die Kinder für die Sprache zu motivieren.
Bienvenue à Paris: Die Champs-Élysées mit dem Arc de Triomphe. Ausflüge und Austauschprogramme sollen dabei helfen, die Kinder für die Sprache zu motivieren. (© Andrea Warnecke/dpa-tmn)

An Hessens Schulen viele Sprachen im Angebot

Auch in Hessen geht die Zahl der Französisch-Schüler zurück. Nach den Daten des Kultusministeriums betrug ihr Anteil 2011/2012 noch fast 17 Prozent, im vergangenen Schuljahr waren es knapp 13 Prozent. Spanisch hat an hessischen Schulen Latein schon überholt.

Natürlich wollen Eltern, dass Spanisch als zweite Fremdsprache angeboten wird

AW
Ann-Kathrin Widl-Stroth Französisch-Lehrerin in Darmstadt

In Hessen ist ebenfalls meist Englisch die erste Fremdsprache an den Schulen. Die Zweite ist in der Regel Französisch oder Latein. Die Schulen können aber auch Italienisch, Spanisch, Russisch, Polnisch und Chinesisch sowie ab dem Schuljahr 2023/2024 Arabisch und Portugiesisch anbieten, zählt das Ministerium auf. Trotzdem habe sich das Land mit Blick auf das Französische seit Jahren zur Aufgabe gemacht, „die Partnersprache zu fördern, Schulpartnerschaften auszubauen und die Mobilität in der beruflichen Bildung zu fördern”, scheibt die Behörde.

Französisch-Lehrer kämpfen für ihr Fach

„Natürlich wollen Eltern, dass Spanisch als zweite Fremdsprache angeboten wird”, berichtet Ann-Kathrin Widl-Stroth. Die Oberstudienrätin unterrichtet Französisch und Sport an der Edith-Stein-Schule, einem katholischen Gymnasium in Darmstadt. Das Französisch-Kollegium kämpft jedoch für sein Fach.

Die Lehrer organisieren Schüleraustausche, etwa mit der Partnerschule in Nancy. Doch das ist gar nicht mehr so einfach: Dort lernen nur noch wenig Kinder Deutsch, erzählt Widl-Stroth. Es gibt an der Schule nur einen einzigen Deutschlehrer, der, um auf sein Pensum zu kommen, fünf Schulen betreut. Mit ihren Siebt- oder Achtklässlern fährt Widl-Stroth außerdem nach Straßburg, damit die Kinder sehen, wofür sie sich anstrengen. Lehrer organisieren Brieffreundschaften für Schüler, helfen ihnen bei Austauschprogrammen, die bis zu sechs Monate dauern können oder Sprach-Wettbewerben. Französisch ist an der Edith-Stein-Schule beliebter als Latein, sagt die Lehrerin und klingt ein bisschen stolz dabei. Und wer unbedingt Spanisch lernen will, kann das zwar – aber zunächst als Wahlfach, am Nachmittag, berichtet die Lehrerin. „Das machen nur Schüler, die das wirklich lernen wollen.”

Bei der Wahl der Sprache sollte man noch etwas bedenken, erläutert Kollege Norbert Stöckle. Französisch erlerne man am leichtesten, je früher man damit beginnt – „wegen der Aussprache”, sagt er. Wer jung ist, hat eine flexible Zunge. In der Oberstufe, wo das Fächerangebot größer wird, legen allerdings viele Schüler Französisch ab, gibt er zu. Auch weil sie glauben, in einem anderen Fach besser zu sein oder es leichter zu haben, mit einer anderen Sprache neu zu beginnen. Stöckle sieht auch einen Teil der Verantwortung bei den Lehrern: „Guter Unterricht ist wichtig, damit sie weitermachen.”