Rein ins Lehmbad - Selbstversuch in Meddersheim

Entspannte Raute: Wer ins Felke-Bad eintaucht, ist höchstens noch mit Lehm beschäftigt.  Foto: Sascha Kopp   Foto: Sascha Kopp

Über mir, auf mir, um mich herum – überall ist Lehm. Ich versuche, mein Bein anzuheben, doch die klebrige Masse drückt es nach unten. Meine Finger sind zu einem einzigen...

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. Über mir, auf mir, um mich herum – überall ist Lehm. Ich versuche, mein Bein anzuheben, doch die klebrige Masse drückt es nach unten. Meine Finger sind zu einem einzigen braunen Klumpen verschmolzen. Ich bin eingetaucht – in ein Bad aus Lehm.

Entspannte Raute: Wer ins Felke-Bad eintaucht, ist höchstens noch mit Lehm beschäftigt.  Foto: Sascha Kopp   Foto: Sascha Kopp
Vor 90 Jahren wurde das „Kurhaus Menschel“ gegründet. Heute bieten auch zwei weitere Kurhotels im benachbarten Bad Sobernheim Lehmbehandlungen an.   Foto:

Den schwierigsten Teil habe ich schon hinter mir: den Einstieg. „Der ist gar nicht so einfach“, hat mich Sarah Gins gewarnt, Leiterin des Spa-Bereichs des Hotels in Meddersheim, die mich bei meinem Vorhaben begleitet. Zunächst müsse ich meine Lehmhose anziehen, erklärt sie mir. Noch während ich mich frage, wo ich diese Hose finde, da ich bereits entkleidet am Rande der Grube stehe, soll ich vorsichtig den ersten Schritt in das Unbekannte wagen. Dabei kommt mir ein Erlebnis aus einem Schottland-Urlaub in den Sinn: Bei einer Wanderung, ich denke an nichts Böses, versinkt mein rechter Fuß ohne Vorwarnung vollständig im Moor.

Zurück im Lehmbad. Bis knapp unters Knie eingetaucht, verstehe ich: Die Hose soll ich selbst erschaffen, Oberschenkel und Po mit Lehm umhüllen. Das soll das Eintauchen erleichtern – was schon an mir klebt, muss ich nicht mehr verdrängen. Der Brei ist ein Gemisch aus Lehm und Wasser und hat eine hohe Dichte, ein Liter wiegt 1900 Gramm. Während des Bads soll diese Schwere einen Rückzug des Blutes in die inneren Organe erzeugen, den Stoffwechsel verbessern und die Ausscheidungsfunktion des Körpers aktivieren.

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Zunächst muss ich meinen Po möglichst weit in die Tiefe manövrieren. Ich beginne, meinen Körper unterhalb des Bauchnabels hin und her zu winden, so als wollte ich im Sitzen Twist tanzen. Das Lehmbad ist ein Halbbad. Dabei werden die Beine, der Leib und die Unterarme mit Lehmbrei bedeckt, während der Oberkörper frei bleibt.

Unten angekommen, versuche ich mich weiter einzugraben – und vor allem, unten zu bleiben. Jedes Mal, wenn ich glaube, die perfekte Position gefunden zu haben, rutscht der Lehm erneut unter meinen Körper und treibt ihn nach oben. „Das ist normal“, sagt Sarah Gins, „das liegt an der Schwere des Lehms“. Zudem habe er eine quellende Eigenschaft – er macht sich unter und über mir breit.

Steinchen und Stöckchen im Brei

Kneten des Breis mit den Fingern gehört ebenfalls zum Ritual. So wird der Lehm mit der Zeit – ein Bad dauert 30 bis 60 Minuten – immer geschmeidiger. Neben Sand besteht Lehm aus Schluff, Mineralpartikeln und Ton. Auch ein paar Steinchen befinden sich darin. Diese werden aussortiert und am Beckenrand gesammelt. Ich finde in meinem Bad sogar ein Stöckchen.

Die Befürchtung, ich würde eine Dreiviertelstunde regungslos in der Matsche sitzen, mich langweilen oder gar mein Smartphone vermissen, verflüchtigt sich schnell. Doch obwohl – oder gerade weil? – ich die ganze Zeit in Aktion bin, fühle ich mich schnell entspannt. Das Kneten hat eine beruhigende Wirkung auf mich. In meiner Lehmhose fühle ich mich wohl.

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Während der Sommermonate finden die Anwendungen im Freien innerhalb eines großzügig angelegten Natur-Licht-Luft-Badeparks statt. Der Gast sitzt dabei in einer flachen, in die gewachsene Erde gestochenen Grube. Bei Vogelgezwitscher und Blick auf die Weinberge komme der Kurgast so der Natur noch näher. Doch ist es draußen dafür zu kalt, werden die Bäder in Hallen eingenommen.

Die Masse verströmt einen leicht erdigen Duft, der an Heilerde erinnert. Der Lehm ist angenehm kühl auf der Haut. Die Temperatur des Lehms liegt in der bodenbeheizten Halle etwa bei 30 Grad. Im Gegensatz zu ähnlichen Anwendungen wie Moor oder Naturfango ist das Lehmbad eine Kaltanwendung. Aufgrund der geringen Wärmeleitfähigkeit des Lehms hat sich bereits kurz nach dem Einstieg ein Wärmegleichgewicht eingestellt, und dem Körper wird keine weitere Wärme entzogen.

Ich hatte Bedenken, der Druck des Lehms könnte unangenehm sein, doch das Gegenteil ist der Fall. Der Lehm liegt eng um meinen Körper, ich spüre ihn ganz bewusst und fühle mich geborgen. Sich selbst spüren – das vergesse ich im Alltag oft. Als Lehmbadender ist man zur Beschäftigung mit dem eigenen Körper gezwungen und das tut gut.

Dann heißt es Abschied nehmen. Ich versuche mich – mit beiden Händen rechts und links am Beckenrand abgestützt – hochzustemmen. Ich benötige drei Anläufe, bis mich die braune Masse endlich schmatzend entlässt.

Doch bin ich auch dann noch mit dem Lehm beschäftigt, der auf meiner Haut hängen geblieben ist. Erst streife ich ihn grob mit den Händen ab, anschließend benutze ich einen bereitgelegten Spatel, um auch noch den letzten Rest herunterzuschaben. Dann geht es unter die Dusche – entspannt und mit samtweicher Haut.