BTW21 – Was Wähler wollen: Studentin Selina Hammer

aus Bundestagswahl 2021

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Selina Hammer engagiert sich an der Mainzer Johannes Gutenberg-Universität im autonomen AlleFlinta*-Referat.              Foto: Sascha Kopp

Selina Hammer, 21 Jahre alt, ist Studentin aus Mainz. Sie fordert von der Bundesregierung, sich stärker für Geschlechtergerechtigkeit einzusetzen. Das sind ihre Gedanken zur Wahl.

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MAINZ. Was erwarten die Menschen in der Region von der Politik? Welche Drängenden Probleme müssen aus ihrer Sicht gelöst werden? Und was muss eine Kanzlerin oder ein Kanzler überhaupt können? Das wollen wir bis zur Bundestagswahl am 26. September täglich von einer Wählerin oder einem Wähler aus der Region wissen. Heute antwortet uns Selina Hammer (21) aus Mainz.

Die Ungleichbehandlung der Geschlechter auf sämtlichen Ebenen – darüber ärgert sich Selina Hammer. „Bei dieser Ungerechtigkeit sehe ich die nächste Bundesregierung in der Verantwortung“, sagt die Mainzer Studentin. Corona mache die Lücke zwischen den Geschlechtern noch größer, wisse sie aus Studien wie der Frauenrechtsinteressensvertretung „Women Deliver“. „Die Pandemie bringt in vielen Familien beispielsweise die traditionelle Rollenverteilung zurück.“ Mütter würden neben dem Beruf wieder mehr Aufgaben rund um Haushalt und Kinder übernehmen. „Dabei stehen sie finanziell häufig sowieso schon schlechter da.“

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Wenn Selina über das Thema Geschlechterungerechtigkeit spricht, hat sie nicht nur Frauen als die betroffene Gruppe im Blick, sondern alle Menschen, die mit unter das Akronym „Flinta*“ fallen. Jene Buchstabenfolge steht für Frauen, Lesben sowie inter, nicht-binäre, transindente und agender Personen, die das Konzept von Geschlecht ablehnen. Was Flinta*-Personen eint: dass sie wegen ihrer sexuellen oder geschlechtlichen Identität diskriminiert werden. Selina Hammer bezeichnet sich selbst als nicht-binär und ist bei der Beschreibung ihrer Person mit den Pronomen „sie“ und „er“ gleichermaßen einverstanden. An der Johannes Gutenberg-Universität engagiert sie sich im autonomen AlleFlinta*-Referat.

Um der Ungleichbehandlung der Geschlechter entgegenzuwirken, müsse es jedenfalls Sensibilisierungs- und Fortbildungsprogramme geben, betont die 21-Jährige und fordert: „Gerade innerhalb von Institutionen wie Justiz und Polizei müssen beispielsweise rassistische, antisemitische sowie sexualisierte Straftaten erkannt, eingeordnet und geahndet werden.“ Statistiken seien wiederum wichtig, Probleme sichtbar zu machen. Da Diskriminierung häufig nicht nur auf einer Ebene ablaufe, müssten sich die Verantwortlichen auch fragen: Wie können wir grundsätzlich davor schützen?

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Die Pandemie habe gezeigt, dass es heute ein größeres Risiko für häusliche oder geschlechtsspezifische Gewalt gebe. „Die Bundesregierung muss endlich die Istanbuler Konvention umzusetzen“, fordert Hammer deshalb. Jener völkerrechtliche Vertrag wurde von 46 EU-Mitgliedsstaaten unterzeichnet und trat in Deutschland 2018 in Kraft. Es schafft verbindliche Rechtsnormen gegen Gewalt an Frauen und häusliche Gewalt. Im September 2020 veröffentlichte der Bund einen Bericht, in dem er zu dem Schluss kommt, die Konvention sei umgesetzt. Das zivilgesellschaftliche Bündnis „Istanbul-Konvention“ widersprach dieser Einschätzung. Die bisherigen Schutzvorkehrungen würden noch lange nicht ausreichen. Besonders für geflüchtete, wohnungslose und behinderte Frauen sowie LSBTIQ (Lesben, Schwule, bisexuelle, transidente und queere Menschen) sei der Zugang zu Prävention, Schutz, Beratung und Recht noch mangelhaft, hieß es.

„Gerade innerhalb von Institutionen wie Justiz und Polizei müssen beispielsweise rassistische, antisemitische sowie sexualisierte Straftaten erkannt, eingeordnet und geahndet werden.“

Selina Hammer erwartet weiter: „Die Bundesregierung muss sich klar gegen Menschenrechtsverletzungen positionieren und Sanktionen folgen lassen.“ Etwa gegen die Taliban. Sie müsse „Nein“ zu Staaten sagen, in denen Menschen wegen etwa ihrer Sexualität, Geschlechteridentität, Herkunft oder Hautfarbe ermordet, gefoltert oder inhaftiert werden.

Abseits dessen müsste in Deutschland ein besserer Zugang zu sicheren Schwangerschaftsabbrüchen gewährleistet sein, betont sie. Sprich: Aufklärung über das Verfahren müsste auf den Internetseiten der Kliniken und Praxen zugänglich sein.

Selina Hammer pocht zudem auf die Reform des Abstammungsrechts, damit queere Lebensgemeinschaften wie lesbische Mütter nicht weiterhin über die Stiefkindadoption diskriminiert werden. Derzeit muss die nicht gebärende Mutter in einer lesbischen Ehe ihr Kind adoptieren. Bei einem heterosexuellen Paar, bei dem das Kind per anonymer Samenspende gezeugt wurde, ist der Ehemann und nicht biologische Vater automatisch der rechtliche Vater. Diese Schieflage sei diskriminierend, sagt Hammer. Und welche Eigenschaften müsste die Person haben, die das Bundeskanzleramt ausübt? „Aufmerksam sein“, sagt Hammer. „Es muss ein Gehör, die Sensibilität und die nötige Ernsthaftigkeit für die Belange der jungen Generation da sein, weil sie die Konsequenzen aus den Entscheidungen später tragen muss.“