Gastkommentar: Diskriminier‘ mit mir!

Friedrich Küppersbusch. Foto: dpa

83 Millionen Deutsche fühlen sich allerorten zurückgesetzt – doch so kommen wir nicht weiter, findet unser Gastautor Friedrich Küppersbusch.

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. Alle Menschen werden Brüder. Nee Schwestern. Ach Mann! Nochmal: Alle Menschen werden Menschen. Wenn alle Feministinnen, Männerrechtler und vielleicht noch ein paar Tierschützer mit der Europahymne fertig sind, bleibt da viel Ode und wenig Freude. Auch Übergewichtige wehren sich gegen „fat shaming“, andere sehen sich wegen ostdeutscher Herkunft benachteiligt. Deutsche Juden, Moslems, Sinti und Roma erleiden Diskriminierung als Teil ihrer Familiengeschichte und Gegenwart. Grüne, Linke und SPD wollen nun auch das Unwort „Rasse“ aus dem Grundgesetz streichen lassen. Steht das denn da drin? Ja, Artikel 3, hinter „Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich“. Schöner Text, passt aber nicht auf Beethovens Neunte.

Wir sind sensibler geworden. Empfindsam und empfindlich. Die Empörung über die Tötung des US-Bürgers George Floyd wird Anlass, über Rassismus hier zu sprechen. Übergriffe gegen Frauen führten zur wuchtigen „metoo“-Diskussion. Mordende Nazis von NSU bis Hanau ekeln uns an – beim Blick in den Spiegel: Das gehört leider auch zu uns. Kein schöner Anblick. Es ist anstrengend. Viel zu lernen. Und die drittgrößte Kolonialmacht der Welt nach Fläche waren wir auch mal.

Das Schimpfen auf den „Mainstream“ ist der neue Mainstream.

Nehmen wir die Linkshänder noch mit, oder Behinderte, die Altersdiskriminierten und die Drogenabhängigen. Nicht zu vergessen „Fridays for future“ – eine junge Generation, die sich um ihre Zukunft betrogen wähnt. Mal grob gerechnet: Es müsste sich auf 83 Millionen Deutsche summieren, die schlechter behandelt werden als die anderen. Das Internet ist voll von verfolgten Minderheiten, in Summe bilden sie dort die Mehrheit vermutlich. Jede und jeder hat ein gutes Recht, sich gegen Zurücksetzung zu wehren. Die deutsche Geschichte belegt beispielhaft, wie das Ausgrenzen mancher zum Elend vieler und am Ende in die Katastrophe aller führt.

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Also, auch wenn’s schwerfällt: Freude über jeden, der den Finger hebt und warnt. Die Verführung lauert schon: Es müsse doch auch mal genug sein. Man fordert eine „erinnerungspolitische Wende“. Sagen Sie das mal Eltern, deren Kind gerade an die Herdplatte gefasst hat. Spinner. Und mehr noch – man schürt Diskriminierungsneid. Hübsch absurd, wenn einer vermeintlichen Mehrheit eingesäuselt wird, sie sei die unterdrückte Minderheit. Das Schimpfen auf den „Mainstream“ ist der neue Mainstream. Ob Corona oder Migrationspolitik, Umweltschutz oder Geschlechterpolitik: Im Hirnumdrehen wird zur bedrohlichen Übermacht hochgemonstert, was doch nur Stimmen im Konzert einer Gesellschaft sind.

Monster: Die vielen Kämpfe gegen die vielen Diskriminierungen gebären eine Zombie-Armee von Feinden. Diese Woche funkt die Tennis-Titanin Navratilova, sie respektiere „Transidentitäten“, doch im Sport seien frühere Männer als Frauen „unfair“. Dafür flog die bekennende Lesbe aus einer Organisation, die für Gleichberechtigung im Sport eintritt. Die nächste bitte: Harry-Potter-Autorin J.K Rowling mokiert sich über die sprachliche Bemühung, von „menstruierenden Menschen“ zu sprechen. Empörte Reaktionen wies sie zurück – das sei Unterdrückung der Frau. Puh. Ganz schön kompliziert.

So kommen wir nicht weiter.

Da dreht sich der Kampf gegen Diskriminierung im Kreis. Geht es darum, eine Verächtlichkeit abzuwehren? Oder trumpft man auch auf, weil die eigene Diskriminierung einem das mindeste Widerstandsrecht liefert, ein paar Lieblingsfeinden solide und moralisch hochwertig den Kotflügel zu verbeulen? Fragen wir unsere 83 Millionen Diskriminierten – und sie schildern uns ein Heer von Machos, Rassisten, Ökoferkeln und eine bunte Vielfalt von Unterdrückern. Geschätzt um die 83 Millionen.

So kommen wir nicht weiter. Der Kampf gegen Diskriminierung ist nicht zum Diskriminieren da. Uns gerät aus dem Blick: Der Hinweis auf die eigene Besonderheit ist ein guter Anfang – für die Suche nach Gemeinsamkeit. Wenn wir einander nur noch brauchen können, weil wir uns sonst einen neuen Feind suchen müssen, können wir zumachen.

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Von Friedrich Küppersbusch