Immer weniger Blutspenden – das sind die Gründe

In den Transfusionszentralen wird mit Sorge registriert, dass die Vorräte an Spenderblut abnehmen. Das hat auch Auswirkungen auf Operationen.

In Hessen und Rheinland-Pfalz werden überlebenswichtige Blutkonserven knapp. Welche Herausforderungen es bei der Spenden-Organisation gibt und was Babyboomer damit zu tun haben.

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Mainz/Wiesbaden. Die Blutkonserven werden knapp. Die Vorräte des Blutspendedienst West des Roten Kreuzes, der für Rheinland-Pfalz, Saarland und Nordrhein-Westfalen zuständig ist, reichen immer nur noch knapp für einen Tag, um die Kliniken zu versorgen, berichtet Sprecher Daniel Beiser. „Unser Wohlfühlfaktor liegt bei fünf Tagen, um für alle Eventualitäten gerüstet zu sein”, betont er. Und sagt: „So schlimm wie derzeit war es in den vergangenen Tagen noch nie.” Auch Eberhard Weck, Sprecher des DRK-Blutspendedienst Hessen und Baden-Württemberg, berichtet: „Zwar ist bei uns die Blutkonserven-Lage nicht ganz so angespannt, wie bei den Nachbarn – wir haben aber ebenfalls nur Vorräte für zweieinhalb Tage, dabei wäre eine Reichweite zwischen dreieinhalb und vier Tagen wünschenswert.” Das Deutsche Rote Kreuz deckt mit seinen sechs regionalen Blutspendediensten rund 75 Prozent des bundesweiten Bedarfs ab und ist damit der wichtigste Anbieter. Immer wieder wird aber Alarm geschlagen, dass die Blutkonserven knapp werden. Woran liegt das – koordiniert das DRK die Spenden nicht ausreichend? Die wichtigsten Punkte im Überblick.

Der große Knackpunkt: Haltbarkeit des Blutes

Die größte Herausforderung bei der Organisation der Blutspenden ist die geringe Haltbarkeitsdauer eines Blutbestandteils, führt Weck aus. Das Blut wird nach der Spende in seine Bestandteile aufgetrennt, eingelagert und an die Kliniken ausgegeben. So kann das Blutplasma sogar eingefroren und dann bis zu zwei Jahre eingelagert werden. Die roten Blutkörperchen können noch bis zu 42 Tage gelagert werden. Die Blutplättchen (Thrombozyten) sind allerdings außerhalb des Körpers nur noch vier Tage haltbar – und sie werden sehr viel von Krebspatienten benötigt. „Selbst wenn ich über das Jahr gesehen nicht meckern kann, haben wir immer wieder temporäre Engpässe”, erklärt Weck. Vor allem um lange Feiertage wie Ostern oder Weihnachten, aber mittlerweile auch rund um einzelne Feiertage mit Brückentagen, wie Himmelfahrt, wird es schwierig, weil dies nun häufiger für Kurzurlaube genutzt werde. Die Balance zwischen Blutspenden und Bedarf müsse stimmen. „Denn es geht auf gar keinen Fall, dass gespendetes Blut verfällt”, betont Weck.

Die Babyboomer fallen weg

Derzeit sei ein weiteres Problem die Erkältungszeit, erklärt sein Kollege Beiser aus Rheinland-Pfalz, denn mit Krankheitssymptomen darf nicht gespendet werden. Er beobachtet aber zudem auch einen generellen Rückgang der Spendenbereitschaft. „Das hängt zum einen mit der demografischen Entwicklung zusammen: Die Babyboomer waren sehr viele, und zudem auch sehr engagiert. Das hing sicher auch damit zusammen, weil es noch nicht so viele andere Möglichkeiten gab, sich zu engagieren. Früher war es quasi ein Event auf dem Dorf, wenn sich alle beim Blutspenden getroffen haben. Die Babyboomer brechen uns jetzt aber nach und nach weg. Und es kommen nicht genug junge Leute nach. Die Spendenbereitschaft ist deutlich gesunken.” Und eine Entwicklung der Corona-Pandemie würde derzeit auch noch nachhalten: „Früher haben sehr viele bei großen Aktionen in Unternehmen oder Schulen gespendet, das ist weggefallen.” Und auch Weck berichtet: „Ein Tag in einem Frankfurter Bürohochhaus – dieses Spendenvolumen kriegt man nicht so schnell woanders zusammen.”

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Knifflige Terminorganisation

Die Organisation der Spendetermine werde an den organisatorischen Möglichkeiten und auch an der prognostizierten Nachfrage ausgerichtet, erklären die DRK-Experten. Beiser sagt: „Mehr Termine anzubieten ist oft nicht unbedingt sinnvoll, wenn sie dann nicht ausgelastet werden. Wir versuchen mittlerweile uns auch nach nach den Berufstätigen zu richten und bieten bei den Aktionen auch ganz bewusst Spendetermine abends an.” Und Weck ergänzt: „Häufig ist es schwierig, geeignete, große Räumlichkeiten mit den entsprechenden hygienischen Bedingungen für Spendeaktionen zu finden, beispielsweise in engen Innenstädten wie in Wiesbaden. Es müssen ja auch Materialien und Maschinen aus- und wieder eingeladen werden können.”

Starres versus flexibles System

Mit Beginn der Corona-Pandemie wurde ein weiteres Instrument zur Koordination der Blutspenden eingeführt: die Terminvergabe. Zunächst aus der Not heraus geboren, um Abstands- und Hygienevorgaben einzuhalten, dient sie jetzt dazu, lange Wartezeiten zu vermeiden und Verbindlichkeit für beide Seiten herzustellen. Für das DRK habe sich dies bewährt, die Resonanz von den Spendern sei überwiegend positiv und das Personal könne so gezielter eingesetzt werden. „Aber die Rate derjenigen, die dann doch nicht zum vereinbarten Termin kommen, liegt nur bei etwa fünf Prozent”, berichtet Weck. Es gebe zwar vereinzelt Kritik am „starren System”, einige würden lieber spontan entscheiden, zu spenden. Deshalb gebe es nach wie vor Blutspende-Aktionen ohne Terminvergabe.

Finanzielle Anreize kommen nicht infrage

Snacks, Getränke oder auch kleine Geschenke bekommen Blutspender beim DRK. Bürger durch neue Anreize, beispielsweise Kulturgutscheine oder eine finanzielle Aufwandsentschädigung, zum Spenden zu motivieren – davon hält das DRK nichts. Es halte sich an einen internationalen ethischen Kodex des Roten Kreuzes, wonach Blutspenden unentgeltlich und freiwillig sein sollen. Die DRK-​Blutspendedienste sind gemeinnützige Organisationen und sind verpflichtet, kostendeckend zu arbeiten. Erlöse aus dem Verkauf von Blutkonserven dürfen ausschließlich dafür eingesetzt werden, die Kosten für die Blutspendedienste zu decken. Rücklagen müssen für Investitionen, beispielsweise in neue Autos oder Technik, aufgewendet werden. Beiser vom Bad Kreuznacher Transfusionsmedizin-Zentrum betont: „Die privaten Anbieter bei uns, die eine Aufwandsentschädigung für die Spende zahlen, haben derzeit auch nicht unbedingt mehr Erfolg bei der Akquise als wir.”

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Der Ausschluss homosexueller Männer

Ab 1. April soll eine Gesetzesänderung in Kraft treten, die regelt, dass homosexuelle Männer künftig ohne Einschränkung Blut spenden dürfen. Die bisherige Regelung der Bundesärztekammer wurde von der Ampel-Regierung als diskriminierend eingestuft. Bislang dürfen Männer bei gleichgeschlechtlichem Verkehr nur Blut spenden, wenn sie in den vergangenen vier Monaten keinen Sexualverkehr mit einem neuen oder mehr als einem Sexualpartner hatten – die übrigens auch für Heterosexuelle mit häufig wechselnden Sexualpartnern gilt. Laut dem Änderungsantrag, den Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) vorgelegt hat, soll das sexuelle Risiko, das zu einem dauerhaften oder temporären Ausschluss von der Spende führt, nur auf „Grundlage des individuellen Verhaltens der spendewilligen Person” ermittelt werden.

Dies wird auch von den Gesundheitsministern in Hessen, Kai Klose (Grüne) und Rheinland-Pfalz (Clemens Hoch), begrüßt. Klose erklärt: „Blut zu spenden und so Leben zu retten, darf nicht von der sexuellen Orientierung abhängig sein.” Und Hoch betont: „Die bisherige Regelung der Bundesärztekammer ist diskriminierend und die beschlossene Änderung längst überfällig.” Aber nicht nur die Betroffenen selbst mag dies bislang vom Blutspenden abgehalten haben. Auch andere, die diese Praxis als diskriminierend empfunden haben, könnten künftig spendewilliger sein. Einen riesigen Ansturm erwartet aber zumindest Beiser nicht: „Natürlich wurde dies auch uns gegenüber kritisiert und hat sicher auch Einzelne vom Spenden abgehalten – wir setzen aber ja nur die Regeln der Bundesärztekammer um.”