Für Frankfurt geht es um die Wurst

Für den Finanzplatz Frankfurt könnte es aufgrund des immer konkreter werdenden EU-Austritts Großbritanniens bald spannend werden. Das wird beim Wiesbadener Tischgespräch...

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WIESBADEN. Für den Finanzplatz Frankfurt könnte es aufgrund des immer konkreter werdenden EU-Austritts Großbritanniens bald spannend werden. Das wird beim Wiesbadener Tischgespräch der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) ebenso deutlich, wie der Umstand, dass in diesem Prozess ansonsten eigentlich alle Fragen noch offen sind. „Unsicherheit ist das Stichwort, das ich überall am häufigsten höre“, berichtet Hans-Hartwig Blomeier den mehr als 60 Gästen im Hotel Oranien.

Sicher ist sich der Leiter des KAS-Auslandsbüros Großbritannien, dass der Faktor Zeit einer der wichtigsten Aspekte sein wird, sobald die britische Regierung den Artikel 50 des EU-Vertrags geltend macht. Zwar sei für die anschließenden Verhandlungen ein Zeitraum von zwei Jahren vorgesehen. Netto bleibt seines Erachtens jedoch lediglich etwa ein Jahr, weil nach der Bundestagswahl im Herbst zunächst die Regierungsbildung abgeschlossen sein müsse, um richtig Druck aufzubauen. Außerdem gelte es am Ende Übersetzungen anzufertigen, weil sowohl nationale als auch regionale Parlamente innerhalb der EU zu beteiligen sind.

Profitiert hessische Bankenmetropole?

Für die Bankenmetropole Frankfurt könne es jedoch schon bis zum Sommer spannend werden. Denn bis dahin dürfte es am Finanzplatz London erste Entscheidungen über eine Verlagerung von Geschäftsbereichen geben, die mit dem Euro korrelieren. „Wenn man reagieren will, dann im ersten Halbjahr 2017, um Anfang 2019 handlungsfähig zu sein, wenn der Austritt de jure und de facto vollzogen ist“, betont Hans-Hartwig Blomeier. Ob es die betroffenen Geldinstitute mit ihren Geschäftsfeldern aber wirklich nach Frankfurt oder nicht eher nach Dublin oder Paris ziehe, gehöre zu den Bereichen, über die man derzeit noch keine sicheren Prognosen abgeben könne.

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Erst mittel- bis langfristig werde sich auch die Entscheidungsgrundlage für produzierende Industrie etwa im Automobilsektor klären. Schließlich würden die Lieferketten für die Herstellung mancher Fahrzeuge zum Teil mehrfach den Ärmelkanal queren. „Da stellt sich natürlich die Frage, ob das mit Zöllen belegt wird“, verdeutlicht Hans-Hartwig Blomeier.

Ziemlich sicher sei er sich, dass man in London am Ende lieber keine Vereinbarung treffen werde, als eine, die man als ungünstig für die eigenen Interessen betrachte. In den verbleibenden 27 EU-Staaten wäre man daher seiner Meinung nach gut beraten, wenn man sich gedanklich durchaus auch mit dem Fall eines Scheiterns der Verhandlungen über die Form der zukünftigen Kooperation befassen würde.