Nasenspray wirkt sofort, macht aber süchtig.

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Noch gibt es keinen Popsong über Nasenspray. Vielleicht ändert sich das bald. Während Substanzen wie Kokain und Morphium in Liedern wie „Cocaine“ oder „Sister...

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. Noch gibt es keinen Popsong über Nasenspray. Vielleicht ändert sich das bald. Während Substanzen wie Kokain und Morphium in Liedern wie „Cocaine“ oder „Sister Morphine“ bedacht werden, inspirierte Xylometazolin bisher noch keinen Musiker zu ein paar kräftigen Akkorden. Dabei macht der Hauptwirkstoff von Nasenspray ebenfalls süchtig.

Nach Schätzungen von Professor Dr. Ludger Klimek, Leiter des Zentrums für Rhinologie und Allergologie in Wiesbaden und Präsident des Ärzteverbands deutscher Allergologen, verwenden zwischen zweieinhalb und drei Millionen Menschen regelmäßig zu viele abschwellende Nasensprays. „Das ist immerhin jeder 20. in der Bevölkerung. Bei über 100 000 Patienten kann man von einer Abhängigkeit mit regelrechtem Suchtverhalten sprechen“, so der HNO-Spezialist. Er geht jedoch von einer hohen Dunkelziffer aus. In Wiesbaden hilft er Abhängigen, schrittweise vom Nasenspray loszukommen. „Leider nimmt die Zahl der Suchtpatienten seit Jahren kontinuierlich zu.“

Der Umsatz liegt bei 126 Millionen Euro

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Nasenspray gehört zu den 25 meist verkauften rezeptfreien Mitteln in Deutschland, Tendenz steigend. Pro Jahr werden insgesamt etwa 750 Millionen Packungen nichtverschreibungspflichtiger Medikamente über die Apotheken abgegeben, davon entfallen rund zehn Prozent auf Nasensprays und Nasentropfen. Der Umsatz liegt bei 126 Millionen Euro – ein Bestseller.

Der Grund: Das Mittel wirkt sofort. Schon ein paar Spritzer eines handelsüblichen Nasensprays verengen die Blutgefäße und lassen die Schleimhäute abschwellen. Der Wirkstoff Xylometazolin imitiert die Wirkung des körpereigenen Alarmsystems, des sogenannten Sympathikus-Systems. Dieses schüttet bei Gefahr Adrenalin aus. Das Herz schlägt daraufhin schneller, der Blutdruck steigt – und das Atmen fällt leichter.

Doch der Preis für diesen Atemkickstart ist hoch. Denn der Rebound-Effekt lässt nicht lange auf sich warten: Die Schleimhäute gewöhnen sich an die Substanz, schwellen dauerhaft an und reagieren überempfindlich. Es kommt zu einem medikamentenbedingten Schnupfen. Die Nase trocknet aus, juckt und blutet, Bakterien bilden sich. Im schlimmsten Fall kann es sogar zu einer Erkrankung der Nasenschleimhaut – der sogenannten Stinknase – kommen. Hierbei beginnt die Nase nach einiger Zeit einen süßlich fauligen Geruch zu verströmen. Von dem bleiben die Betroffenen allerdings meist verschont, weil sich ihre Geruchsnerven an Eigengeruch gewöhnt haben oder schon abgestumpft sind. Auch der Geschmackssinn leidet darunter. Zudem verklumpt das Nasensekret zu schwarzen bis gelbgrünen Popeln – sogenannten Borken.

Xylometazolin kann zudem richtig gefährlich werden. Durch den Wirkstoff wird auch der Nasenknorpel schlechter durchblutet. Das Gewebe kann absterben, ein Loch in der Nasenscheidewand die Folge sein. Betrifft das Loch den Nasenrücken, kommt es zu sichtbaren Höckern. Um das zu verhindern, hilft oft nur kalter Entzug. Besteht die Abhängigkeit vom Nasenspray schon mehrere Monate lang, sollte ein Hals-Nasen-Ohren-Arzt aufgesucht werden.

Tatsächlich weisen die meisten Apotheker darauf hin, das Mittel nur sieben Tage anzuwenden. Doch die Flüssigkeitsmenge an Nasensprays pro Fläschchen konterkariert diese Empfehlung. 15 Milliliter pro Fläschchen sind weit mehr, als man binnen sieben Tagen verbrauchen kann – vorausgesetzt, man wendet das Mittel an wie empfohlen. Gleichzeitig ist das Medikament, einmal geöffnet, nur sechs Monate haltbar. Stellt sich also die Frage, wieso die Pharmafirmen nicht kleinere Mengen abfüllen. Pharmakologe Gerd Glaeske von der Universität Bremen sagt: „Fünf Milliliter reichen für einen Zeitraum von fünf bis sieben Tagen vollkommen aus.“ Doch die Pharmafirmen wollten offensichtlich nicht geringere Mengen verkaufen.

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NO-Ärzte plädieren für eine Verschreibungspflicht

Warum ist ein Medikament mit einem so hohen Abhängigkeitspotenzial rezeptfrei verfügbar? Viele Ärzte und auch der Verband der HNO-Ärzte plädieren für eine Verschreibungspflicht. In einer Stellungnahme der Presseabteilung heißt es in Bezug auf die Gewöhnung an Nasenspray, dieser Effekt sei bekannt. Die entsprechenden Nebenwirkungen und die empfohlene Einnahmedauer seien in der Packungsbeilage aufgeführt. Einen Grund, abschwellende Nasensprays für rezeptpflichtig zu erklären, sieht die Bundesbehörde nicht.

Derweil schlagen sich mehrere tausend Menschen in Deutschland mit den Folgen ihrer Sucht herum. In unzähligen Internetforen und Blogs beschreiben Xylometazolin-Abhängige, wie sie Panik befällt, sobald ihr Nasenspray-Fläschchen leer ist. Manche Betroffene beschreiben regelrechte Angstzustände, wenn sie das Mittel weglassen. Sie befürchten, nur noch schlecht Luft zu bekommen oder zu ersticken. Deswegen heben die meisten Nasenspray-Abhängige die Präparate an allen möglichen Stellen ihrer Wohnung auf, um immer versorgt zu sein. Die Sucht lässt sie zudem regelmäßig die Apotheke wechseln, um keinen Verdacht zu erregen. Denn sobald ein „begründeter Verdacht auf Missbrauch“ vorliegt, dürfen Apotheker laut Apothekenbetriebsordnung Arzneimittel nicht ausgeben. Eine Folge ist, dass Abhängige nicht selten ihren Partner oder Freunde vorschicken.

Hausmittel helfen auch, wirken aber langsamer

In Wiesbaden werden Patienten behandelt, die bereits abhängig geworden sind. Meistens kommt es zu geschwollenen Nasenschleimhäuten wegen Entzündungen. Deshalb empfiehlt Prof. Klimek antientzündliche Präparate. Diese würden parallel zu den abschwellenden Sprays genommen, bis der Patient sich Schritt für Schritt von den abschwellenden Sprays entwöhnt habe. Diese speziellen Produkte haben auch einen abschwellenden Effekt, aber ohne den starken Gewöhnungseffekt der Nasensprays. Dafür wirke es langsamer. „Wir haben Patienten beispielsweise mit Milbenallergien, die seit 20 Jahren abschwellende Nasensprays nehmen und mit der richtigen Behandlung innerhalb weniger Tage oder Wochen vollkommen beschwerdefrei sind“, erklärt der Rhinologe.

Wer erst gar nicht in die Abhängigkeit geraten will, steigt auf natürliche Alternativen um. Ungefährlich und dennoch wirksam sind Nasenduschen. Auch Kochsalzlösung oder Solesprays helfen, die Schleimhäute zu befeuchten. Manche Patienten schwören auch auf ätherisches Öl, das sie sich direkt unter der Nase auftragen. Beim Einziehen der Luft verspürt man einen kühlenden, lindernden Effekt. Gegen den schnellen Kick des Nasensprays kommen diese Hausmittel zwar nicht an, sicherer sind sie aber allemal.

Von Nadine Zeller