Von einem, der auszog, die Wahrheit zu suchen

Theologiestudent Linus Mauerer aus Mainz. Foto: Harald Kaster

Ein Leben als Pfarrer? Niemals, beschloss Linus Maurer mit 17. Heute studiert der 23-jährige Mainzer Evangelische Theologie. Über das Damaskus-Erlebnis eines Pastorensohns.

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MAINZ. Manche biblischen Weisheiten sind längst zu Platitüden verkommen. Wie der Satz „Die Wege des Herrn sind unergründlich“. Linus Maurer mag keine Platitüden, genauso wenig wie Small Talk oder Kommunikation ohne ungeschminkt-ehrlichen Austausch. Und zugleich ist Linus Maurer der beste Beweis dafür, dass Paulus’ Satz von den unergründlichen Wegen alles andere als eine Platitüde ist. Was seinen eigenen Weg anging, stand für den 23-Jährigen eines felsenfest: ein Leben als Seelsorger? Niemals! „Für einen Pfarrer gibt es kaum Privatsphäre“, klagt Maurer, „auf der Straße wird er ständig angesprochen, und will er seine Ruhe, bleibt nur die Flucht irgendwo hin, wo ihn keiner kennt.“

Maurer muss es wissen. Er ist in einem evangelischen Mainzer Pfarrerhaushalt aufgewachsen. Hatte lange genug beobachtet, was es heißt, eine Person des öffentlichen Lebens zu sein. Ausgeschlossen, abends in der Kneipe abzuhängen, oder sich in der Öffentlichkeit mal gehen zu lassen. „Das Erste, was Sie in so einem Fall hören“, mokiert sich der junge Mann, „ist: ,Aber Herr Pfarrer, von Ihnen hätte ich das nicht erwartet’.“

Trotz seines protestantisch geprägten Zuhauses: Als Jugendlichem schien Linus Maurer das Thema Kirche einigermaßen suspekt. Wie den meisten seiner Altersgenossen. Der damals 17-Jährige misstraute diesem „Kuscheligen“, etwa im Religionsunterricht. Irgendwo gab es doch immer Leute, die einfach nur nervten. „Die typische Anti-Haltung eines Pubertierenden“, spöttelt er heute über sein jüngeres Alter Ego. Auch mit Sätzen wie „Gott liebt mich“ haderte er in dieser Phase seines Lebens. „Insgeheim fragte ich mich, woher ich das denn wissen sollte“, bekennt Maurer seine Zweifel. Nein, eine Kirchenlaufbahn würde nicht infrage kommen, das stand für ihn fest. Seinen Weg stellte er sich anders vor, das Ziel: Soziale Arbeit.

Damaskus-Erlebnis an der Uni Dortmund

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Heute studiert Linus Maurer Evangelische Theologie. Vor ihm liegt die Zwischenprüfung, danach biegt er auf die Zielgerade ein, Richtung Vikariat. Verblüffend, dieser Richtungswechsel. Erinnert an die Verwandlung des Saulus in Paulus, nachdem er, vom Blitz getroffen, vor Damaskus vom Pferd gestürzt war. Bei Maurer beließ es der Herr bei einem Geistesblitz. Der dazu führte, dass sich vor ihm unversehens ein neuer Weg auftat. Maurers Damaskus-Erlebnis fand an der Uni Dortmund statt. Dort lehrt sein Vater Evangelische Theologie.

„Ich saß als Gast in seiner Vorlesung, als mein Vater erklärte, Gott könne niemals vom menschlichen Verstand erfasst werden. Als mir dies plötzlich bewusst wurde – dass wir Christen überhaupt nicht wissen müssen oder können, wie und was Gott ist – fiel mir eine Last von der Seele.“ Befreit von dem Druck, sich in ein starres, auf unverrückbaren Glaubenssätzen gründendes Gerüst einfügen zu müssen, öffnete sich vor Maurer eine gänzlich neue Route: hinein in das weite Feld einer Wissenschaft, welche die Wege des Herrn auf Grundlage biblischer Texte zu ergründen sucht.

Maurer wechselte die Richtung und schrieb sich für Evangelische Theologie ein. Anfangs sah er sich noch als künftigen „Sozialarbeiter mit theologischem Bezug“, mittlerweile hat ihn jedoch der Forschungseifer gepackt: „Ich will der Wahrheit auf die Schliche kommen.“ Martin Luther, die Theologen Karl Barth, Jürgen Moltmann, das sind seine Gewährsleute, mit denen er sich auf die Suche macht.

Uni, Gemeinde oder Knast

Ob’s klappt mit einer Promotionsstelle? Maurer belässt es nicht bei Gottvertrauen. „Ich will mich auf jeden Fall ordinieren lassen und erst mal den Weg des Pfarrers gehen.“ Gerade hat der junge Mann das Gemeindepraktikum hinter sich gebracht. Einerseits erscheint ihm nun der Beruf des Pfarrers um einiges attraktiver („Man kann sehr viel bewegen und im Vergleich zur Sozialarbeit in irgendeiner Einrichtung sich um einiges freier entscheiden, wie und wofür man sich engagieren möchte“), andererseits war es auch ein Schock: zu erleben, dass für Projekte in einer Gemeinde das dafür nötige Geld fehlt – oder die Nachfrage beim Zielpublikum.

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Jedes Jahr sterben den Kirchen mehr Mitglieder weg als neue dazukommen. Im vergangenen Jahr wurden zwar 180 000 Menschen evangelisch getauft, sprich: neu in die Kirche aufgenommen. Doch die Zahl der neuen Mitglieder wiegt die in der Statistik verzeichneten 390 000 Todesfälle bei Weitem nicht auf. „Manchmal sitzen im Gottesdienst nur 20 Leute“, eine frustrierende Erfahrung für den Vikar in spe. Dessen Stimme deutlich entspannter klingt, als um seine Chancen auf eine Pfarrstelle geht. Zwar gibt es weniger Schäfchen, aber sehr viel drastischer wirkt sich die rückläufige Zahl an Hirten aus. Viele Gemeinden suchen mittlerweile händeringend nach einem Pfarrer. „Da findet man sicher eine Gemeinde, die zu einem passt“, Maurer ist da sehr zuversichtlich. Im Übrigen zeigt er durchaus Verständnis für all jene, die den Gottesdienst schwänzen. „Ich geh’ samstags auch gerne aus, da hab’ ich nicht unbedingt Lust, am nächsten Morgen um 9 Uhr in der Kirche zu sitzen.“

Wofür er aber immer aufstehen würde, egal, zu welcher Tages- und Nachtzeit, ist die Verteidigung von Werten, die ihm wichtig sind. Nicht nur, dass er zur Demo gegen die braune Brut nach Chemnitz gefahren ist: Er hat mit Gleichgesinnten den „Christlichen Widerstand gegen Rechts“ gegründet. Auch Atheisten sind hier willkommen. „Man muss nicht an Jesus Christus glauben, um für Menschenwürde einzutreten“, wirbt Maurer um Weggefährten. Die mit ihm eine Gemeinschaft bilden „ohne zu kuscheln, ohne Glückskeks-Weisheiten“. Gemeinschaften, in denen einer wie er, der darum ringt, wie sich sein unumstößlicher Grundsatz von der „Feindesliebe“ auf den Umgang mit Neonazis anwenden lässt, aufmerksame Gesprächspartner findet. Spätestens nach dem Examen wartet die nächste Kreuzung, an der sich Maurer entscheiden muss. Zum Beispiel, ob er in den Knast geht. Seit einiger Zeit betreut er ehrenamtlich Häftlinge. „Erfüllend“, findet er diese Arbeit. Theologie, Gemeinde, Gefängnisseelsorge, wer weiß, was noch kommt. Sind eben unergründlich, die Wege des Herrn.

Von Birgit Schenk