Sams-Erfinder Paul Maar und die Lieben seines Lebens

Autor Paul Maar.

Dem erfolgreichen Kinderbuchautor Paul Maar hilft das Schreiben durch schwere Zeiten: Der 85-Jährige kümmert sich um seine an Alzheimer erkrankte Frau. Ein Besuch in Bamberg.

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. Elvira hat einen gedeckten Apfelkuchen gebacken. Eigentlich kümmert sie sich gemeinsam mit anderen Pflegerinnen um Nele Maar. Seit mehr als 65 Jahren sind der bekannte Kinderbuchautor Paul und seine Nele ein Paar. Vor einigen Jahren ist sie an Alzheimer erkrankt. Der Verlauf ist erbarmungslos. Seine Frau sei nur noch eine Hülle. So drastisch sagt er das. Maars Augen sind glasig, die Stimme bricht. In einem Film, der jetzt zu Paul Maars 85. Geburtstag im BR zu sehen ist, reagiert sie noch auf ihn. Inzwischen kann sie nur noch essen.

Während unten seine Frau zu Mittag isst, sitzt er im Arbeitszimmer. Hier hat er seine Ruhe. Viele seiner Bücher stehen in den Regalen. Ein Plüschtier vom „Sams“ ist auch da. In dem verwinkelten Haus in der Altstadt von Bamberg, wo die Familie seit den 80er Jahren lebt, geht es um die Liebe. Die Liebe zum Leben, zu seiner Arbeit, seiner Frau, den Kindern und Enkeln. Paul Maar ist ein Vielschreiber.

Hilft Ihnen Schreiben durch dunkle Zeiten, Herr Maar?

„Schreiben hat mir schon immer geholfen. Erst das Lesen, dann das Schreiben. In meiner schwierigen Kindheit mit einem eher autoritären Vater, der nicht viel von mir hielt, hat mich die Literatur aufgebaut. Da bin ich in andere Welten abgetaucht. Und jetzt ist es auch so. Durch die bedrückende Krankheit meiner Frau. Da lebt und liebt man mehr als 60 Jahre mit einer Frau zusammen – und dann ist da nur noch diese menschliche Hülle, die mich nicht mehr erkennt, die nicht mehr spricht, die Umwelt nicht mehr wahrnimmt. Das ist sehr schmerzlich. Wenn ich dann am Computer sitze und losschreibe, dauert es ein, zwei Minuten und ich bin in einer anderen Welt.“

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Nachts um drei Uhr wacht er oft auf. Neben dem Bett liegt sein Notizbuch, bereit für seine Einfälle. Von einem „Nasenhaarschneider“ hat er am Vorabend gelesen. Er steht auf, nimmt sein Heftchen zur Hand und liest vor, was ihm heute Nacht eingefallen ist: „Wenn der Nasenhaarschneider das Nasenhaar schneidet, ist es ihm schnurzegal, dass das Nasenhaar leidet, denn das ruft ganz bestürzt: ‚Ich werde gekürzt.‘“

Das ist dieser Paul Maar, wie man ihn aus seinen Kinderbüchern, aber auch von dem lesenswerten Roman „Wie alles kam“ kennt. In diesem Buch erzählt er die bewegende Geschichte seiner Kindheit. Erinnerungen an den Krieg, keine an seine „Himmelsmutter“, die drei Monate nach seiner Geburt an einer Brustentzündung stirbt. Seine Stiefmutter nennt er „Mutter“. Mit ihr flieht er während des Zweiten Weltkriegs aus dem stark bombardierten Schweinfurt aufs Land.

Das Sams ist die berühmteste Figur des  Autors Paul Maar.
Das Sams ist die berühmteste Figur des Autors Paul Maar. (© cf / Oetinger)

Trotz Krieg ist es eine traumhafte Kindheit, die nach Akazienblüten, kaltem Rauch in der Wirtsstube der Großeltern und frisch gebackenem Brot riecht. Die Narbe auf der Nase stammt von einem großen Brotmesser und ist kaum noch sichtbar. Als der Vater aus der Kriegsgefangenschaft zurückkommt, erkennt er seinen neunjährigen Sohn nicht mehr. Und andersrum. Da sagt die Mutter: „Das ist doch dein Papa, gib ihm einen Kuss.“

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Wie erging es Ihrem Vater, Herr Maar?

„Er kam zurück und schien im Krieg Schlimmes erlebt zu haben. Nach amerikanischer Gefangenschaft hat er ein Jahr im Bergwerk in England gearbeitet, wurde dann in Frankreich ausgeladen und war dort noch mal in Gefangenschaft. Als er nach Hause kam, existierte sein Geschäft nicht mehr, alles war geklaut. Selbst das Haus durfte er nicht mehr betreten, weil eine andere Familie dort wohnte. Das hat seinen Frust erhöht.“

Frust, den der Sohn zu spüren bekommt: „Der einzige Weg für ihn, Nähe herzustellen, war, mich zu schlagen.“ Der Vater trauert seiner ersten Frau nach, wenn er betrunken sentimental wird. Pauls erste große Liebe ist die Literatur. Er flüchtet sich in Bücher. Für seinen Vater, einen fleißigen Malermeister, ist Lesen dagegen nichts als Zeitverschwendung. Für einen Groschen und zehn Pfennig pro Buch ist Paul gern gesehener Gast in der Leihbücherei. Bei seinem Freund Wolfgang deponiert er die Bücher, damit der Vater nichts merkt.

Maar ist ein früher Vielleser, kann schon vor dem Grundschulalter lesen. Er erinnert sich an „Die Indianergeschichte“ von Gerhart Drabsch, später dann an „Winnetou“ und alles andere von Karl May. In der Abschlussklasse des Gymnasiums in Schweinfurt tritt nun Nele in Paul Maars Leben.

Wie erinnern Sie sich an sie, Herr Maar?

„Sie kam mit einem Messerschmitt Kabinenroller angefahren, im Volksmund auch Schneewittchensarg genannt, weil er eine durchsichtige Haube hatte. Hinten war ein kleiner Ledersitz, da wurde man sehr durchgerüttelt. Dass ich sie und das Milieu ihrer Eltern, also das Theater und die Schauspieler, kennengelernt habe, hat mich natürlich geprägt. Doch die Liebe zur Literatur war so stark, dass ich wahrscheinlich dennoch Autor geworden wäre.“

Sie haben viel miteinander erlebt, drei Kinder gemeinsam großgezogen. „Wenn man Parallelen ziehen möchte, dann bin ich der schüchterne Herr Taschenbier. Mir hätte ein Sams gefehlt, was mich ein bisschen mutiger gemacht hätte“, sagt Maar. Das Vorbild von Frau Rotkohl ist die Vermieterin der Familie Maar, damals acht Jahre wohnhaft in Stuttgart.

Nele und Paul studieren noch – Paul Malerei an der Kunstakademie –, als sie zum ersten Mal Eltern werden. Es gibt einen Jour fixe am Mittwoch, an dem Mitstudenten zum Essen kommen. „Wir waren arme Studenten, doch im Kaufhof in der Essens­abteilung gab es oft günstige Leber“, erinnert sich Maar.

Aus Verantwortung für die junge Familie muss Maar Geld verdienen, wird Referendar an einer Brennpunktschule und arbeitet dann als Kunsterzieher im schwäbischen Crailsheim. Die ersten Kinderbücher entstehen parallel: „Der tätowierte Hund“ (1967), „Der verhexte Knödeltopf“ (1970), Theaterstücke und dann 1973 „Eine Woche voller Samstage“.

„Alle Kinder hören gerne Geschichten. Eltern sollten sich welche ausdenken. Oder eben vorlesen. Eine Erzählsituation prägt sich beim Kind ein, das gibt eine innige Verbindung, schafft eine Nähe, dass man Geschichten immer angenehm erfindet“, schildert Maar eine ideale Vorstellung und weiß, dass nicht alle Eltern das leisten können im Alltag. Deshalb engagiert er sich als Schirmherr für eine Aktion, die schon im Kindergarten Bücher an die Kleinen heranführt.

Zurück in die 1970er Jahre nach Stuttgart: Paul Maar bleibt bei den Kindern zu Hause und schreibt, seine Frau Nele arbeitet als Familientherapeutin. Sie führen eine gleichberechtigte Partnerschaft. „Wir haben darüber nie gesprochen, das hat sich so ergeben. Sie ist eine kluge Frau. Als das jüngste Kind sechs Jahre alt war, konnte sie in Tübingen weiterstudieren.“

Sein Erziehungsprinzip mit drei Kindern: „Nicht so werden wie mein Vater.“ Und seine größte Angst? „Dement werden“, sagt Paul Maar ganz geschwind, „und nicht mehr schreiben zu können.“

Von Anja Wasserbäch