Gastbeitrag von Friedrich Küppersbusch: Krieger oder Vermittler

Unser Gastautor Friedrich Küppersbusch ist Journalist, Autor und TV-Produzent. Er sitzt zudem im Beirat des Grimme-Instituts. Foto: dpa

Kommen wir militärisch mit der weißen Fahne durch oder müssen, wollen wir Farbe bekennen? Das fragt unser Gastautor Friedrich Küppersbusch.

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. Im Ernstfall stehen 35 000 amerikanische Soldaten in Görlitz und Frankfurt/Oder und werfen den Russen zurück. Minus Air Force und Marine und Verwaltung wären es höchstens 20 000, und die werden nicht dort Camping machen, bis der böse Iwan da ist. Und trotzdem: Der US-Truppenabzug wird so gefühlig diskutiert, als stünden wir ab sofort bei gegnerischem Elfer ohne Torwart da.

1990 waren noch 200 000 US-Soldaten in Deutschland stationiert, und seitdem hat jeder US-Präsident „get the boys home“ befohlen. Friedensnobelpreisträger Obama holte 20 000 heim, mehr als nun die lose Kanone Trump. Mal, weil Amerika sparen musste; mal weil man auf See- und Luftstreitkräfte umrüstete. Immer auch, weil wir gar nicht mehr die östlichste Ausdehnung des Westens sind. Man wechselt Melodie und Text beim Zapfenstreich, doch Zapfenstreich ist allemal.

Streichen wir also die Rhetorik des Mannes, der Merkel am Telefon als „dumm“ und „unter russischem Einfluss“ bepöbelt hat. Die Kanzlerin ist aus eitel Teflon geschmiedet, und Trump zeigt mit vier Fingern auf sich. Immerhin beschreibt er den Überfall der russischen Armee auf die deutsche Ostgrenze als eher unwahrscheinlichen Fall. Berliner Regierungen protestieren seit einem Jahrzehnt gegen die US-Atombomben im rheinland-pfälzischen Büchel, doch die werden regelmäßig erneuert. Hohe Militärs räumen ein, die „außergerichtliche Tötung“ des iranischen Generals Souleimani sei logistisch „über Ramstein gelaufen“. Atomwaffen und Drohnenmorde brechen Stapel von Konventionen, internationalen Abkommen und das Grundgesetz. Manche jubeln also jetzt: Ami go home, Schluss mit Amigo home.

Wegen unserer ruchlosen Vergangenheit gaben wir lange den Bewährungssträfling unter den Völkern. Das ist durch. Wir sind, Ost und West, nicht mehr Musterschüler der jeweiligen Alliierten. Das war paradox bequem. Deutschland immer mit der Mullbinde am Mann, mal kauften wir uns aus Kriegen heraus wie Helmut Kohl, mal suchten wir die Konfrontation wie Gerhard Schröder. In Wirklichkeit gibt es keine breite öffentliche Meinung darüber, wie wir uns verteidigen wollen. Ob. Wer. Was uns die Welt angeht.

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Diese viel kleineren Schlagzeilen sind viel wichtiger. Kauft die Verteidigungsministerin Killer-Drohnen? Atomwaffenfähige Kampfjets? Ist unsere Berufsarmee loyal zur Verfassung? Ist die Bevölkerung umgekehrt loyal zu einer Bundeswehr, die sich an einem Dutzend Kampfgebieten weltweit herumtreibt? Sind wir bereit, nationale Hoheit abzugeben und uns an Waffensystemen zu beteiligen, die dem Parlament keine Chance zum Veto mehr geben?

Unter dem militärischen Schirm unserer historischen Gouvernanten entwickelten deutsche Regierungen einiges Geschick in gewaltfreier Konfliktlösung. In aller Bescheidenheit darf man die Brandtsche Ostpolitik im Kalten Krieg als Anfang seines Endes sehen. Kohls Wiedervereinigung. Merkel und Steinmeier nahmen im Ukraine-Konflikt zwischen allen Stühlen Quartier und moderierten die Minsk-Abkommen. Kriege gegen frei erfundene Massenvernichtungswaffen oder heillose Gemetzel um Ölquellen mieden wir. Libyen, Irak, Syrien ginge es heute nicht besser, wenn wir auch noch oder auch noch mehr mitgemacht hätten. Am Ende braucht es auch einen, der so wenig Blut an der Fahne hat, dass es aus der Ferne nach der weißen des Parlamentärs aussieht.

Diese Fragen stellt uns nicht Trump oder irgend eine Laune irgend eines US-Präsidenten. Soll die Bundeswehr das Land verteidigen? Oder – AKK spricht bereits so – deutsche Handelsinteressen weltweit? Kommen wir durch mit der weißen Fahne oder müssen, wollen wir Farbe bekennen? Es ist ein Fluch in einer Epoche, in der jeder zu jedem eine Meinung hat und manche zu vielem sich ereifern. Ausgerechnet die Frage, ob wir Krieger oder Vermittler, sanft oder ruppig, naiv oder aggressiv sein wollen – machen ein paar Fachmenschen unter sich aus. Einfach nur ordentlich Waffen verkaufen, Rechnung schicken und pazifistisch hinterhergucken geht jetzt nicht mehr.

Von Friedrich Küppersbusch