„Wir Wochenendrebellen“: In dem Buch tourt ein...

Jason (links) mag keine Enge. Trotzdem fährt er mit Vater Mirco durch die Fußballrepublik. Foto: Sabrina Nagel  Foto: Sabrina Nagel

Es gibt einen Moment im Leben fußballverliebter Eltern, der von großen Hoffnungen begleitet und zugleich angstbesetzt ist: Wenn sie ihr Kind zum ersten Mal mitnehmen ins...

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. Es gibt einen Moment im Leben fußballverliebter Eltern, der von großen Hoffnungen begleitet und zugleich angstbesetzt ist: Wenn sie ihr Kind zum ersten Mal mitnehmen ins Stadion, ohne zu wissen, ob die eigene Liebe sich auf den Nachwuchs übertragen wird.

Jason (links) mag keine Enge. Trotzdem fährt er mit Vater Mirco durch die Fußballrepublik. Foto: Sabrina Nagel  Foto: Sabrina Nagel
Das Buch ist bei Benevento Publishing erschienen. Foto:Sabrina Nagel   Foto:

Als Jason an der Seite von Papa und Großvater seine erste Partie erlebt, spielt Fußball im Leben seiner Eltern allerdings eine eher untergeordnete Rolle. Mama Fatime, von Kindesbeinen an BVB-Fan, sieht hin und wieder ein Spiel live. Papa Mirco, als Kind Anhänger der Bayern und in späteren Jahren von Düsseldorfs Fortuna bekehrt, kommt auf eine jährliche Partie mit seinem Vater. Nichts deutet darauf hin, dass der erste Stadionbesuch des Sohnes das Leben der Familie komplett verändern würde.

Jason ist damals fünf und hat nach dem Spiel viele Fragen: „Wieso gibt man nicht jedem einen Ball?“, „Warum hatten manche Spieler das gleiche Trikot an?, „Wie groß sind die Löcher im Tornetz?“ Besonders treibt den Jungen die Überlegung um, wie man Fan eines bestimmten Vereins wird, zumal, ohne alle anderen zu kennen. Der Abend endet mit der Feststellung, er müsse alle Teams sehen, bevor er sich für einen Verein entscheide. „Papsi“ Mirco erklärt sich einverstanden und die beiden besiegeln ihr Versprechen mit einem Handschlag.

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Diese Szene schildert Mirco von Juterczenka im ersten Kapitel von „Wir Wochenendrebellen“. Darin beschreibt der Familienvater sieben Jahre nach dem ersten Stadionbesuch die Reisen, die er mit Jason seither unternommen hat, was sie für die gesamte Familie bedeuten und was ihn und den Sohn von anderen Fußballbegeisterten unterscheidet: Jason ist Asperger-Autist und im Stadion eigentlich permanent Dingen ausgesetzt, mit denen er sonst im Alltag Probleme hat, seien es Lärm, Enge, unvorhersehbare Situationen oder fremde Menschen.

Zwar ist Autismus eine Diagnose, man spricht dabei aber nicht von einer Krankheit. Es ist ein „Spektrum“, denn es gibt zwar übereinstimmende Merkmale, aber letztlich ist jeder Autismus anders. Man unterscheidet zwischen frühkindlichem und atypischem Autismus, der Autismus-Spektrum-Störung und eben: Asperger-Autismus. „Entwicklungsstörung“, schreibt Mirco im Buch und es ist spürbar, wie seine Stirn unwillige Falten schlägt. „Ein Fachbegriff, der nicht nur meine Frau und mich ratlos zurücklässt. Wir sehen da nichts Störendes in seiner Entwicklung.“

Über die Touren bloggt Mirco bald, anfangs noch anonym – er heißt im Netz Martin, der Sohn Jay-Jay. Die Auswärtsfahrten kommen immer öfter dank Twitter zustande. „Man kann gänzlich ausschließen, dass es unsere Geschichte ohne Twitter gäbe“, vermutet Mirco. In dem sozialen Netzwerk sind Fußballfans aller Vereine vernetzt, sie organisieren Karten für Vater und Sohn, laden sie ein, führen sie durch Städte und Stadien. So lernt Jason die Dortmunder Südtribüne kennen, erfährt beim Besuch in Mainz, wie der FSV seine Klimaneutralität umsetzt und erlebt in Darmstadt vorm Spiel des SV 98 eine exklusive Führung durchs GSI Helmholtzzentrum für Schwerionenforschung, wo der Großvater eines ebenfalls autistischen Jungen arbeitet, dessen Familie die beiden eingeladen hat. „Wie Jason und der Mittsechziger im GSI gefachsimpelt haben, da standen wir mit offenem Mund daneben“, lacht Mirco.

Jasons Befindlichkeiten dominieren den Alltag

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Fatime und Tochter Lani genießen die Zeit ohne die beiden Männer anfangs. „Die Entwicklung war schleichend“, erinnert sich Fatime, dann, lachend: „Als es angefangen hat, war mir nicht klar, welche Ausmaße das annehmen würde.“

Mirco, der beruflich viel unterwegs ist, holt mit dem Sohn auch verpasste Zeit aus dessen früher Kindheit nach. „Zu sagen, dass ich mich nicht gekümmert habe, klingt hart, trifft es aber“, erklärt er selbstkritisch. Durch die häufigen Reisen wiederholt sich die Problematik in Teilen mit seiner Tochter. Als ihr Papa eine Weile besonders häufig unterwegs ist, fragt Lani die Mutter: „Ist der Papa tot?“

Über diese Episode schreibt Mirco im Buch: „Es war der Zeitpunkt, als ich begriff, dass ich akut zum Handeln gezwungen war, meine berufliche Situation verändern musste.“ Da Jason unter der Woche mit seinen speziellen Ansprüchen, die in alle Bereiche des Lebens ragen, den Alltag dominiert, war „die wunderbare kleine Lady“ ungewollt in den Hintergrund geraten, die Last der Verantwortung lag zu stark auf Fatimes Schultern. Mirco verändert seine Jobsituation, um mehr Zeit für seine Familie zu haben. „Ich empfand das aber auch vorher nie als negativ“, sagt leichthin im Rückblick die zweifache Mutter Fatime, über die Mirco schreibt: „Sie ist die beste Frau der Welt. Sie gibt die Taktik vor, ist die Pferdelunge im Mittelfeld, wehrt gegnerische Angriffe ab und verwandelt vorne die wichtigen Dinger.“

Fatimes Lächeln ist in ihrer Stimme zu hören, als sie erklärt: „Wir mussten immer kämpfen für unsere Liebe. Ich bin Albanerin, Muslima, Mirco Deutscher, Christ. Es gab immer Widerstände. Aber unsere Beziehung ist so stark.“ Den Kampf hat sie früh auch für den Sohn angenommen. „Klar fehlt die Zweisamkeit manchmal. Aber es ist selbstverständlich, das für Jason zu tun. Die Reisen haben so viel positiv für ihn verändert. Er ist heute viel selbstbewusster. Das ist toll.“

Die Aufmerksamkeit der Erwachsenen, mit denen er ohnehin viel mehr anfangen kann als mit Gleichaltrigen, ist für den Sohn ganz normal. Wenn er und „Papsi“ in den Stadien dieser Republik – und manchmal auch darüber hinaus – unterwegs sind, muss er sich nicht erklären. „Die Nähe mit den Menschen, die wir über Twitter kennen, ist sehr natürlich und unmittelbar.“

Eltern stoßen oft auf Unverständnis

All das schützt allerdings nicht vor skurrilen Situationen oder Momenten der Hilflosigkeit, etwa wenn Jason am Millerntor mal muss, sich aber weigert, das Stehklo zu nutzen. Am Ende kauert Papsi in unmöglicher Haltung als lebende Kloschüssel „im Matsch-Pisse-Gemisch“ und hält den pullernden Sohn, während die Pauli-Fans das Gespann ungläubig mustern. „Wenn er im Sitzen urinieren muss, mache ich es möglich, dass er im Sitzen urinieren kann.“

Dafür, wie sie mit ihrem Sohn umgehen, stecken die Eltern auch Kritik ein. „Es gibt diese Leute, die glauben, er bräuchte nur mal einen Satz heiße Ohren“, seufzt Mirco. „Wir haben immer so gehandelt, dass es für Jason gut ist“, betont Fatime. „Sein Autismus ist für uns eben Teil seiner Persönlichkeit.“ Mirco ergänzt: „Der Lernprozess war, zu verstehen: Jason empfindet anders. Die Erkenntnis war entscheidend. Wo Jason heute ist, das war für alle ein hartes Stück Arbeit, aber das war’s tausendmal wert.“

Dieses Bewusstsein war mit ein Entscheidungsgrund dafür, das Buch zu schreiben, das sehr persönliche Einblicke in ihre Erlebnisse als Familie gewährt, erklärt Fatime: „Wenn es nur einem autistischen Kind hilft, hat sich alles gelohnt.“

Von Mara Pfeiffer